Für die Sportdirektoren der Fußball-Bundesliga ist es eine der stressigsten Phasen des Jahres. Am kommenden Dienstag, nach dem ersten Spieltag der neuen Saison, endet die Transferperiode. Bis dahin können sie Spieler kaufen und verkaufen, bis dahin führen sie unzählige Telefonate mit Beratern und Kollegen. Und schreiben in diesem Zusammenhang enorm viele Nachrichten bei WhatsApp.

Die Sportchefs der Klubs setzen oft auf große Teams aus Scouts und Videoanalysten, um in Sachen Spielerverpflichtungen die richtige Wahl zu treffen. Die Kosten dafür sind enorm. Längst nutzen die Klubs auch KI-gestützte Datenbanken, die viel über Spieler und Trainer aussagen. Nun erreicht die KI die nächste Stufe. Und könnte den Alltag der Sportdirektoren verändern. Die Anzahl der benötigten Videoscouts könnte abnehmen – zumindest ist das möglich.

Ein Auszug aus der Antwort des Fußball-Chatbots von Gamecode.AI

Sportjournalist Tobias Escher hat kürzlich das Sachbuch „Die Zukunft des Fußballs – Wie KI und Big Data den Fußball verändern“ geschrieben und sagte: „Italienische oder englische Vereine beschäftigen bis zu 20 Mitarbeiter, die sich ausschließlich um Daten kümmern.“

Immer mehr KI-Unternehmen bieten nun Abo-Modelle für Klubs an. Die Portale werden immer ausgereifter, es ist ein Milliardenmarkt geworden. Im Bereich KI für Fußballklubs kämpfen unter anderem SportsDynamics, Plaier und SkillCorner um Marktanteile. Eines der jüngeren deutschen Unternehmen, die hier vorn mitspielen wollen, ist Gamecode.AI mit Sitz in München.

Die Premier League nutzt bereits die KI aus München

Mitgründer und Geschäftsführer ist Tobias Haupt. Der ehemalige Torwart und Fußball-Manager leitete mehrere Jahre die Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Er arbeitete eng mit dem einstigen Bundestrainer Hansi Flick zusammen.

Seine Firma hat nun einen WhatsApp-Chatbot programmiert. Er soll vor allem für Sportdirektoren und den Trainerstab eines Profiklubs interessant sein. Die KI hinter dem Chatbot nutzen bereits Klubs aus der Bundesliga, der Premier League, der schweizerischen Liga und der US-Liga MLS.

Laut Aussage des Unternehmens ist es der erste WhatsApp-Bot dieser Art auf dem Markt. Der Sportdirektor bzw. der Trainer kann dem Bot im Chat verschiedenste Fragen stellen. Welcher Rechtsverteidiger passt zu meiner Mannschaft? Ist folgender Transfer finanziell machbar? Welcher Spieler hat die besten Statistiken, die mir bzw. uns wichtig sind?

Der Chatbot liefert detaillierte Spieler-Rankings und filtert nach taktischen Profilen. Die KI hinter dem Bot setzt auf Metriken, die jeder Verein individuell bestimmt. Faktoren sind zum Beispiel Spielphilosophie, Matchplan, finanzielle Möglichkeiten und Positionen. Der Bot übersetzt die individuelle Spielphilosophie in messbare Fakten. Er kann auch passende Videos und Grafiken liefern.

WELT hatte bei einem Termin in München die Möglichkeit, den Bot zu testen. Die Kommunikation läuft wie in einem normalen WhatsApp-Chat mit einem Bekannten. Bevor der Bot antwortet, lädt er jeweils kurz. Er greift auf eine enorme Menge von Daten (über eine Milliarde) zurück. Die Werte zu Marktwerten und finanziellen Punkten zieht er sich von dem Portal Transfermarkt.de (gehört wie WELT zu Axel Springer).

Das Urteil des Chatbots im Fall Kayode fällt eindeutig aus – einer für den FCB

WELT schrieb dem Bot: „Mach mir bitte ein Top-5-Ranking für Rechtsverteidiger, die dem Profil Konrad Laimer am ähnlichsten sind und zur Spielweise des FC Bayern passen.“

Die Metriken des FC Bayern nutzte der Bot hier nicht, diese sind natürlich nicht öffentlich. Er griff auf die von Gamecode zurück, um ein anschauliches Beispiel zu liefern. Seine Antwort: „Bayern spielt 4-2-3-1 mit klassischen Außenverteidigern (…). Der RV muss also im Rückwärtsgang sicher stehen, vorwärts aber carries (Ball nach vorn bringen, d. Red.), 1v1, Cutbacks (Rückraumpass, d. Red.) und Halbraumflanken liefern — genau Laimers Profil. Kaufmuster: Bundesliga + Premier League. Realistischer Kaufbereich: bis circa 72 Millionen Euro.“

Brentfords Michael Kayode (l.) im Duell mit Tottenhams Mathys Tel

Der Vorschlag Nummer eins des KI-Chatbots für die Bayern: Michael Kayode vom FC Brentford, 22 Jahre, U21-Nationalspieler Italiens, 35 Millionen Euro Marktwert. „Realistisch“ und „passt perfekt“ – so das Urteil der KI. Das Fazit des Bots: „Ballgewinn-Weltklasse, 1v1 auf höchstem Niveau (…). Das Pressing-Profil übertrifft jeden anderen hier.“ Der Bot sieht Kayode als stärksten Laimer-Nachfolger aus der Liste. „Noch Entwicklungspotenzial“, so sein Argument. Er erwähnt zudem: „Marktwert leicht fallend (40→35 Millionen Euro).“

Als weitere Kandidaten sieht der Bot unter anderem Pedro Porro, 26-jähriger spanischer Nationalspieler von Tottenham Hotspur, den 27‑jährigen Brasilianer Dodo von AC Florenz und Matheus Nunes, 27-jähriger Nationalspieler Portugals von Manchester City.

Vor seiner Vertragsverlängerung von Jungstar Said El Mala beim 1. FC Köln stellte WELT dem Bot zudem die Frage: „Passt El Mala zu Borussia Dortmund?“

Der Bot antwortete: „El Mala … füllt Dortmunds größte offensive Lücke (fehlende vertikale Flügel-Durchschlagskraft). Bei Dortmunds Pressing-Schwäche (Zone 4, Ligaschlusslicht) hilft er dagegen nicht.“ Zur wirtschaftlichen Machbarkeit gab er folgende Einschätzung: „Unrealistisch.“ Und weiter: „Recruiting-Muster passt (BVB kauft aus der Bundesliga), Alter 19 und steigender Marktwert sprechen für ihn, kein Europacup-Nachteil. Sportlich wäre El Mala ein idealer Fit für Dortmund – er füllt mit vertikaler Flügel-Durchschlagskraft und Abschluss (...) genau die offensiven Lücken des BVB.“

In München arbeiten sie täglich daran, dass der Bot immer besser wird. „Es gibt Klubs, die versucht haben, selbst ein solches Modell zu entwickeln“, sagt Haupt im Gespräch mit dieser Redaktion. „Doch auf Sicht fehlt die personelle Stärke und die Zeit dafür. Wir haben viel Know-how gesammelt und jahrelang an dem Bot programmiert.“

Einer seiner Kunden ist Edin Terzić. Der 43-Jährige gewann als Trainer von Borussia Dortmund einst den DFB-Pokal und ist seit dem vergangenen Juli Chefcoach des spanischen Klubs Athletic Bilbao. Haupt ist von seinem Produkt total überzeugt: „Der Bot ist weltweit der erste KI-Assistent, der zuverlässig ganz fundierte Antworten auf die individuellen Bedürfnisse der Top-Entscheider im internationalen Fußball liefert.“ Die einstige DFB-Führungskraft beschreibt es so: „Der Trainer oder der Sportdirektor beschreibt uns seinen Ansatz – wir gießen diesen in einen Algorithmus. Der Bot kann in Sitzungen der Verantwortlichen sehr schnell und kurzfristig helfen.“

Edin Terzić ist neuer Cheftrainer von Athletic Bilbao und nutzt nahezu täglich die KI

Wird die KI den Sportdirektor komplett ersetzen? „Nein“, sagt Haupt. „Die Arbeit des Sportdirektors wird sich aber verändern. Er wird immer mehr Hand in Hand mit der KI arbeiten.“ Menschliche Faktoren – der Charakter des Spielers, seine Anpassungsfähigkeit in einem neuen Land oder einer neuen Stadt – bezieht die KI nicht ein. „Deshalb wird es ein Zusammenspiel sein.“

„Den finalen Deal machen immer noch Menschen“

Tobias Schweinsteiger ist ebenfalls davon überzeugt, dass KI die Arbeit im Fußball verändern wird. Der 44-jährige Bruder von Weltmeister Bastian Schweinsteiger spielte unter anderem für Eintracht Braunschweig und den FC Bayern II, arbeitete dann als Assistenztrainer von Dieter Hecking beim 1. FC Nürnberg und beim Hamburger SV sowie als Cheftrainer des VfL Osnabrück, mit dem er in die Zweite Bundesliga aufstieg.

Schweinsteiger ist Head of Football Operations bei Gamecode.Ai. „Der Bot ist kein Ersatz, aber ein Werkzeug für den Trainer oder Sportdirektor“, so Schweinsteiger. „Er nimmt der sportlichen Leitung tagelange und monotone Datenarbeit und Videoscouting ab. Eine KI wird nie die finalen Transfergespräche und das menschliche Gespür ersetzen. Den finalen Deal machen immer noch Menschen, auch in Zukunft. Und das ist auch gut so.“

Die deutsche KI-Szene wird genau beobachten, wie sehr am „Deadline-Day“ am Dienstag bereits Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt.

Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Zuletzt war er bei der Fußball-WM in den USA.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke