Wenn der maskierte Pöbel bald wieder Raketen feuert, werden wir diese WM vermissen
Zugegeben, es ist wirklich verdammt lange her. Vier Wochen? Fünf? Sechs? Gar acht? Ich bin mir selbst nicht mehr ganz so sicher.
Es begann irgendwann mit Mexiko gegen Südafrika, und uns stand damals nicht nur die längste Fußball-WM bevor. Es wartete das schlimmste und charakterloseste Turnier der Geschichte.
Der Fußball lag auf dem Altar, geopfert von Gianni Infantino, der unserem Sport mit Gigantismus und Selbstherrlichkeit endgültig die Seele nehmen würde. Spätestens seit der Verleihung des Fifa-Friedenspreises hatten wir uns auf harte Momente der Fremdscham vorbereitet. Der sportliche Reiz mit 48 Teilnehmern verwässert, das Leistungsgefälle riesig. Tore, Tränen, Tickets – alles dem Kommerz geopfert. Dazu noch zu Gast im Hause des zweiten apokalyptischen Reiters: Donald Trump. Eine Diabolik, so düster, dass sich mancher nach Katar zurückwünschte. Das Ende schien nah.
Bei der WM-Auslosung in Washington D.C. geriet der Fußball teilweise in den Hintergrund. US-Präsident Donald Trump erhielt den ersten Fifa-Friedenspreis – und Fifa-Chef Gianni Infantino irritierte mit einem skurrilen Auftritt.Zumal der Sport diesmal keine Kompensation würde liefern können. Usbekistan, Katar, Curaçao und Co. schienen allein von wissenschaftlichem Nutzen: Wie viele Gegentore sind in zwei Halbzeiten möglich?
Vozinha ist keine Fan-Tröte
Heute sind wir schlauer und haben gelernt, dass es beim Fußball vier Viertel gibt. Die Antwort auf die Frage der maximal möglich hohen Niederlage erhielten wir hingegen nicht. Die Befürchtung, dass die Fifa sich nach Ethik und Moral bei diesem Turnier nun auch vom Sport verabschieden würde, erwies sich als falsch. Wie viele schlechte Fußballspiele haben wir gesehen? Drei? Vier? Früher war mehr Gewürge.
Messi, Mbappé, Kane, Haaland, Dembélé, Rodri, Modric, Vini jr. – die Stars lieferten ab wie nie. Wir wissen nun auch, dass Vozinha keine Fan-Tröte ist und die vermeintlich Kleinen vielleicht doch ganz gut kicken können. Oh, wie schön ist Panama! Im Finale stehen Argentinien und Spanien – Kap Verde spielte gegen beide in 90 Minuten unentschieden, verlor im Turnier nur ein Spiel nach Verlängerung.
Und wir? Hatten erst gegen Ecuador das Nachsehen und schieden dann gegen Paraguay aus. Außenpolitik und Sport haben gemein, dass alte Gewohnheiten und Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten – und wir die Wahrheit verdrängen. Die Deutschen waren Dichter und Denker, Autobauer und Fußballer. Das gilt immer noch. Nur sind wir eben nicht mehr besonders gut darin.
Die deutsche Nationalmannschaft verliert im Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Im Elfmeterschießen versagen gleich drei Spielern die Nerven. Die Highlights im Video.Wenn es bei der WM 2030 also zum Duell Deutschland gegen Italien kommen sollte, müssen wir verstehen, dass ein Fan irgendwo auf der Welt die Nase rümpft. Die einen warten seit 2014 auf das Erreichen des Achtelfinals, die anderen werden seit 24 Jahren kein K.-o.-Spiel mehr bestritten haben. 24! Das ist die Realität.
Zu hohe Ticketpreise?
Machen wir uns daher ehrlich. Auch außerhalb des Platzes. Wir können den Uli Hoeneß in uns herauskehren und uns über die Ticketpreise echauffieren. Vielleicht erkennen wir aber auch mal an, dass es Millionen Menschen gibt, die bereit waren, den Preis zu bezahlen und die Karten zu kaufen.
Weltmeisterschaften erinnern uns auch alle vier Jahre daran, dass es keine organisierten Fanszenen, keine Riesenfahnen, Capos und Pyro für einen stimmungsvollen Rahmen braucht. Die Angst vor fachfremdem Publikum und ahnungslosem Event-Klatschvieh auf den Rängen war unbegründet. Stattdessen wird uns gezeigt, dass 90 Minuten auch ohne Platzsturmangst und spielfernen Dauer-Singsang möglich sind.
Die Stadien waren voll, die Stimmung fantastisch. So gut sogar, dass wir sie in einigen Wochen schon vermissen werden. Wenn die Bundesliga beginnt und der skimaskierte Pöbel sich wieder mit Raketen beschießt. Wenn Feuerwerkskörper auf die Plätze fliegen, weil irgendein Klub-CEO laut über die Frage nachgedacht hat, die Ecken des Vereinswappens minimal abzurunden.
Die Befürchtungen vor dieser WM waren groß. Nach all den Wochen ist nicht viel davon übrig. Es war – sportlich wie emotional – eine gute Weltmeisterschaft. An uns Deutschen lag das jedoch nicht.
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