Gemeinsam mit ihrer guten Freundin wollte Maren Hammerschmidt glücklich lachend am Gipfelkreuz der Zugspitze stehen. Geplant war dieser Moment für den vergangenen September, ihre Freundin aber heißt Laura Dahlmeier. Sie starb im Juli 2025.

Über die traditionelle Eisenzeitroute bestieg Hammerschmidt nun Anfang Juli Deutschlands höchsten Berg, ohne ihre Biathlon-Freundin vergangener Tage. „Es wäre richtig schön gewesen, es mit ihr zusammen zu machen. Sie hätte mir in ihrer Heimat jedes Fleckchen zeigen können“, sagt Hammerschmidt.

Vor etwas mehr als einem Jahr sprachen die beiden Freundinnen am Telefon über ihre gemeinsame Tour. Dabei erzählte die Doppel-Olympiasiegerin auch von ihrer anstehenden Reise nach Pakistan, wo sie ihren Sehnsuchtsberg – den Laila Peak – besteigen wollte. Es war das letzte Gespräch der beiden. „Ich habe das noch sehr bildlich vor Augen, weil ich bei mir zu Hause abends durch den Garten gegangen bin und gegossen habe“, erinnert sich Hammerschmidt. Auch ein Jahr nach dem tödlichen Unfall Dahlmeiers ist der immense Verlust immer noch präsent.

Die Trauer komme nach wie vor in Wellen, auch wenn es langsam besser werde, erzählt die Ex-Sportlerin, mittlerweile Pressesprecherin des deutschen Biathlon-Teams. Anfangs fraß sie alles in sich hinein, gemeinsame Bilder und Videos konnte sie nicht anschauen. Über ihre enge Freundin sprach sie kaum. „Das hat mir in meinem Trauerprozess natürlich nicht geholfen. Weil es einfach unbegreiflich für mich war. Laura war für mich eine Naturgewalt, die unzerstörbar war. Ich habe immer gedacht, ihr passiert nie irgendwas“, sagt Hammerschmidt.

Doch am 28. Juli 2025 passierte es.

„Ich glaube, das ist der schönste Friedhof für Laura“

Rückblick: Dahlmeier besteigt mit einer Seilpartnerin den Laila Peak, den sie eigentlich mit ihrem im Januar 2022 bei einem Lawinenunglück gestorbenen Ex-Freund erklimmen wollte. Die 31 Jahre alte siebenmalige Weltmeisterin und ausgebildete Bergführerin bricht bei schwierigen Wetterbedingungen den Gipfelsturm ab, wird dann aber beim Abstieg auf 5700 Metern Höhe von einem Steinschlag am Kopf getroffen. Sie ist mutmaßlich sofort tot. Ihre Kletterpartnerin überlebt.

Dahlmeier verbleibt am Berg, der sie quasi verschluckt. „Ich glaube, das ist der schönste Friedhof, den es für die Laura gibt. Verschmolzen mit dem Herzen der Berge. Das war sie und das ist sie“, sagt Mutter Susi Dahlmeier.

Die Mutter von Laura Dahlmeier, Susi Dahlmeier, im Laura-Dahlmeier-Park bei einem Dreh für das ZDF

Hammerschmidt konnte sich damit anfangs nicht anfreunden. Mittlerweile denkt aber auch sie: Wo, wenn nicht in den Bergen, hätte Dahlmeier lieber ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die einstige Biathlon-Königin hatte als Extremsportlerin alles für den Fall der Fälle vorbereitet, ihr Testament gemacht, die Beerdigung geplant. Über einen möglichen Tod auf den teils hochgefährlichen Bergtouren redeten die Freundinnen dennoch nie. „Auch wenn es bei dem, was sie tat, eigentlich naheliegend gewesen wäre“, sagt Hammerschmidt.

Manchmal denkt Hammerschmidt: „Das hätte Laura gefallen“

Nach der Trauerfeier am 11. August wurde sie krank, Körper und Psyche streikten als Reaktion auf das Unfassbare. Dazu kamen Gedanken, zu viele Sachen im Sog des Alltags aufgeschoben zu haben. „Das hat mich sehr beschäftigt. Dass wir uns nicht die Zeit genommen haben, uns öfter zu sehen“, erzählt Hammerschmidt. „Ich bereue, was ich alles nicht mit ihr gemacht habe. Gespräche, die ich gerne noch geführt hätte, Fragen, die ich noch hatte.“

Aufschieben will sie nun nicht mehr so viel. Es klappt nicht immer. „Aber ich habe es des Öfteren im Kopf, und wenn ich Sachen mache, die außerhalb meiner Komfortzone liegen, denke ich tatsächlich oft: Das hätte Laura gefallen.“

Maren Hammerschmidt und Laura Dahlmeier jubeln 2015 gemeinsam beim Weltcup in Hochfilzen – beide kamen im Verfolgungsrennen auf das Podium

Die enge Freundschaft der beiden begann im Dezember 2015 beim Weltcup in Hochfilzen. Sie wurden zufällig Zimmerkolleginnen, weil „wir quasi übrig geblieben waren“, erinnert sich die heute 36-Jährige. „Wir haben viel gelacht, uns fast jeden Tag gefoppt, hatten einfach unheimlich viel Spaß zusammen.“ Die knapp vier Jahre jüngere Dahlmeier wurde der alles überragende Star des Teams. „Das hat sie aber nie raushängen lassen, das habe ich an ihr immer sehr geschätzt. Sie war einfach die Beste.“ Auch über die ernsten Seiten des Lebens sprachen sie. „Laura stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite, wenngleich sie natürlich auch egoistisch ihre Ziele verfolgt hat.“

Ein Ritual von Dahlmeier, das Hammerschmidt bis heute lebt

Von Dahlmeier, die dem Buddhismus sehr zugeneigt und wie ihre Mutter spirituell war, übernahm Hammerschmidt ein Ritual, bis heute. „Laura ist immer mit einem Palo Santo (heiliges Holz, die Redaktion) gereist“, erinnert sich Hammerschmidt. „Und manchmal hat sie bei uns im Zimmer auch weißen Salbei angezündet, um die schlechten Geister zu vertreiben.“

Zündet sie jetzt ein Palo Santo an, erinnert sie der Geruch an ihre Freundin. Dahlmeier, mit der sie unter anderem WM-Staffel-Gold gewann, habe „an diesen inneren Frieden geglaubt“ und „sich dafür Zeit genommen“. Genau wie für ihre Bergtouren, auch während der Sportkarriere. „Das war für sie Erholung. Das fand ich immer sehr beeindruckend“, sagt Hammerschmidt.

Als kurz vor den Olympischen Spielen 2018 ein enger Freund Dahlmeiers beim Klettern starb, fragte sich Dahlmeier, ob sie weiter ihrer Bergleidenschaft nachgehen solle. „Aber sie hat gesagt: ‚Das wäre doch nicht mehr ich.‘ Und ich habe gesagt: ‚Ja, das ist einfach dieses absolute Argument dagegen.’“

Beeindruckende Ausbeute: Laura Dahlmeier bei der WM 2017

Was Hammerschmidt bleiben, sind die gemeinsamen Erlebnisse. Und ein besonderes Erinnerungsstück. Susi Dahlmeier, Goldschmiedin, schenkte ihr eine Kette, die sie einst für ihre Tochter gemacht hatte. „Diese Kette hat auch Laura viel bedeutet“, erzählt Hammerschmidt. Wird ihr etwas zu viel, greift sie schon mal an den kleinen Buddha an dem Schmuckstück. „Das gibt mir dann ein bisschen Ruhe und Stärke.“

Dass der Tod nicht das Ende ist, davon war Dahlmeier überzeugt. „Laura glaubte sehr stark an eine innere Kraft und dass man auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden sein kann“, sagt Hammerschmidt. Auch sie glaubt, dass sie ihre Freundin wiedersehen wird: „Ich kann nicht sagen, wo man dann sein wird. Aber ich glaube nicht, dass das das Ende ist. Wir müssen ja noch einige Gespräche führen.“

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