Deshalb erobern nun griechische Spieler Europas Top-Ligen
Es ist einer dieser Abende, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eines Fußballlandes eingebrannt haben. Als Griechenland im Sommer 2004 zur Europameisterschaft nach Portugal gereist war, rechnete kaum jemand mit dem, was folgen sollte. Am 5. Juli kehrte die Mannschaft als Titelträger nach Athen zurück.
Knapp eine Million Menschen empfingen die Helden in der Hauptstadt. „Wir lieben euch, weil ihr uns stolz gemacht und weil ihr den Traum wahr gemacht habt“, rief der damalige griechische Sport-Vizeminister Georgios Orfanos den Helden zu.
Der Fußball, den Griechenland damals spielte, war selten spektakulär. Er war pragmatisch, diszipliniert, unangenehm für den Gegner. Otto Rehhagel, deutsche Trainerlegende, hatte aus einer erfahrenen Mannschaft eine Einheit geformt, die vorwiegend eines beherrschte: Spiele zu gewinnen. Der Altersdurchschnitt des Kaders lag bei rund 28,8 Jahren. Griechenland setzte auf Erfahrung – und sicherte damit den EM-Titel.
22 Jahre später ist die Ausgangslage eine gänzlich andere. Griechenland wartet noch immer auf den nächsten großen Turniermoment. Die WM 2014 war die bislang letzte Teilnahme an einem großen internationalen Turnier. Für die EM 2024 qualifizierte sich die Mannschaft nicht. Im Play-off-Rückspiel unterlag sie Georgien im Elfmeterschießen. Auch die WM 2026 fand ohne Griechenland statt. In der Qualifikation reichten sieben Punkte nur zu Platz drei.
Der griechische Nationalspieler Christos Tzolis in seinen ersten Trainingseinheiten bei Arsenal LondonUnd trotzdem gibt es Gründe für Optimismus. Denn eine neue Generation griechischer Fußballer drängt auf den Markt – und immer mehr von ihnen schaffen den Sprung zu Klubs, bei denen früher nur wenige Griechen anzutreffen waren.
Christos Tzolis wechselte in diesem Sommer für rund 40 Millionen Euro von Club Brügge zum FC Arsenal. Konstantinos Karetsas ging für rund 32 Millionen Euro von KRC Genk zu Borussia Dortmund. Giannis Konstantelias folgte ihm von PAOK Saloniki nach Dortmund – für zunächst 26 Millionen Euro plus mögliche Bonuszahlungen. Torhüter Konstantinos Tzolakis wechselte von Olympiakos Piräus zu Hull City. Und Bayern München holte mit dem 17-jährigen Konstantinos Karandrikas ein weiteres griechisches Abwehrtalent für seine U19.
Transfers, die von einer Entwicklung erzählen
Bereits im vergangenen Sommer wechselten mit Charalampos Kostoulas und Stefanos Tzimas zwei weitere griechische Offensivtalente zu Brighton & Hove Albion. Konstantinos Koulierakis ging den Weg über Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg inzwischen weiter zur AS Rom. Und bei Olympiakos spielt mit Christos Mouzakitis ein 19-Jähriger, dessen Marktwert bereits bei rund 25 Millionen Euro liegt.
Die Zahlen unterstreichen den Wandel. Der Marktwert des griechischen Nationalmannschaftskaders liegt nach aktuellen Daten von „transfermarkt.de“ bei rund 275,6 Millionen Euro. 2020 waren es noch 121,6 Millionen. Das entspricht einem Anstieg von rund 127 Prozent. Die deutsche Nationalmannschaft hat im Vergleich zu 2020 eine Entwicklung von gerade mal 1,5% nach oben zu verzeichnen : 2020 waren es 947 Millionen Euro, sechs Jahre später sind es 962 Millionen Euro.
5. Juli 2004: Otto Rehhagel (r.) sitzt nach der Rückkehr von der EM in Portugal vorn im Teambus – der deutsche Coach führte Griechenland zum EM-TitelNoch auffälliger ist ein Blick auf die Ausbildungsvereine. Besonders PAOK und Olympiakos entwickeln sich zu Talentschmieden des griechischen Fußballs.
Olympiakos lieferte dafür bereits 2024 den vielleicht eindrucksvollsten Beweis. Erst gewann die U19 die Uefa Youth League – als erster griechischer Verein überhaupt. Wenige Wochen später holte die Profimannschaft mit dem Sieg gegen die Fiorentina den Conference-League-Titel und damit Griechenlands ersten großen europäischen Vereinspokal.
Der Erfolg ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme. Die griechischen Topklubs haben in den vergangenen Jahren stärker in ihre Nachwuchsarbeit investiert, Talente früher gesichtet und versucht, ihnen schneller den Weg in den Profifußball zu ermöglichen.
Griechenland bringt derzeit nicht nur offensive Ausnahmetalente hervor, sondern Spieler für nahezu jeden Mannschaftsteil. Mit Tzolakis spielt bereits ein junger griechischer Torhüter in der Premier League. Koulierakis und Karandrikas stehen für die Abwehr, Karetsas, Konstantelias und Mouzakitis für das Mittelfeld. Im Angriff sorgen Tzolis, Kostoulas und Tzimas für Aufmerksamkeit. Während Griechenlands große Mannschaft von 2004 primär von Erfahrung und einem funktionierenden Kollektiv lebte, entsteht die neue Hoffnung aus einer ungewöhnlich breiten Generation junger Spieler.
Kostas Konstantinidis kennt beide Seiten. Der ehemalige griechische Nationalspieler spielte in der Bundesliga unter anderem für Hertha BSC (1999 bis 2001) und Hannover 96 (2002 bis 2004), absolvierte 38 Länderspiele und war von 2019 bis 2024 Technischer Direktor aller griechischen Nationalmannschaften beim griechischen Verband.
Der frühere Herthaner Kostas Konstantinidis (r.) am 18. September 1999 in einem Zweikampf mit dem damaligen Leverkusener Robson Ponte„Die positive Entwicklung des griechischen Fußballs ist insbesondere auf eine starke Generation von Spielern zurückzuführen, die früh gefördert worden und hervorragend ausgebildet sind. Die Generation ist top“, sagt Konstantinidis zu WELT AM SONNTAG. Dass immer mehr Spieler den Schritt ins Ausland machen, sieht er dabei nicht nur als Folge der Entwicklung, sondern auch als deren Verstärker: „Dass viele Spieler nun bei Top-Klubs im Ausland unter Vertrag stehen, spricht für ihre Qualität, hilft ihnen aber gleichzeitig dabei, noch besser zu werden.“
Denn genau dort wartet die nächste Entwicklungsstufe. In der Bundesliga, der Premier League oder der Serie A sind junge Spieler einem anderen Tempo, größerem Druck und einer höheren taktischen Intensität ausgesetzt. Sie müssen lernen, auch gegen die besten Gegner Europas Lösungen zu finden. Aber das Vertrauen in sie ist groß.
Giannis Konstantelias ist im August 2026 von PAOK zu Borussia Dortmund gewechseltSo sei der Dortmunder Zugang Konstantelias „ein Spieler, wegen dem die Leute ins Stadion gehen“, sagt Ioannis Amanatidis. Der 44 Jahre alte ehemalige griechische Stürmer spielte unter anderem für den VfB Stuttgart (1999 bis 2004) und Eintracht Frankfurt (2005 bis 2011) und den VfB Stuttgart. Er ist überzeugt, dass sich sein Landsmann in der Bundesliga behaupten wird. „Es gibt Spieler, denen musst du Lösungen zeigen. Und dann gibt es Spieler, die sehen selbst Dinge auf dem Platz, die andere vielleicht gar nicht sehen. Das hat er“, sagte Amanatidis in einem Interview mit „sport1“.
Auch er lobt die verbesserte Nachwuchsarbeit der griechischen Klubs, die vermehrt gemerkt hätten, „dass sie bei der Jugendarbeit und beim Scouting meilenweit hinterherhinken. In den vergangenen Jahren hat man aber gemerkt, dass da Bewegung hereingekommen ist. … Ich sage es mal kurz: Es ist gut um den griechischen Fußball bestellt in den nächsten Jahren.“
Das kann auch der Nationalmannschaft helfen.
Mit Trainer Ivan Jovanović verfolgt Griechenland einen klaren sportlichen Wandel. Der Serbe ist seit 2024 Nationaltrainer. Ziel mit ihm ist, selbst gegen schwächere Gegner das Spiel zu gestalten, statt abzuwarten. Gegen Europas Top-Nationen soll das Team mit Selbstvertrauen auftreten und langfristig eine klare fußballerische Identität entwickeln, um dauerhaft konkurrenzfähig zu sein.
2004 war diese Identität untrennbar mit Rehhagel verbunden. Mit Erfahrung, Disziplin und der Fähigkeit, aus wenigen Chancen das Maximum herauszuholen. Die nächste Generation Griechenlands könnte für etwas anderes stehen: für Talent, Mut und Spieler, die den Fußball in Europas größten Ligen gelernt haben.
5. Juli 2004: In einem Lastwagen beteiligen sich griechische Fußball-Fans an einem Auto- und Motorrad-Corso nach dem EM-Sieg von GriechenlandOb daraus tatsächlich wieder eine Mannschaft entsteht, die bei einem großen Turnier für Aufsehen sorgen kann, wird sich zeigen. Zumal nun erst einmal die Qualifikation für die EM 2028 in England ansteht. Die Griechen sind neben den Niederlanden und Serbien Gegner der deutschen Mannschaft in der Nations League – am 27. September kommt es in Augsburg zum ersten Duell mit der vom neuen Bundestrainer Jürgen Klopp trainierten DFB-Auswahl, am 4. Oktober in Thessaloniki dann zum zweiten.
Doch unabhängig von diesen Partien ist eines bereits jetzt sichtbar: Griechenlands Fußball hat wieder etwas, das ihm lange gefehlt hat – eine Generation, die Hoffnung macht.
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