„Ich hätte mir niemals ausmalen können, wie groß die Unterschiede sind“
Niclas Füllkrug kehrte nach drei Jahren mit großen Ambitionen zu Werder Bremen zurück. Er sei nicht gekommen, „um hier meine Karriere ausklingen zu lassen“, hatte der 33-Jährige gesagt. Vielmehr wolle er an seine erfolgreiche erste Zeit an der Weser anknüpfen, als er als Torschützenkönig der Bundesliga auch den Sprung in die Nationalmannschaft schaffte.
Werder hat den Stürmer erst einmal für ein Jahr vom Premier-League-Absteiger West Ham United ausgeliehen. Füllkrug nimmt, um bei den Bremern spielen zu können, Einbußen beim Gehalt hin. „Verzichten tue ich nicht. Ich werde einfach in einer anderen Währung bezahlt: Emotionen und Leidenschaft.“ Er will das nicht überbewertet wissen.
Frage: Erinnern Sie sich an den 8. Juni 2025?
Niclas Füllkrug: (überlegt einen Moment und sagt dann) Da haben wir mit der Nationalmannschaft gegen Frankreich in der Nations League gespielt.
Frage: Das 0:2 im Spiel um Platz drei war Ihr bisher letztes Länderspiel…
Füllkrug: Beim folgenden Lehrgang gehörte ich noch zum Aufgebot. Trotz guter Vorbereitung war ich in der Hinrunde der vergangenen Saison immer wieder verletzt. Das ist das leidige Thema für mich in England gewesen. Somit weiß ich gar nicht, ob es aus Leistungs- oder medizinischen Gründen mein bislang letztes Länderspiel war. Aber eines ist mir wichtig …
Frage: Und zwar?
Füllkrug: Ich bin dankbar und froh über jedes Spiel, das ich für die Nationalmannschaft machen durfte. Über jede Erfahrung, vor allem über die Eindrücke bei der WM in Katar. Ich war bis vor der WM 2026 im dauerhaften Austausch mit dem Bundestrainer, was ich als große Wertschätzung empfunden habe.
Frage: Allerdings hat Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann auf Sie für das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko verzichtet. Wie groß war die Enttäuschung?
Füllkrug: Ich weiß, was ich für die Nationalmannschaft drei Jahre lang geleistet habe. Ich habe nie Ansprüche gestellt. Und es hängt immer mit der Erwartung zusammen. Es ist alles fair abgelaufen, ich trauere deshalb nichts nach.
Frage: Aber wäre eine Nominierung aufgrund Ihrer Leistungen und regelmäßigen Einsätze in Mailand nicht verdient gewesen?
Füllkrug: Meine Leistungen waren, auch wenn ich bei vielen Spielen von der Bank kam, soweit positiv. Was leider nicht gestimmt hat, war die Statistik. Die hätte besser aussehen müssen, um mit zur WM zu fahren.
Frage: In 20 Spielen haben Sie nur ein Tor erzielt …
Füllkrug: Deshalb war die Enttäuschung am Ende, nicht zur WM zu fahren, nicht so groß. Aber ich bin super dankbar für das halbe Jahr bei Milan. Es hat nicht nur super viel Spaß gemacht, sondern ich habe auch sehr viele wichtige Erfahrungen mitnehmen können.
Frage: Hatten Sie schon Kontakt mit Nagelsmann-Nachfolger Jürgen Klopp?
Füllkrug: Die Nationalmannschaft ist aktuell kein Thema, ich möchte mich voll und ganz auf Werder konzentrieren.
Frage: Was halten Sie grundsätzlich davon, dass Klopp neuer Bundestrainer ist?
Füllkrug: Er ist eine riesengroße Persönlichkeit mit einer immensen Strahlkraft. Zusammen mit Rudi Völler als Sportdirektor kann erneut einiges zum Positiven für Fußball-Deutschland bewirkt werden. Und ich bin davon überzeugt, dass es für jeden Spieler eine tolle Möglichkeit ist, für die Nationalmannschaft zu spielen, von Jürgen Klopp trainiert zu werden und unter ihm seine Erfahrungen machen zu dürfen.
Frage: Damit Sie das noch erleben dürfen, müssen die Leistungen stimmen. Wie groß ist die Vorfreude auf Ihr Bundesliga-Comeback in Freiburg?
Füllkrug: Riesengroß! Schon vor unserem 3:0-Sieg im Pokal gegen Lüneburg am Millerntor wurde ich von unseren zahlreichen Fans herzlichst empfangen. Das ist Werder durch und durch! Der Verein steht für Emotionen und Leidenschaft. Das tut mir gut. Darum bin ich zurück. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.
Frage: Wie hat sich die Rückkehr nach Bremen nach drei Jahren in Dortmund, London und Mailand angefühlt?
Füllkrug: Als wenn man nach dem Urlaub wieder heimkommt. Ich habe als Kind hier im Nachwuchs-Leistungszentrum, das im Stadion ist, gewohnt, bin hier zur Schule gegangen und regelmäßig mit Bus und Bahn durch die Stadt gefahren. Ich kenne – angefangen von den Junioren-Trainern bis zur Physioabteilung – so viele Menschen bei Werder, von denen einige enge Freunde von mir sind. Darum benötige ich keine Zeit zum Ankommen.
Frage: Nach dem Champions-League-Finale mit dem BVB und der EM 2024 sind Sie zu West Ham gewechselt. Ein Fehler?
Füllkrug: Im Nachhinein muss man festhalten, dass es in England keine Erfolgsgeschichte war, und der Plan nicht aufgegangen ist. Dennoch weiß ich nicht, ob es besser gewesen wäre, in der Konstellation damals beim BVB zu bleiben.
Frage: Warum?
Füllkrug: In der Saison 2023/2024 kam ich inklusive Länderspiel-Einsätze auf 22 Tore und elf Vorlagen. Man stellt sich die Frage: Gelingt einem ein solches Jahr erneut, wenn Dortmund zu dem Zeitpunkt Serhou Guirassy (kam für 18 Millionen Euro aus Stuttgart, Anmerkung der Redaktion) verpflichtet? Oder nutzt man eine neue Situation, wenn ein – nicht aus wirtschaftlichen Gründen – lukratives Angebot vorliegt?
Frage: Wenn es nicht um Geld ging: Was hat einen Wechsel auf die Insel so attraktiv gemacht?
Füllkrug: Die Perspektive und die Wertschätzung. Denn mit 31 Jahren einen langfristigen Vertrag über vier Jahre zu erhalten wie damals, hat mir gezeigt, welche wichtige Rolle ich bei West Ham einnehmen sollte. Dass mit dem Abstieg und meinen vielen Verletzungen der Worst Case eintritt, war damals nicht abzusehen. Die Konstellation hat viel mehr für einen Transfer als für ein Dableiben gesprochen – auch wenn ich in Dortmund ein tolles Jahr hatte. Mit dem Wissen von jetzt hätte ich vielleicht nicht nach England gehen sollen.
Frage: Wieso?
Füllkrug: Ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob man im Alter von 22 Jahren in die Premier League geht und sich an die Dynamik und Physis gewöhnen muss oder mit 31 Jahren. Das Training, die Spiele, die Regeneration und auch die medizinische Betreuung sind ganz anders als in Deutschland. Ich hätte mir niemals ausmalen können, wie groß die Unterschiede sind.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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