Hertha berauscht von sich selbst – „Das ist in Fußball-Deutschland einzigartig“
Die Belohnung war verdient. Die Spieler von Hertha BSC freuten sich, ihren Erfolg „noch ein wenig länger genießen zu können“, sagte Stürmer Sebastian Grönning. Denn statt sich nach dem 1:0 (1:0) im Eröffnungsspiel der neuen Zweitligasaison beim VfL Bochum am vergangenen Freitagabend direkt auf die stundenlange Heimfahrt nach Berlin begeben zu müssen, bekamen sie noch eine weitere Übernachtung spendiert.
Erst am Samstag ging es für die Berliner zurück – ausgeschlafen und mit dem ICE. Soll da noch jemand sagen, der klamme Hauptstadtklub würde sich kaputt sparen.
„Es ist einfach schön. Dafür haben wir in den vergangenen sieben Wochen hart gearbeitet“, betonte Grönning, der mit seinem Tor, einem gekonnten Lupfer über Bochums Keeper Timo Horn (39. Spielminute), maßgeblichen Anteil am Auftaktsieg hatte. Es war ein schwer erkämpfter Sieg, aber er war nicht unverdient.
Vor allem war es ein Sieg über die Kritiker und die eigenen Zweifel – auch wenn es Stefan Leitl so nicht gewertet wissen wollte. „Ich bin nicht überrascht, dass meine Jungs so aufgetreten sind. Das war der klare Plan, den wir seit Beginn der Vorbereitung verfolgt haben“, sagte der Hertha-Trainer. Extrem unangenehm wollte seine Mannschaft sein – und den Gegner weniger mit fußballerischen Mitteln, dafür aber mit Einsatzwille, Laufbereitschaft und hoher Geschlossenheit zermürben.
Trainer Stefan Leitl schwärmt von den Zweikämpfen
Genau das taten die Herthaner – allen Unkenrufen zum Trotz. Der große personelle Aderlass werde zum Einbüßen der Wettbewerbsfähigkeit führen, haben viele gesagt. Und ganz unbegründet war dies ja nicht: 13 Spieler, darunter wesentliche Leistungsträger wie Fabian Reese, Tjark Ernst, Michael Cuisance und Top-Talent Kennet Eichhorn, waren gegangen. Ohne sie, wurde orakelt, werde es eine schwere Spielzeit geben – und vielleicht sogar gegen den Abstieg gehen.
So muss es nicht kommen. „Wir haben ein fantastisches Spiel gezeigt. Die Jungs waren unfassbar intensiv, griffig in den Zweikämpfen“, so Leitl. Es war tatsächlich zu erkennen, was er mit der Mannschaft vorhat: Die Berliner sollen ein unangenehm zu bespielendes Team werden, das bereit ist, an seine physischen Grenzen zu gehen.
So wie in der ersten Halbzeit, als sie den Bochumern mit ihrem Pressing Probleme bereiteten – oder wie in der zweiten, als sie ihre Führung kompakt und entschlossen verteidigten. Da machte jeder Spieler mit – eine solche Hingabe und Disziplin gab es von Hertha in den vergangenen Jahren, als die Mannschaft qualitativ deutlich besser besetzt war, eher selten zu sehen.
„Es war für uns wichtig, zu sehen, dass wir Paroli bieten können und dass wir uns mit unserem Fußball auf dem richtigen Weg befinden“, sagte Leitl. Besonders stolz war er darauf, dass diese Leistung mit gleich elf Spielern im Aufgebot, die aus der eigenen Nachwuchsakademie kommen, gelang. „Das ist in Fußball-Deutschland einzigartig.“
Leitl hatte stets betont: Er glaube, dass sich durch die Abgänge auch Chancen ergeben – zum Beispiel für Soufian Gouram. Das 20-jährige Talent, das viele Anlagen, einmal ein guter Spielmacher zu werden, in sich trägt, wusste gleich bei seinem Startelfdebüt in der Zweiten Liga zu überzeugen. Sein Steckpass führte zum Siegtreffer. „Ich bin richtig stolz auf ihn, denn das erste Spiel von Anfang an ist mit viel Druck verbunden“, sagte Nutznießer Grönning.
Das, was die neue Hertha werden könnte, blitzte in Bochum auf. Es könnte die Basis für den nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen dringend nötigen Neuaufbau sein. In den vergangenen Jahren wurde viel Kredit verspielt. Was noch fehlt, um wieder eine Perspektive zu entwickeln, sind jedoch Alternativen. Auch darauf wies Leitl hin.
„Wir haben die Rahmenbedingungen geschaffen, jetzt liegt es an den Verantwortlichen, Spieler zu verpflichten.“
Die haben auch signalisiert, dies tun zu wollen – jetzt, wo wieder etwas Geld in die leere Kasse gekommen ist.
Oliver Müller ist Fußballjournalist und Podcaster. Er berichtet seit Jahrzehnten für WELT, speziell über die Klubs aus dem Westen Deutschlands.
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