„Wir können Infantino unmöglich vertrauen. Er ist eine Gefahr für den Fußball“
Gianni Infantino ist ein Mann, der das Scheinwerferlicht nicht bloß genießt, sondern sucht. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft posierte er im Weißen Haus wiederholt an der Seite von US-Präsident Donald Trump. Während des Turniers ließ er sich beinahe täglich mit Fußballlegenden fotografieren. Seine rund 5,7 Millionen Follower bei Instagram versorgt er fortlaufend mit Hochglanzbildern: Infantino auf der Ehrentribüne, Infantino winkend, Infantino mit dem WM-Pokal.
Gianni Infantino, der Superstar. Ein Meister der Selbstinszenierung. In seiner Selbstbeschreibung bei Instagram lässt er wissen, er mache den Fußball „wirklich global“ – als wäre der Sport das nicht längst und als bedürfte es dafür ausgerechnet des Chefs eines chronisch umstrittenen Weltverbandes.
Der Italo-Schweizer liebt die Show. Was er nicht liebt, sind kritische Fragen. Interviews gibt Infantino so gut wie nie. Auch mit WELT AM SONNTAG wollte er in dieser Woche nicht über die jüngste Affäre sprechen, die weite Teile der Fußballwelt gegen ihn aufgebracht hat.
Die Uefa sprach von Einschüchterung
Mehr als ein Jahr lang soll Infantino hinter verschlossenen Türen an einem Plan gearbeitet haben, von dem nach Angaben hochrangiger Fußballfunktionäre selbst Teile seines engsten Kreises nichts wussten: Die kommerziellen Rechte und der operative Betrieb der Fifa-Turniere sollten in eine neue Tochtergesellschaft namens Fifa Forward Enterprise, kurz FFE, ausgelagert und für private Investoren geöffnet werden.
Der konkrete Vorschlag: FFE sollte zunächst mit 20 Milliarden US-Dollar bewertet werden. Durch den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung von bis zu 21 Prozent wollte die Fifa bis zu 4,2 Milliarden Dollar einnehmen. Als führender Investor war Thrive Eternal vorgesehen, eine von Joshua Kushner gegründete Beteiligungsgesellschaft. Kushner ist der Bruder von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn. JP Morgan sollte den Prozess begleiten.
Fifa-Präsident Infantino will einen Teil der kommerziellen Rechte der Weltmeisterschaften an Investoren verkaufen. „Jeder der Verbände kriegt 20 Millionen, also man schmiert die Leute“, so WELT-Wirtschaftsredakteur Holger Zschäpitz.Parallel stellte der Weltverband jedem seiner 211 Mitgliedsverbände für die Jahre 2027 bis 2030 statt bislang acht Millionen Dollar künftig 20 Millionen Dollar reguläre Entwicklungsförderung in Aussicht – sowie optional weitere 20 Millionen Dollar als einmaliges Kapital für besondere Projekte. Die Fifa betonte, sie werde die alleinige Kontrolle über alle sportlichen und regulatorischen Entscheidungen behalten. Formal sollte das Modell erst nach Zustimmung einer Mehrheit der Mitgliedsverbände und des Fifa-Rats umgesetzt werden.
Der Widerstand setzte dennoch sofort ein – und er war massiv. Die europäische Föderation Uefa und sämtliche 55 Landesverbände des Kontinents lehnten das Modell einstimmig ab. Sie kündigten an, keine ihrer Nationalmannschaften werde an Fifa-Wettbewerben teilnehmen, solange der Plan nicht vollständig zurückgezogen und für die Zukunft verbindlich ausgeschlossen sei. Die Uefa sprach von einem Ultimatum und von Einschüchterung.
Auch die Concacaf, der Verband von Nord- und Mittelamerika, und ihre 41 Mitglieder verwarfen den Vorschlag. Der asiatische Dachverband AFC stellte sich demonstrativ an die Seite Europas und Nordamerikas. Die Spielergewerkschaft Fifpro Europe warnte davor, die WM und andere Fifa-Turniere in Anlageobjekte für privates Kapital zu verwandeln.
Selbst innerhalb der Fifa brach der Widerstand offen aus. COO Kevin Lamour sprach vom „Projekt einer Person“ und erklärte, Mitarbeiter, Vizepräsidenten und Ratsmitglieder seien im Dunkeln gelassen worden. Infantinos Seniorberater Carlos Cordeiro trat zurück und nannte das Vorhaben ein „schlechtes Geschäft für den Fußball“.
Es dauerte gerade mal drei Tage, dann zog Infantino den Vorschlag zurück. Beendet ist die Krise damit aber nicht. Die Uefa hält ihre Boykottdrohung aufrecht und erklärt, sie habe das Vertrauen in Infantinos Präsidentschaft verloren. Auch der lange als Infantino-nah geltende südamerikanische Verband Conmebol rügte inzwischen dessen wiederholte Alleingänge. Über all das sprechen? Nicht mit Infantino.
Der Fußball-Weltverband FIFA gibt seine umstrittenen Investorenpläne auf. Der Vorschlag werde nicht weiterverfolgt, erklärte Verbandspräsident Gianni Infantino.Vor gut drei Jahren war er noch auskunftsfreudiger. Damals kontaktierte sein Rechtsanwalt von sich aus die WELT-Redaktion und bot Zugang für ein Porträt an – direkte Gespräche mit dem mächtigsten Funktionär des Weltfußballs inklusive.
Ein Reporter flog daraufhin in die marokkanische Hauptstadt Rabat. In einem Luxushotel sprach er rund eine Stunde mit dem Fifa-Präsidenten über den Zustand des Weltfußballs und dessen Visionen. Kurz darauf lud Infantino ihn nach Kigali ein, die Hauptstadt Ruandas.
Im März 2023 hielt die Fifa dort ihren Jahreskongress ab. Infantino ließ sich per Akklamation im Amt bestätigen und posierte gemeinsam mit Ruandas Staatspräsident Paul Kagame. Nach der Veranstaltung sprach Infantino in einem Nebenraum des Stadions in Kigali erneut ausführlich mit dem Reporter, und verteidigte sich gegen Kritik.
Doch irgendetwas an diesen Gesprächen muss ihm missfallen haben. Anschließend ließ er über seine Assistenten ausrichten, das bereits für Zürich angedachte nächste Treffen werde nicht stattfinden. Auch die Autorisierung seiner Aussagen aus Rabat und Kigali verweigerte Infantino. Danach schaltete er auf stumm.
Auch in dieser Woche blieb die Tür zu. Fifa-Mediendirektor Bryan Swanson ließ eine Anfrage von WELT AM SONNTAG nach einem Gespräch mit Infantino über die aktuelle Krise unbeantwortet. Stattdessen schickte Swanson Tage später unaufgefordert einen Link zu einer Mitteilung auf der Fifa-Homepage, die erneut Aufregung auslösen sollte.
Die Verbandsführung räumte darin Fehler im Umgang mit dem FFE-Projekt ein und teilte mit, Infantino habe sich in einem separaten Schreiben beim Fifa-Rat und bei den Mitgliedsverbänden entschuldigt. Zugleich versicherten Generalsekretär Mattias Grafström und die bei einem Krisentreffen in Rabat anwesenden Mitglieder der Geschäftsleitung dem Präsidenten ihre „uneingeschränkte Unterstützung“ – ausdrücklich „als einzigem der von den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden gewählten Amtsträger“.
Nach einer Krisensitzung in Marokko hat die Spitze des Fußball-Weltverbandes Fifa ihrem umstrittenen Präsidenten Gianni Infantino volle Rückendeckung gegeben.Bei führenden Funktionären außerhalb der Fifa sorgte die Erklärung für Fassungslosigkeit. Der Berater eines Kontinentalverbandes, der seit Jahrzehnten im internationalen Fußballgeschäft tätig ist, schrieb WELT AM SONNTAG bezüglich des Beitrags: „Sorry, aber ich komme darüber einfach nicht hinweg. Spinner.“
Noch drastischer fiel die Reaktion anderer Spitzenfunktionäre aus. Gegenüber dem britischen „Telegraph“, der wie WELT zum Axel Springer Global Reporters Network gehört, bezeichneten führende Vertreter des Fußballs die Erklärung als „absolut dystopisch“.
An dem Treffen am Mittwoch in Rabat hatten neben Infantino und Generalsekretär Grafström mehrere Mitglieder der Fifa-Geschäftsleitung teilgenommen: Finanzchef Thomas Peyer, Rechtschef Emilio Garcia Silvero, Stabschef Daniel O’Toole, der für die Mitgliedsverbände zuständige Elkhan Mammadov sowie Mediendirektor Swanson.
Auffällig war allerdings auch, wer fehlte: Arsène Wenger, Fifa-Direktor für globale Fußballentwicklung, Chief Football Officer Jill Ellis, Frauenfußballchefin Sarai Bareman und COO Lamour.
Einige bei der Fifa wollen Infantinos Abgang, die wenigsten machen es öffentlich
Gerade Wenger und Lamour hatten sich zuvor öffentlich gegen Infantinos Projekt gestellt. Lamour ging noch weiter. „Jetzt ist die Zeit gekommen, dass sich die politischen Führungskräfte des Fußballs die richtigen Fragen stellen und die richtigen Entscheidungen treffen“, erklärte er. Nach Informationen dieser Redaktion gibt es innerhalb der Fifa weitere Mitarbeiter, die Infantinos Abgang wollen, sich bislang aber nicht öffentlich geäußert haben.
Dass ausgerechnet Grafström nun öffentlich Geschlossenheit mit Infantino demonstrierte, sorgte zusätzlich für Spott. Denn nur wenige Tage zuvor hatte er in einer internen E-Mail das Geschehen um den geplanten Verkauf von Anteilen als „traurig und verwerflich“ bezeichnet. Weiter schrieb er: „Einzelpersonen, instabile Momente und unglückliche Episoden kommen und gehen.“
Ein hochrangiger Fußballfunktionär sagte dem „Telegraph“ über die jüngste Fifa-Mitteilung: „Dieses Dokument wird zu einem Eckpfeiler der surrealistischen Literatur werden. Es ist absolut dystopisch, als käme es aus einer anderen Welt.“
Fifa-Generalsekretär Mattias GrafströmNach dem Treffen in Rabat schrieben Infantino und Grafström auch an die 211 Mitgliedsverbände sowie die Mitglieder des Fifa-Rats. Darin entschuldigten sie sich für „Fehler“, die vor und nach Bekanntwerden des FFE-Projekts gemacht worden seien. Welche Fehler genau damit gemeint sind? Das wollte WELT AM SONNTAG von der Fifa wissen. Auch darauf antwortete der Mediendirektor nicht.
Noch in Rabat demonstrierten Infantino und Grafström dann öffentlich Einigkeit: Bei einem Spiel des Afrika-Cups der Frauen zwischen Malawi und Sambia saßen beide nebeneinander und lächelten um die Wette. Doch die Gegner des Fifa-Präsidenten lassen sich nicht besänftigen. Die Uefa weigert sich weiterhin, ihre Boykottdrohung zurückzunehmen, und arbeitet daran, Infantino loszuwerden. Führungskräfte der Uefa und der Concacaf versuchen, genügend Rückhalt für ein erfolgreiches Misstrauensvotum gegen Infantino zu organisieren – oder einen glaubwürdigen Gegenkandidaten für die Präsidentschaftswahl aufzubauen.
Zugleich verlangt die Uefa weiterhin verbindliche Zusicherungen, dass die Fifa ihre Wettbewerbe oder ihre Governance nie wieder für privates Eigentum öffnen werde. Erst dann soll die Drohung eines Boykotts von Fifa-Turnieren vom Tisch sein. Am Freitagmorgen sagte ein hochrangiger Uefa-Offizieller dieser Redaktion: „Selbst wenn der Plan ad acta gelegt wurde – wir können dem Fifa-Präsidenten unmöglich vertrauen. Er ist eine Gefahr für den Fußball.“
In Zürich versuchen sie derweil, nach vorn zu schauen – und geben sich demonstrativ selbstbewusst. In ihrer Mitteilung warnte die Fifa, sie werde „keine Angriffe auf ihre Integrität, gute Governance und ordnungsgemäße Verfahren mehr tolerieren und alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um ihren Namen und ihren Ruf zu schützen und zu wahren“.
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