Wundertüte Werder – Neustart unter erschwerten Bedingungen
Für Niclas Füllkrug war es mehr als ein Jobwechsel. Darauf legt er großen Wert. Es gehe ihm auch nicht um den Anspruch, den ein Verein hat, sondern „um die Menschen, die einen Verein besonders machen“, erklärte der frühere Nationalspieler. Seine Erfahrungen bei Borussia Dortmund, West Ham und AC Mailand möchte er, so unterschiedlich sie auch waren, zwar nicht missen – doch in Bremen habe er als Nachwuchsspieler „im Stadion gewohnt“. Deshalb sei er „vollkommen zufrieden, wieder hier zu sein“.
Die Rückkehr von Füllkrug tut gut – ihm selbst, dem Klub und vor allem den Fans. Denn bei Werder Bremen, das am Sonntag beim SC Freiburg in die neue Bundesligasaison startet (15.30 Uhr, im Liveticker bei welt.de), herrschte, bis die Ausleihe des mittlerweile 33-jährigen Torjägers vor knapp zwei Wochen bekannt gegeben worden war, so ziemlich das Gegenteil von Vorfreude.
Um ein Haar hätte es die Hanseaten erwischt, und sie hätten die Bundesliga nach vier Jahren wieder verlassen müssen. Die Tatsache, dass es die Mannschaft am Ende einer verkorksten Saison dann doch noch auf den rettenden 15. Platz schaffte, war eher dem Umstand geschuldet, dass es mit St. Pauli, Heidenheim und Wolfsburg drei Teams gab, die noch schlechter waren. Gut war in Bremen 2025/26 nichts, vordergründig stimmungsmäßig. So konnte es nicht weitergehen.
Wie Füllkrug Werder und seine eigene Rolle sieht
Das wird es auch nicht – verspricht Füllkrug. Die Mannschaft habe Potenzial. Er habe sich auch während der vergangenen Saison, in deren erster Hälfte er meist auf der Bank oder der Tribüne in London saß und dann nach Mailand wechselte, wo er zwar spielte, aber nur einmal traf, nicht wirklich Sorgen um Werder gemacht. In Bremen gebe es halt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Da sei einerseits die große Vergangenheit mit legendären Europapokalnächten, andererseits der Neuaufbau nach der Rückkehr in die erste Liga 2022. Es ist ein Spagat – zwischen einer guten Platzierung und dem Schaffen neuer Werte. Für Letzteres sei es wichtig, auf junge, entwicklungsfähige Spieler zu setzen. Das aber gehe zulasten der Stabilität.
Pokaljubel zum Einstand: Niclas Füllkrug feiert sein TorSeine Rolle sieht Füllkrug darin, in diesem Prozess Halt zu geben, voranzugehen. „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir als Mannschaft das nutzen, was ich ausstrahle“, erklärte er. Damit meint er: seine Erfahrung, seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor – und vor allem seine Aura. Werder hat, abgesehen von Füllkrug, tatsächlich keinen Offensivspieler, der gegnerischen Verteidigern Respekt einflößt.
Das war das Hauptproblem, das gleich von zwei Trainern nicht behoben werden konnte. Die Mannschaft war weder unter Horst Steffen, mit dem die Bremer in die Saison gegangen waren, noch unter Daniel Thioune, der im Februar übernahm, effizient. Werder hatte eine schlechte Chancenverwertung und kam auf gerade 37 Saisontore – nur Tabellenschlusslicht St. Pauli (29) war noch schlechter.
Werder will und muss sparsam wirtschaften
Die Ursachen lagen auch in der Einkaufspolitik. Samuel Mbangula, der für zehn Millionen Euro von Juventus Turin geholte Linksaußen, zündete nicht. Auch die insgesamt sieben Leihspieler brachten nur teilweise positive Effekte – die viel beachtete Ausleihe des Leverkusener Torjägers Victor Boniface floppte. Der Angriff blieb, egal in welcher Formation und Besetzung gespielt wurde, harmlos: Justin Njinmah kam auf fünf Treffer, Marco Grüll wie Mbangula und der vom VfB Stuttgart ausgeliehene Jovan Milosevic auf drei. Bester Torschütze war ein Mittelfeldspieler: Jens Stage. Der Däne traf zehnmal und war neben Abwehrchef Marco Friedl die einzige Führungspersönlichkeit. Es musste sich grundsätzlich etwas ändern.
Eine Zeit lang sah es sogar aus, als ob die Bremer einen komplett neuen Kurs einschlagen könnten. Clemens Fritz, seit 2024 Geschäftsführer Fußball, war massiv in die Kritik geraten. Der Aufsichtsrat sprach ihm dann doch das Vertrauen aus – ließ ihn aber nicht ohne Mahnung davonkommen. „Wir erwarten trotz eines deutlich veränderten Kaders eine stabile Entwicklung (…). Wir erwarten eine Mannschaft, die wettbewerbsstark zusammengestellt ist und die Menschen mit einer guten Energie, viel Leidenschaft und einer offensiven Spielweise begeistert“, ließ das Kontrollgremium, das von Präsident Hubertus Hess-Grunewald geleitet wird, verlauten.
Geriet in die Kritik: Bremens Sport-Geschäftsführer Clemens FritzFritz, nicht unbedingt gestärkt, und Sportdirektor Peter Niemeyer wussten, dass sie liefern müssen. Sie holten mit Markus Pilawa einen Fachmann dazu. Der frühere Kaderplaner von Borussia Dortmund und Bayern München machte sich an die Arbeit: Elf neue Spieler kamen. Nur drei kosteten Ablöse – und das in überschaubarem Rahmen. Für Innenverteidiger Oskar Wojcik, Mittelfeldspieler Dariusz Stalmach und den bisher geliehenen Torhüter Karel Hein, der fest von Arsenal verpflichtet wurde, musste Werder zusammen 7,1 Millionen Euro zahlen. Demgegenüber stehen wuchtige Erlöse: Mit Karim Coulibaly, Romano Schmid und Stammkeeper Mio Backhaus gingen gleich drei Leistungsträger. Das spülte mehr als 40 Millionen Euro in die Kasse. Geld, das aber nicht ansatzweise reinvestiert werden soll.
Werder will sparsam wirtschaften – und muss es auch. Da sind die Tilgungen für den Stadionausbau und Fehlbeträge der vergangenen Jahre. Der Handlungsspielraum für Fritz und seine Mitarbeiter bleibt eng. Das erfordert Einfallsreichtum. Mit Eren Dinkci, Ludovit Reis und zuletzt Füllkrug hat Thioune zwar drei neue Spieler, denen zugetraut werden kann, Werder stärker zu machen – doch es gibt immer noch Lücken im Kader. Ein Außen- und ein Innenverteidiger sollen noch kommen.
Immerhin schwebt ein Damoklesschwert nicht mehr über Thioune, der den Neustart gestalten soll: Ein Verkauf von Jens Stage ist vom Tisch. „Wir sind jetzt kurz vor Schließung des Transferfensters, und die Nachfolge-Regelung würde nicht einfacher werden“, sagte Fritz der „Bild“. Es gebe viele Veränderungen, „daher ist die Stabilität, die Jens uns geben kann, umso wichtiger“. Die vergangene Saison war zittrig genug.
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