Ist er der Mann, der Infantino stürzen kann?
Europäische Fußballfunktionäre ziehen den katarischen Sportmanager Nasser al-Khelaifi als potenziellen Kandidaten für die Wahl zum Fifa-Präsidenten im nächsten Jahr in Betracht. Zuvor hatte der Vorschlag von Präsident Gianni Infantino, Anteile an der Weltmeisterschaft an externe Investoren zu verkaufen, die Kritiker des Plans dazu veranlasst, eilig nach einem Herausforderer zu suchen.
Eine Investmentfirma mit Verbindungen zur Familie von Präsident Donald Trump ist in einer hervorragenden Position, um von dem Plan zu profitieren, der diese Woche heftige Kritik seitens europäischer Politiker und Sportfunktionäre ausgelöst hat. Der europäische Dachverband Uefa hält im Lauf des Donnerstags eine Dringlichkeitssitzung mit seinen 55 nationalen Verbänden ab, um eine einheitliche Position zu finden, die auch einen möglichen Boykott der nächsten Weltmeisterschaft beinhalten könnte.
Auch führende Persönlichkeiten des europäischen Fußballs sind entschlossen, Infantino herauszufordern, der im März kommenden Jahres eine dritte volle Amtszeit als Fifa-Präsident anstrebt. In Gesprächen, die während der Weltmeisterschaft im vergangenen Monat begannen, haben sie al-Khelaifi als ernst zu nehmenden Anwärter ins Visier genommen, wie drei hochrangige internationale Fußballfunktionäre berichten. Ihnen wurde Anonymität gewährt, um offen über private Diskussionen sprechen zu können. Al-Khelaifi ist Präsident von Paris Saint-Germain in Frankreich, leitet den Dachverband der europäischen Fußballvereine und ist Vorsitzender des riesigen beIN-Media-Imperiums.
Fifa-Präsident Infantino will einen Teil der kommerziellen Rechte der Weltmeisterschaften an Investoren verkaufen. „Jeder der Verbände kriegt 20 Millionen, also man schmiert die Leute“, so WELT-Wirtschaftsredakteur Holger Zschäpitz.In den vergangenen zehn Jahren hat sich die gasreiche Golfmonarchie Katar zur diplomatischen Schaltzentrale der Welt entwickelt und sich in einige der hartnäckigsten internationalen Krisen eingemischt – von Afghanistan und Gaza bis hin zur Ukraine und zum Sudan –, während sie gleichzeitig Beziehungen sowohl zu den USA als auch zum Iran unterhält. Außerdem war das Land Gastgeber der WM 2022 als Höhepunkt seines Weges zu einer Sportgroßmacht, der durch massive Investitionen getragen wurde.
Als einflussreichster Manager im europäischen Fußball ist al-Khelaifi ein interessanter Kandidat für den Spitzenposten bei der Fifa. Gestützt auf den enormen Reichtum Katars hat er eine Ära beispiellosen Erfolgs für Paris Saint-Germain geleitet, das sich zur besten Fußballmannschaft Europas entwickelt hat. Al-Khelaifi sprang im April 2021 ein, um den Dachverband der Vereine, damals noch „European Clubs Association“ genannt, zu stabilisieren. Seinerzeit hatte ein Abspaltungsvorhaben von zwölf europäischen Spitzenvereinen zur Gründung einer „Superliga“ das gesamte Fußball-Establishment des Kontinents beinahe gesprengt.
Möglicher Herausforderer: Nasser al-KhelaifiAm Mittwochabend erklärte allerdings ein Sprecher von al-Khelaifi: „Nasser hat absolut keine Ambitionen, keine Absicht und kein Interesse an dem Amt bei der Fifa. Er wird weiterhin alle Institutionen des Welt- und europäischen Fußballs diskret unterstützen.“ Nur Taktik? „Die Sterne stehen günstig“, sagte hingegen ein EU-Beamter, der den Plan der Fifa, Anteile an ihren Wettbewerben zu verkaufen, genau beobachtet, über die Aussicht, dass al-Khelaifi den Weltverband leiten könnte. „Ob er diese Aufgabe übernimmt, ist eine andere Sache.“
Am Mittwochvormittag teilte die Fifa ihren Mitgliedsverbänden mit, dass sie bis zum 19. September Zeit hätten, dem Plan von Infantino zuzustimmen, der die Ausgliederung einer neuen Gesellschaft aus der in der Schweiz ansässigen gemeinnützigen Organisation vorsieht, die den internationalen Fußball überwacht. Die „Fifa Forward Enterprise“ würde die kommerziellen Rechte an den Fifa-Wettbewerben besitzen und verwalten – einschließlich Übertragungsrechten, Sponsoring, Ticketverkauf, Lizenzierung und damit verbundenen Geschäftsbereichen.
Am umstrittensten ist, dass 20 Prozent der Anteile an diesem Unternehmen an private Investoren verkauft werden sollen, wobei das Unternehmen mit rund 20 Milliarden Dollar bewertet wird. Eine Risikokapitalgesellschaft unter der Leitung von Joshua Kushner, dem Bruder von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, soll als Hauptinvestor bei dem geplanten Deal fungieren – ein weiteres Zeichen für den Einfluss des amerikanischen Präsidenten auf den Weltfußballverband.
Die Fifa erklärt, sie werde die Kontrolle über die neue Tochtergesellschaft behalten, während die Investoren nur Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollbefugnis halten würden; gleichzeitig würde der Deal Milliarden an frischem Kapital freisetzen, das im weltweiten Fußball umverteilt werden könnte. „Zu wenig vom wachsenden kommerziellen Wert des Fußballs kommt in den Bereichen des Sports an, die ihn am dringendsten benötigen“, sagte Infantino in einem am Mittwoch veröffentlichten Video. „Um diesen Wert zu erschließen, bedarf es zusätzlicher Fachkenntnisse und zusätzlicher Einblicke, die sich von der Leitung und Entwicklung des Sports unterscheiden.“
Um Unterstützung zu gewinnen, verband Infantino den Vorschlag mit einer erheblichen Aufstockung der Mittel für das Entwicklungsprogramm der Fifa-Mitgliedsverbände. Sollte eine Mehrheit der 211 Verbände dem Plan zustimmen, hätte jeder Anspruch auf einmalige Zuschüsse von bis zu 20 Millionen US-Dollar – zusätzlich zu erhöhten Zahlungen in den kommenden Jahren.
Beim Fifa-Jahreskongress im April in Vancouver teilte Infantino den Mitgliedsverbänden mit, dass er beabsichtige, sich 2027 für eine weitere vierjährige Amtszeit zur Wahl zu stellen. Infantinos enge Beziehung zu Trump ist insbesondere in Europa auf Kritik gestoßen. Nachdem Trump Anfang dieses Monats bei Infantino interveniert hatte, um die Aufhebung einer Sperre für US-Spieler Folarin Balogun während der Weltmeisterschaft zu erreichen, unterzeichneten 90 Mitglieder des Europäischen Parlaments zwei Briefe, in denen sie die Organisation wegen Maßnahmen kritisierten, die ihrer Meinung nach die politische Neutralität des Weltfußballverbandes untergraben.
Mitarbeit: Tim Röhn.
Ali Walker und Sophia Cai sind Global Reporter bei Axel Springer. Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter „Politico“, „Business Insider“, WELT, „Bild“, „Onet“ und „Fakt“ – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: online, print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.
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