Die Zeitreise in seine Vergangenheit liefert Klopp wichtige, neue Erkenntnisse
Für Jürgen Klopp war es eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Genau eine Woche nach seinem offiziellen Dienstbeginn als Bundestrainer kam er erstmals nach vielen Jahren ins Dortmunder Stadion – und wurde gebührend empfangen: mit einem Imbiss, den die Vereinsführung von Borussia Dortmund ausgerichtet hatte.
Anderthalb Stunden vor Anpfiff des Supercups, der seit einem Jahr Franz-Beckenbauer-Supercup heißt, traf sich Klopp mit BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke, den beiden Geschäftsführern Carsten Cramer und Lars Ricken, Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen und Bundeskanzler Friedrich Merz, einem eingefleischten BVB-Fan, in einem VIP-Raum des Signal-Iduna-Parks. Viel mehr Gipfeltreffen geht kaum.
Klopp (r.) auf der Tribüne mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Ligapräsident Hans-Joachim WatzkeAuf dem Weg dorthin musste der neue Hoffnungstrainer des deutschen Fußballs den Presseraum der Arena durchqueren. Klopp nahm sich Zeit für Smalltalk mit alten Wegbegleitern. Er wirkte entspannt – es wurde geflachst und gelacht.
Klopp schien den Abstecher an seine alte Wirkungsstätte – von 2008 bis 2015 war er beim BVB – zu genießen. Vor allem auch, weil das Spiel zwischen den beiden besten deutschen Vereinsmannschaften durchaus Unterhaltungswert besaß. Vor allem die Bayern zeigten eine bemerkenswerte Frühform, auch wenn sie gegen Ende um ihren ersten offiziellen Titel in der Saison 2026/27 noch zittern mussten. Denn die Dortmunder wehrten sich in der zweiten Halbzeit stärker, als die meisten der 82.000 Zuschauer nach den ersten 45 Minuten vermutet hätten.
„Wir haben einen Titel gegen einen sehr starken Gegner geholt, der in der kommenden Bundesligasaison viele Punkte holen wird. Heute werden wir uns freuen, ab morgen werden wir wieder hungrig sein“, sagte Bayern-Trainer Vincent Kompany. Es habe ihn beeindruckt, wie entschlossen und vor allem frisch seine Mannschaft lange Zeit aufgetreten sei.
In der ersten Halbzeit lief der BVB fast nur hinterher
Die Münchener wirkten im ersten Durchgang, als hätte es die über drei Monate lange Sommerpause für sie überhaupt nicht gegeben: Gut aufeinander abgestimmt, entschlossen, ballsicher. Die Dortmunder liefen fast nur hinterher. Den Treffern von Nathaniel Brown (28. Minute) und Michael Olise (45.+1) waren Spielzüge vorausgegangen, die nahelegen: Fußballerisch, was Spielwitz und Technik angeht, dürfte auch in der am kommenden Wochenende beginnenden neuen Bundesligasaison niemand den Münchenern das Wasser reichen können – selbst der BVB nicht.
Diese Erkenntnis mag wenig verblüffend sein, dennoch war auffällig, zu welch hohem Niveau der Rekordmeister bereits in dieser frühen Phase und trotz einiger personeller Probleme fähig ist. Die Topstars Harry Kane und Olise sind erst eine gute Woche zuvor ins Training eingestiegen, bestimmten aber sofort den Rhythmus des Angriffsspiels. Vor allem der Franzose war von den Dortmundern kaum in den Griff zu kriegen.
„Das ist Wahnsinn. Sie haben nur drei- oder viermal trainiert und spielen 90 Minuten in Dortmund“, erklärte Kompany. Es sei vor allem ihre professionelle Einstellung, die sie dazu befähige. Das nötige ihm Respekt ab. „Die Zeiten haben sich gegenüber der Zeit, als ich gespielt habe, geändert. Damals sind die Spieler mit vier, fünf Kilo zu viel aus dem Urlaub zurückgekommen. Das gibt es nicht mehr. Heute trainieren die Jungs mit Privattrainern oder Physios. Sie halten sich an einen Plan“, so der Belgier. Dies sei eine Qualität, die der Mannschaft gerade wegen der verletzungs- sowie krankheitsbedingten Ausfälle von Serge Gnabry, Lennart Karl und Jamal Musiala geholfen habe.
Die Bayern haben aber mittlerweile auch ihre eigene Expertise, wie sie mit einer zerrissenen oder zu kurzen Vorbereitung umzugehen haben. Diesmal war es die WM, die zur Folge hatte, dass die Nationalspieler zu unterschiedlichen Zeitpunkten und teilweise extrem spät in die Vorbereitung einsteigen konnten. Doch bereits vor einem Jahr, als die Münchener an der Klub-WM in den USA teilnahmen und viele prophezeit hatten, dass sie deswegen in der Anfangsphase der Saison Probleme bekommen werden, haben sie die Skeptiker Lügen gestraft. Die Bayern waren von Beginn an da.
Für die Dortmunder galt vor einem Jahr dasselbe. Auch sie hatten wegen der Klub-WM nur wenig Zeit. Trotzdem spielten sie anschließend eine stabile Saison. BVB-Trainer Niko Kovač ist deshalb davon überzeugt, dass er seine Mannschaft, die in diesem Sommer noch auf eine Marketingreise nach Japan geschickt wurde und auf mehreren wichtigen Positionen verändert wurde, erneut auf den Punkt fit und aufeinander abgestimmt bekommen wird.
Die neuen Dortmunder überzeugten
Die klare Leistungssteigerung im Laufe der Partie vom Samstag sei ein Indiz dafür, dass das gelingen könnte. „Unsere zweite Halbzeit war gut, da haben wir uns viel besser gewehrt und die Bayern mehr gefordert“, sagte Kovač. Der Anschlusstreffer durch Fabio Silva (75. Minute), der von Neuzugang Giannis Konstantelias stark eingeleitet wurde, dokumentierte zugleich auch die spielerische Qualität, die der Vizemeister hinzugewonnen hat.
Überhaupt: Es waren vor allem die neuen Dortmunder – Kostas Karetsas, Joane Gadou, Joey Veerman und Konstantelias – die überzeugten. Der neue BVB verspricht, spannend zu werden.
Fabio Silva (2.v.r.) brachte den BVB noch einmal zurück ins SpielFür Klopp wird auch dies eine positive Erkenntnis sein. Mit Felix Nmecha, Waldemar Anton, Maximilian Beier und dem noch verletzten Nico Schlotterbeck dürften vier Dortmunder auf seinem Zettel stehen. Bei den Bayern sind es mit Jonathan Tah, Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlović, Nathaniel Brown, Serge Gnabry, Jonas Urbig, Lennart Karl und Jamal Musiala sogar sieben Spieler, die eine wichtige Rolle für die Zukunft der Nationalelf spielen.
Besonders aufschlussreich dürfte für den neuen Bundestrainer deshalb gewesen sein, wie Vincent Kompany im Supercup das Fehlen von Musiala kompensierte: Er stellte erneut Brown auf die Zehnerposition – und der gelernte Außenverteidiger meisterte diese Herausforderung sehr überzeugend. Für Klopp hat sich der Ausflug nach Dortmund gelohnt.
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