Für seine Buch-Tour hatte sich Mathias Mester einen lockeren Start in sein Programm überlegt. Er eröffnete den Abend mit diesem Gag: „Ich spiele ja mittlerweile Golf.“ Rhetorische Pause, Augenzwinkern, Pointe: „Kein Minigolf.“ Höhöhö. Dem Publikum gefiel‘s.

Die Zuschauer, die eine Karte für die Lesung „Klein anfangen, groß rauskommen: Mein verrücktes Leben auf 142,5 cm“ gekauft hatten, lachten und applaudierten. Dann legte Mester nach: „Mein Handicap ist Kleinwuchs.“ Stille. Mester zuckt noch heute mit den Schultern, wenn er davon erzählt: „Das hat keiner kapiert. Weil es so wenige Golfer gibt, oder einfach zu wenige, die die Doppeldeutigkeit verstanden.“

Als sein Opener auch auf der dritten Veranstaltung nicht zündete, ließ er ihn bei den folgenden 50 Lesungen einfach weg. Der Witz war schnell wieder Geschichte, die Tour ist es mittlerweile auch. Geblieben aber ist ihm der Sport.

Mester sitzt an einem Freitagnachmittag auf der Terrasse des Golfklubs seiner Heimatstadt. Er trinkt Spezi aus einem Glas, dessen Größe auch bei Menschen durchschnittlicher Körpergröße wirkt, als würde man einen Siegerpokal zum Mund führen, und erzählt von seiner neuen Leidenschaft, die aus jedem seiner Sätze herauszuhören ist: Golf.

Bereits am Morgen war Mester schon 18 Löcher gegangen, am Abend wird er eine weitere Runde über die Fairways und Grüns des Golf- und Landclubs Coesfeld drehen. Am Tag darauf spielt er hier im Westfälischen den Monatspreis, am Sonntag ein weiteres Turnier in Habichtswald bei Osnabrück. Ein für ihn ganz normales Wochenende, wie aus seinem goldenen Trainingsbuch hervorgeht, in dem er alle Leistungen und Ergebnisse penibel mit einem Stift einträgt.

Jeder Schlag zählt: Mathias Mester auf dem Platz des Golf- und Landclubs Coesfeld

Der 39-Jährige ist der bekannteste Kleinwüchsige und auch fünf Jahre nach seiner aktiven Karriere als Speerwerfer und Kugelstoßer immer noch prominenteste Para-Sportler Deutschlands. Nun verfolgt er einen geradezu tollkühnen Plan, der beide Handicaps, die ihn mittlerweile definieren, zusammenbringt: Kleinwuchs und Golf.

Mester will helfen, dass sein Sport bei den Paralympischen Spielen 2032 in Brisbane erstmals zum Programm gehört und er somit die Möglichkeit erhält, den aus seiner Sicht einzigen kleinen Makel seiner erfolgreichen Sportlerbiografie zu entfernen.

Mester ist 13-facher Deutscher Meister, wurde viermal Europameister im Speerwurf, gewann in der Disziplin 2006 und 2013 den Weltmeistertitel. Bei Paralympischen Spielen jedoch reichte es „nur“ zu Silber im Kugelstoßen. „Ja, da ist tatsächlich noch eine Rechnung offen. 2008 in Peking habe ich auf dem Treppchen gestanden, nur leider die falsche Nationalhymne gehört. Und klar, da war natürlich auch so der Gedanke dabei, dass ich es somit vielleicht noch mal schaffen könnte.“

Die erste Karriere: Mathias Mester war über Jahre Deutschlands bester Para-Speerwerfer

Der letzte Satz fällt ihm sichtlich und hörbar schwer, er spricht ihn um einiges schneller als die anderen. Gerade so, als wolle er das Thema sofort wieder abhaken. Augen zu, durch, fertig. Schwamm drüber. Der Satz hat den Charakter einer Beichte.

Noch mal: Da will einer eine Sportart zu den Paralympischen Spielen bringen, um dann verspätet doch noch einmal Gold zu erringen. Es ist eine verdammt gute, beinahe filmreife Geschichte. Und Mester hat – doppeldeutige Golfwitze mal außen vor gelassen – eigentlich ein ziemlich gutes Gespür dafür, was die Leute wollen.

Auch nach dem Ende seiner Karriere als Leichtathlet ist er in der Öffentlichkeit präsent, vornehmlich im Privatfernsehen. Mester testet auf Vox bei „Hot oder Schrott“ verschiedene Produkte und tanzte sich beim RTL-Quotenhit „Let's Dance“ auf Platz drei. Er tritt als Speaker vor Publikum auf, ist regelmäßig Gast in verschiedenen Talkshows und Podcasts und unterhält seine digitale Gemeinde mit humorvollen Videos. Bei Instagram hat er knapp 300.000 Follower.

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Das Internet verhalf ihm auch während seiner Zeit als Leistungssportler zu größerer Berühmtheit. Bei den Paralympics 2016 in Rio reichte es zwar nur zum fünften Platz im Speerwurf, doch auf dem Rückflug kletterte er ins Handgepäckfach und stellte sich schlafend. Das Foto wurde zum viralen Gold.

Mester Dritter bei Deutschen Meisterschaften

Er mochte die Bühne schon immer. Große Kulissen schienen ihm stets Ansporn und Motivation. Nicht nur sportlich. Mester ist eloquent, entwaffnend schlagfertig und wirklich witzig, ohne dabei aufgesetzt oder überdreht zu wirken. Es ist verdammt schwer, ihn nicht sympathisch zu finden. Mester hat in seinem Leben viele gute Geschichten erzählt. Doch mit der besten hält er hinterm Berg? Wie passt das zusammen?

„Ich hab das bislang noch nie so richtig öffentlich kommuniziert. Also tatsächlich... Ja, wie soll ich das sagen?“, druckst er herum: „Also, ich bin ja schon ein sehr interessierter Sportler. Ich habe Träume, ich habe Ziele, ich habe da auch richtig Bock drauf. Aber es gibt halt auch schon kleinwüchsige Handicap-Golfer. Und ich bin noch lange nicht so gut wie die.“

Es ist für ihn eine neue Ausgangssituation. In seinem Leben kam bislang stets erst der sportliche Erfolg, dann die Prominenz. Diesmal aber ist es genau andersherum. Er will seine Bekanntheit nutzen, um Lobbyarbeit zu leisten und mitzuhelfen, Golf zu den Paralympischen Spielen zu verhelfen. Einerseits.

„Natürlich, mir fehlt die Medaille, und ich will die auch, ich hab richtig Bock auf die ganze Sache, aber ich bin nicht so der richtig krasse Poser. Das bin ich einfach nicht. Ich will da schon glaubhaft dahinter stehen und überzeugt sein. Aber wenn ich jetzt allen sage: ,So Freunde, jetzt geht's ab, und ich werde der Beste.’ Und dann spiele ich eine 87, und der andere Kleinwüchsige spielt hier eine 75 und sagt: ,Wo bist du denn?’ Das ist so mein Problem. Und das hat dafür gesorgt, dass ich bislang nicht damit rausgegangen bin.“

"Nicht so der krasse Poser“: Mathias Mester

Sein Dilemma: Sportlich hätte er bis Brisbane noch sechs Jahre Zeit. An die Möglichkeit, sich bis dahin auf ein Level zu steigern, das ihn bis nach Australien und dort aufs Podium bringen kann, glaubt er fest. Die Zahlen in seinem goldenen Buch lügen nicht. Doch er würde diesen Weg gern im Verborgenen gehen. Für sich. Um die Voraussetzungen zu schaffen und den Sport ins Programm zu bekommen, bleiben jedoch nur noch sechs Monate. Die Chancen dafür stünden gut, aber wenn er noch seinen Beitrag leisten will, muss er jetzt damit aus der Deckung kommen.

Bislang waren ihm Anfragen, etwa vom Deutschen Golfverband, eher unangenehm. Vor allem, wenn er mit seinem Namen und Gesicht für den Sport werben sollte. Er lehnte konsequent ab: „Ich habe gedacht, das können die doch nicht ernst meinen. Wissen die eigentlich, wie schlecht ich bin? Leute, ich bin da im hinteren Drittel.“ Im Juni nahm er nun jedoch sein Herz in die Hand und erstmals an den Deutschen Meisterschaften teil. Mit Erfolg. Von sieben Startern wurde er Dritter.

Wie weit der Weg zur Spitze noch ist, zeigt der Vergleich mit Seriensiegerin Jennifer Sräga. Die alte und neue Meisterin, wird mit Handicap 4 geführt. Mester hatte als Ziel für das Jahr 2026 eine 12 von seinem Trainer erhalten. Auf 15 hat er sich bereits heruntergespielt. Durchaus beachtlich.

Ein Zufall brachte Mathias Mester zum Golf

Bis vor drei Jahren gab es noch keine Berührungspunkte. Mester im Golf war allenfalls eine Beschreibung für eine Autofahrt. Er habe mit der Familie mal Minigolf im Urlaub gespielt, aber ansonsten? Rory McIlroy? Bernhard Langer? Martin Kaymer? „Kannte ich alle nicht. Ich fand Golf total langweilig, hatte auch niemandem in meinem Umfeld, der gegolft hat.“

Dann wurde er Ende Mai 2023 zu einem Charity-Golfturnier eingeladen. Mester intervenierte: Er habe weder mal einen Golfschläger in der Hand gehalten, noch kenne er sich mit den Regeln aus. Dem Veranstalter war es egal, und Mester konnte nicht ablehnen. Es ging um die Hilfe für krebskranke Kinder. Eine Entscheidung, die sein Leben veränderte. Heute doziert er wie selbstverständlich über Schlägerkopfgeschwindigkeiten und Schafthärten. Damals war ihm nicht mal klar, dass er sein Debüt mit falschem Material gab.

„Als ich dort ankam, bekam ich ein komplett neues Schlägerset hingestellt. Das waren Kinderschläger, noch verpackt“, sagt er und lacht. Mester schlug auf der Driving Range ein paar Bälle und ging dann gemeinsam mit anderen Prominenten und Sponsoren auf die Runde. Als er nach 18 Löchern zurück im Clubhaus kam, war er begeistert. Liebe auf den ersten Blick.

„Diese Technik, diese Power. Und wenn du das Ding dann einmal richtig triffst – dieses Gefühl war letztendlich das, was mich so angefixt hat“, beschreibt er den Tag. „Heute weiß ich natürlich, dass da ja noch viel, viel mehr dahinter steckt. Aber ich fand es als Speerwerfer schon cool: Du wirfst den 2,30 Meter langen Speer als Kleinwüchsiger über 40 Meter. Und ich hab die Murmel jetzt auch schon 230 Meter gekloppt, also ausgerollt. Und das ist schon irgendwie geil.“

Gefunden: Mathias Mester ist dem Golfspiel verfallen

Dreieinhalb Monate später hatte er die Platzreife und wurde schnell besser. Freunde und ein Sponsor setzten ihm die Idee von Brisbane 2032 in den Kopf. „Und dann hat meine Freundin mit mir drüber gesprochen und mich darin bestärkt. Da war für mich klar, dass ich es will. Ich habe zu ihr dann gesagt: ,Du kennst mich. Wenn ich das jetzt mache, dann ganz oder gar nicht.’ Ich werde mir jetzt sechs Jahre den Allerwertesten aufreißen, damit ich da hinkomme. Es wird schwer, aber es ist immer noch voll im Prozess. Also ich werde immer noch weiter angefackelt“, sagt er mit einem Funkeln in den Augen.

Es gibt nicht viele Tage, an denen man ihn nicht auf dem Golfplatz treffen kann. Drei- bis viermal pro Woche hat er Kontakt mit seinem Trainer in Osnabrück. Im Winter ist er häufig dort vor Ort, um an einer Leinwand seine Technik und den Schwung zu verbessern. „Ich bin dann aber trotzdem auch oft auf der Range“, erzählt Mester: „Ich zocke ja auch im Winter, bin ein Allwetter-Golfer. Mir ist es egal, wenn es knüppelhart ist. Es kam auch vor, dass ich die Rangebälle im Schnee einsammeln musste, weil der Automat nichts mehr rausgegeben hat.“ Der Mann hat ein Ziel.

Auch wenn am Ende seines ganz großen Traums die Goldmedaille wartet, wäre schon die Qualifikation für Brisbane bedeutender als die Silbermedaille von Peking. „In den Wurfdisziplinen hatte ich ein Talent mitgebracht. Ich war relativ schnell sehr erfolgreich, habe da wirklich alles weggebombt, jahrelang. Jetzt aber bin ich ganz hinten und muss mich nach vorn arbeiten. Deswegen ist es definitiv der schwierigere Weg.“

Mesters ewiger Kampf gegen die Erwartungen

Im Verlauf des Nachmittags auf der Terrasse wird deutlich, dass bei seiner Mission aber noch ein anderer Aspekt eine wichtige Rolle spielt. Dass der Sport immer mehr ins Zentrum seines Lebens rückte, ist der Liebe zum Golf geschuldet. Das Ziel Paralympische Spiele entstammt seiner Sozialisation als Wettkämpfer und Leistungssportler. Wie immer wird Mester aber auch von seinem Schicksal angetrieben. Vom Gefühl, sich selbst und allen anderen beweisen zu müssen, dass er mithalten kann und man ihn besser nicht unterschätzen sollte.

Er hat in seinem Leben sicherlich mindestens 142,5 Geschichten erlebt, die das erklären, oder? „Ja, ich muss immer an meine Grenzen gehen, suche die Herausforderungen. Ich brauche das einfach irgendwie. Mag sein, dass das aus der Kindheit kommt, weil man sich da vielleicht immer beweisen musste, um nicht ausgelacht oder als letztes gewählt zu werden.“

Daher ist es für ihn auch selbstverständlich, dass er von demselben Abschlag spielt wie alle anderen Männer: „Ich will da abschlagen, und irgendwann bin ich hoffentlich so gut, dass die Leute sagen: Guck mal, der wird hier nicht bevorteilt oder bemitleidet. Der hält mit uns mit. Und es ist ja immer sowieso der Reiz von mir gewesen, über den Sport grundsätzlich zu zeigen, was eigentlich so in uns steckt. Als Mensch mit einer Behinderung wirst du in allen Sachen unterschätzt – ob im Alltag oder im Sport. Mein Kumpel ist ungefähr 1,80 Meter groß, und hat keine Einschränkung, und ich haue die Pille weiter als er. Das ist schon irgendwie cool.“

Und deswegen wäre es auch kein Knockout, wenn der Golfplatz von Brisbane im Sommer 2032 doch nur bei den Olympischen Spielen genutzt wird. Mesters Liebe zum Golf scheint unerschütterlich. „Meine Freundin hat mir letztens gesagt, ich sei ein ganz anderer Mensch, wenn ich vom Golfen käme“, erzählt er: „Also positiv gemeint. Und ich denke, sie hat Recht. Das Golfen gibt mir echt viel.“

Auch an alternativen Zielen mangelt es nicht. „Wenn es nicht paralympisch wird“, sagt er mit gespielter Verärgerung, schlägt die Faust auf den Tisch und lacht, „dann werde ich halt Klubmeister.“

Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.

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