Sie prägt den deutschen Frauenfußball. Alaxandra Popps Wechsel zur drittklassigen Regionalligamannschaft Borussia Dortmund überraschte viele – doch für sie ist er eine Herzensangelegenheit. Im Exklusivinterview mit WELT AM SONNTAG verrät sie, warum sie einige Entwicklungen zunehmend kritisch sieht.

WELT AM SONNTAG: Frau Popp, für welchen BVB-Spieler haben Sie als kleines Mädchen besonders geschwärmt?

Alexandra Popp: Oh, das ist lange her. Als ich BVB-Fan geworden bin, hat Lars Ricken gespielt – und Andy Möller. Das war ganz am Anfang. Als ich dann etwas älter war und öfter selbst ins Stadion gegangen bin, spielten Jan Koller, Tomas Rosicky, Dede und Ewerthon. Das waren gute Zeiten, würde ich sagen.

WAMS: Andy Möller ist im Sommer 2000 ziemlich überraschend zu Schalke 04 gewechselt. Da waren Sie neun. Ein Kindheitsschock?

Popp: (lacht) Ich hatte tatsächlich ein Trikot von Andy Möller. Mein Papa, der immer Sympathien für Schalke hatte, zog mich dann einige Male damit auf. Später hatte ich dann aber auch noch ein Trikot von Rosicky.

WAMS: Ihr Vater ist im Dezember 2022 leider verstorben. Was glauben Sie, hätte er zu Ihrem Wechsel nach Dortmund gesagt?

Popp: Ich glaube, er wäre sehr, sehr stolz. Natürlich würde er mich auch ein bisschen foppen. Ganz klar. Wenn man die BVB-Schalke-Kombination in der Familie hat, gehört das irgendwie dazu. Das war früher auch so, wenn beispielsweise das Revierderby anstand. Deshalb wäre es jetzt bei uns zu Hause sicher sehr lustig zugegangen.

WAMS: Sie haben bis zu ihrem 14. Lebensjahr beim FC Schwarz-Weiß Silschede in ihrer Heimatstadt Gevelsberg gespielt. Hätten Sie sich damals ausmalen können, irgendwann selbst einmal für den BVB zu spielen?

Popp: Nein, das war ganz weit weg. Ich hab damals in gemischten Mannschaften gespielt, und mir war natürlich bewusst, dass Mädchen später nicht bei den Männern spielen können. Erst als ich mit zwölf Jahren in die Kreisauswahl berufen wurde, habe ich erfahren: Es gibt ja auch eine Frauen-Nationalmannschaft und eine Frauen-Bundesliga. Aber auch später gab es beim BVB ja noch keine Frauenmannschaft. Das änderte sich erst, als auf der Südtribüne ein Transparent hochgehalten wurde...

WAMS: ...auf dem die klare Forderung an die Vereinsführung gestellt wurde: „Fußball ist für alle da – Frauenteam jetzt!“ Das war vor fast sieben Jahren.

Popp: Da habe ich gedacht: Oh, das gefällt mir. Schauen wir mal, was daraus wird. Ich habe aufmerksam verfolgt, ob die Verantwortlichen das Projekt auch wirklich ernst nehmen. Es gibt ja schließlich auch Vereine, die mehr reden, als sie dann umsetzen. In den vergangenen Jahren habe ich mich dann überzeugt, dass hier wirklich gute Arbeit geleistet wird und es den großen Wunsch gibt, so schnell wie möglich nach oben zu kommen.

WAMS: Wie sind denn Ihre ersten Eindrücke nach dem Wechsel zum BVB?

Popp: Ich bin sehr positiv gestimmt. Es gibt hier wahnsinnig gute Bedingungen. Wie professionell hier gearbeitet wird, nimmt man auch an Kleinigkeiten wahr: Nach dem Training wird gemeinsam gegessen. Unsere Trainingskleidung wird hier gewaschen. Natürlich gibt es auch noch Punkte, an denen wir uns verbessern können. Wir reden hier immer noch von einer Regionalligamannschaft. Da muss auch noch Luft nach oben sein. Ich finde es aber auch ganz gut, dass noch nicht alles durchprofessionalisiert ist.

WAMS: Warum?

Popp: Weil die Mädels dadurch noch ein Stück weit demütig bleiben. Sie sollen die Dinge so schätzen, wie sie sind. Diese Haltung, finde ich, ist ein ganz, ganz hohes Gut für die Entwicklung im Frauenfußball.

WAMS: Hat es Sie nicht abgeschreckt, von einem Spitzenverein wie dem VfL Wolfsburg in die Regionalliga zu wechseln?

Popp: Nein. Ich war 14 Jahre in Wolfsburg und wusste, was ich dort habe – was ich mir dort über einen langen Zeitraum aufgebaut habe. Viele Menschen haben mich dort sehr wertgeschätzt. Ich habe mich gefragt: Willst du noch einmal etwas komplett Neues machen oder lässt du es hier jetzt ein bisschen ausschleichen? Was mich beim BVB angefixt hat, war die Möglichkeit, von etwas weiter unten noch einmal etwas Neues aufzubauen. Das ist eine neue Herausforderung – mit etwas anderen Aufgaben.

WAMS: Es ist aber auch ein Abschied von der ganz großen Bühne – zumindest vorübergehend.

Popp: Das ist durchaus so gewollt. Ich wollte auch ein bisschen aus diesem Business raus. Der Frauenfußball hat sich in den vergangenen Jahren schon sehr stark entwickelt, was grundsätzlich gut ist. Aber er hat sich teilweise auch ein bisschen in die falsche Richtung entwickelt. Wenn ich beispielsweise die Entwicklung der Ablösen sehe...

WAMS: …der FC Arsenal zahlt für die erst 19-jährige Lisa Baum von RB Leipzig 600.000 Euro...

Popp: ...dann kann ich das teilweise absolut nicht nachvollziehen. So gesehen bin ich ganz froh, dass es hier noch recht bodenständig zugeht, dass der Fußball im Mittelpunkt steht, dass hier nicht über das Essen gemeckert wird, sondern dass man froh ist, dass es überhaupt Essen gibt. Auch deshalb bin hier, ich wollte ein wenig „Back to the Roots“.

WAMS: Rechnen Sie nicht manchmal hoch, wie viel mehr Geld Sie hätten verdienen können, wenn Sie zehn Jahre später geboren wären?

Popp: Ganz ehrlich: Ich bin so froh, dass genau das nicht der Fall ist – weil ich so noch Dinge miterleben konnte, die für mich unglaublich wichtig waren und sind. Ich habe in meinen Anfängen für sehr wenig Geld gespielt, durfte aber Entwicklungen mitgestalten. Weil ich mich nicht in ein gemachtes Nest setzen konnte. Ich weiß, wo ich herkomme und dass viele Dinge nicht selbstverständlich sind. Jüngere Spielerinnen haben den Fußball ganz anders kennengelernt: Sie kennen meist nur dieses „Höher, schneller, weiter“ und vor allem dieses „Mehr“-Denken. Das ist schon ein Stück weit schade. Denn dadurch geht dieser Sport auch ein wenig kaputt.

WAMS: Inwiefern?

Popp: Weil es am Ende nicht mehr nur um diese Leidenschaft geht – darum, sein Herz auf dem Platz zu lassen. Deshalb bin ich froh, dass ich so aufgewachsen bin und sehr genau einschätzen kann, wie privilegiert wir als Profifußballspielerinnen sind. Das vergessen viele.

WAMS: Mittlerweile inszenieren sich Fußballspielerinnen auch über Social Media. Haben sich die Themen, über die beispielsweise in der Kabine gesprochen werden, verändert?

WAMS: Aber dass die Gehälter steigen und es mittlerweile Spielerinnen mit großer Reichweite gibt, ist doch ein Indikator für die gestiegene Wahrnehmung des Frauenfußballs.

WAMS: Aber dass die Gehälter steigen und es mittlerweile Spielerinnen mit großer Reichweite gibt, ist doch ein Indikator für die gestiegene Wahrnehmung des Frauenfußballs.

Popp: Ja, es ist auf der einen Seite super, wie sich unser Sport entwickelt und professionalisiert hat – speziell auch international. Aber gerade, weil sich so viele über die ausufernde Kommerzialisierung im Männerfußball aufregen, hatte ich ein wenig die Hoffnung, dass es uns gelingt, einen etwas anderen Weg einzuschlagen. Doch wenn ich höre, welche Ablösen für gerade mal 19-jährige Spielerinnen gezahlt werden, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Ich hoffe nur, dass die Spielerinnen auf die Folgen gut vorbereitet sind. Denn der Druck wird sich nicht unerheblich erhöhen.

WAMS: Wie stellen Sie sich Ihre Führungsrolle beim BVB vor – gerade auch im Hinblick auf die jüngeren Kolleginnen?

Popp: Ein Stück weit genauso wie in den vergangenen Jahren auch. Ich will vorweg marschieren und versuchen, meine Qualität hochzuhalten. Ich werde sicher verbal das ein oder andere Mal aktiv sein – auch außerhalb des Platzes. Man sollte nicht glauben, dass es jetzt nur Regionalliga und damit Larifari ist. Wir haben konkrete Ziele – und um die zu erreichen, bin ich hier. Ich werde mir mit Sicherheit keinen Lenz machen. Es gibt hier junge Spielerinnen, die zu mir schauen und sich fragen: Was macht die „Poppi“ denn so? Wie bereitet sie sich auf ein Spiel vor? Dessen bin ich mir bewusst.

WAMS: Sie sind mittlerweile 35. BVB-Sportdirektor Ralf Kellermann, der auch aus Wolfsburg kam, sagte, Sie gehen nach wie vor in jedem Spiel an ihre Grenzen – und dass Sie seit ihrem Rücktritt aus der Nationalelf in Bezug auf körperliche Frische zulegt haben. Empfinden Sie das auch so?

Popp: Ja, das ist zwar traurig, aber wahr (lacht). Ich merke es tatsächlich, dass mir die Pausen – ob die Länderspielpausen oder auch die Sommerpause – extrem guttun. Entsprechend kann ich jetzt wieder richtig durchziehen.

WAMS: In der vergangenen Saison hat der BVB den Aufstieg in die zweite Liga knapp verpasst – auch, weil nicht jede Spielerin mit dem Druck zurechtgekommen ist. Sie sind gerade in Spielen, in denen der Druck groß war, über sich hinausgewachsen. Warum?

Popp: Naja, wenn es um etwas geht, macht es doch besonders viel Spaß. Das hat sicher auch etwas mit meiner Mentalität zu tun. Ich hasse es, zu verlieren. Deshalb laufe ich vorweg. Da sehe ich meine Aufgabe in Dortmund – aber nicht nur meine. Hier sind ja auch andere Ex-Bundesligaspielerinnen. Wir müssen halt viel mit den jüngeren Mädels quatschen, ihnen den Druck nehmen. Wir müssen ihnen sagen: „Spielt euren Stiefel, wir schaffen das gemeinsam!“

WAMS: Sie gelten bereits jetzt als das Gesicht des BVB-Frauenfußballs. Können Sie mit dieser Bezeichnung etwas anfangen?

Popp: Ich halte von dieser Beschreibung nichts. Ich kann es ein Stück weit verstehen, dass ich als das Gesicht des VfL bezeichnet worden bin – schließlich war ich 14 Jahre in Wolfsburg. Aber ich bin ja noch nicht lange in Dortmund, auch wenn ich einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben habe. Ich sehe mich nicht als das Gesicht des BVB – da denke ich eher an meine Mitspielerinnen, die schon länger hier sind und daran mitgewirkt haben, was hier entstanden ist.

WAMS: Sie waren sowohl in Wolfsburg als auch in der Nationalmannschaft lange die herausragende Spielerpersönlichkeit. Doch Sie standen nie gern im Mittelpunkt. Ist dies, wenn man so will, der große Zwiespalt Ihrer Karriere?

Popp: Zum Mittelpunkt habt ihr Medien mich ja gemacht, daran seid ihr schuld (lacht). Aber es stimmt schon: Für mich war Popularität immer die andere Seite der Medaille. Ich musste mich an diese öffentliche Rolle gewöhnen. Doch da mir immer schon sehr viel an der Entwicklung des Frauenfußballs gelegen hat, habe ich auch eingesehen, dass man dazu auch Menschen braucht, die sich in die Öffentlichkeit stellen und etwas erzählen.

Popp war mehrere Jahre Kapitänin der Nationalmannschaft

WAMS: Weil Sie erzählt haben, welche Trikots von männlichen Fußballstars Sie als Mädchen getragen haben: Würden Sie sich wünschen, dass eines Tages auch Jungs in BVB-Trikots herumlaufen, auf denen Namen von Spielerinnen stehen?

Popp: Das wäre cool. Aber da ist ja auch schon einiges in Bewegung. Mein Bruder hat mir erzählt, dass er auf Mallorca viele Leute gesehen hat, die Trikots mit den Namen von Spielerinnen getragen haben. Das ist schön.

WAMS: Die Männer-Nationalmannschaft bekommt einen neuen Bundestrainer mit BVB-Vergangenheit. Ist Jürgen Klopp eine gute Wahl?

Popp: Ja, da hat sich deutlich etwas getan. Die Vereine investieren in die Infrastruktur, beim BVB wird ein neues Trainingszentrum erstellt. Auch beim Deutschen Fußball-Bund und bei der neu gegründeten Frauen-Bundesliga FBL e.V. wird gearbeitet, die Strukturen zu verbessern. Sicher, es gibt immer noch Rückschläge – wie beispielsweise, wenn Rasenheizungen, die vorhanden sind, für Frauen-Bundesligaspiele nicht angemacht werden. Wir müssen schon noch an einigen Stellschrauben drehen.

WAMS: Die Männer-Nationalmannschaft bekommt einen neuen Bundestrainer mit BVB-Vergangenheit. Ist Jürgen Klopp eine gute Wahl?

Popp: Wenn man seine Vita sieht, ist er sicher eine gute Wahl. Aber ich bin trotzdem gespannt, denn Vereinstrainer und Bundestrainer – das sind zwei Paar Schuhe. Du hast als Bundestrainer dein Team nicht täglich vor der Linse, du hast nicht so viel Zeit mit der Mannschaft. Ich würde mir aber sehr wünschen, dass wir endlich den Turnaround hinbekommen und wieder guten und erfolgreichen Fußball sehen.

Am Wochenende wird sich die DFB-Spitze erstmals mit Wunsch-Bundestrainer Jürgen Klopp in New York treffen. Walter M. Straten, „Bild“-Vizechefredakteur Sport, kennt die ersten Details zu Klopps möglichem Vertrag.

WAMS: Die Männer-WM wurde von vielen Themen überschattet, die nur am Rande mit Fußball zu tun haben: politische Debatten, Ticketpreise – bis hin zur Einmischung eines Staatschefs. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Popp: Es ist schon schade, dass man sich mittlerweile als Fußballspieler nicht mehr einfach auf seinen Sport konzentrieren kann, sondern immer wieder mit allen möglichen politischen Themen konfrontiert wird. Ich bin fast schon froh, dass ich nicht viel von der WM gesehen habe. Ich war im Urlaub und dann mit meinem Umzug beschäftigt. Aber diese Entwicklung ist schon sehr schade. Denn ich will, wie viele andere auch, einfach nur Fußball schauen – und nichts anderes.

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