Kylian Mbappé war der Frust deutlich anzusehen. In der zweiten Halbzeit des WM-Halbfinales gegen Spanien winkte der Superstar der Franzosen wiederholt genervt ab. Beim 0:2 seines Teams gegen die Spanier liefen er und seine Teamkollegen immer wieder dem Ball hinterher. Die Offensive der Superstars, die bis dato die Gegner vom Platz gezaubert hatte, blieb wirkungslos. Frankreich war vom Finaleinzug so weit entfernt wie Deutschland vom WM-Titel.

„Wir haben gegen eine der besten Nationalmannschaften gespielt, aber die mussten gegen die beste Mannschaft antreten. Wir sind ein Team“, sagte Trainer Luis de la Fuente nach der Demonstration spanischer Überlegenheit. Das verdiente Ausscheiden des großen Favoriten bewies einmal mehr, dass es bei dieser Weltmeisterschaft die Höchststrafe ist, gegen Spanien zu spielen. Nach den bisherigen Leistungen geht das Team favorisiert in das Finale gegen Argentinien am Sonntag (21 Uhr, ZDF, MagentaTV und im Liveticker bei WELT).

Spanien ermüdet seine Gegner mit dominantem Ballbesitzfußball. Immer, wenn es zu einem entscheidenden Zweikampf kommen könnte, ist der Ball schon beim nächsten Gegenspieler gelandet. Dem Ball hinterherlaufen ist für den Körper und Geist so viel ermüdender als im Zweikampf um ihn zu streiten oder ihn gar zu besitzen.

Spaniens Matchwinner Pedro Porro spricht nach dem Sieg gegen Frankreich über die Leistung der spanischen Mannschaft. „Jetzt erst mal ausruhen“, sagt Porro. Am Sonntag trifft Spanien im Finale auf den Sieger der Partie zwischen England und Argentinien.

Natürlich ist es Lamine Yamal, der die Fans auf den Tribünen mit seinen Tempodribblings zum Kreischen bringt. Auch Mikel Oyarzabal hat sich mit seinen fünf WM-Toren in den Fokus gestellt. Und Marc Cucurella sorgt nicht nur wegen seines Handspiels bei der EM gegen Deutschland und seiner Lockenmähne für Aufmerksamkeit. Der Star des spanischen Spiels aber ist einer, der auf dem Platz alles richtig macht, ohne dabei aufzufallen. Rodri ist die Seele, der Taktgeber und der Macher der spanischen Nationalmannschaft.

Rodri ist Architekt und Taktgeber im spanischen Mittelfeld

Unaufgeregt läuft der Kapitän vor der Abwehr die Bälle ab und leitet mit schnellen Pässen die Gegenangriffe ein. Wenn es sein muss, verschärft er das Tempo mit langen Bällen. Wenn es das Spiel verlangt, nimmt er mit einem Querpass die Geschwindigkeit aus dem Spiel und ermöglicht es so seinen Mitspielern, sich wieder zu ordnen. Der 30-Jährige verkörpert als Architekt das spanische Spiel. Er entscheidet in seiner zentralen Rolle, wann seine Mannschaft die Pressingmaschine anwirft und wann es sich ausnahmsweise einmal zurückzieht, um dem Gegner das Gefühl von Kontrolle vorzugaukeln.

Wie fast immer ist Rodri (l) vor seinem Gegenspieler am Ball

Dies alles tut der 30-Jährige beinahe fehlerfrei. Rodri brachte in den sieben WM-Spielen 655 Pässe zu seinen Teamkollegen – das ist der beste Wert aller Spieler in einem WM-Turnier seit 1966. Seine Passquote liegt bei 93 Prozent.

Tempo-Kontrolle, Passgenauigkeit, Spielintelligenz im zentralen, defensiven Mittelfeld – alles Attribute, die an einen langjährigen deutschen Nationalspieler mit Weltklasse-Niveau erinnern. Rodri ähnelt in seiner Spielweise und seinem Auftreten auf dem Platz stark Toni Kroos – nur ohne Tattoos.

Kontrollierte Offensive gepaart mit diszipliniertem Abwehrverhalten

Auch sonstige Extravaganzen sucht man beim eher introvertierten Mittelfeldspieler vergebens. „Die Jungs machen sich manchmal über mich lustig, weil ich normal sei“, sagt Rodri. „Ich bin vielleicht in dem Sinne normal, dass ich mich nicht für Social Media oder 400 Pfund teure Schuhe interessiere.“ Aber: „Wenn du meine Frau oder meine Mutter fragst, würden sie sagen, dass ich alles andere als normal bin. Wenn es um Fußball geht, bin ich süchtig.“

Seine Sucht lebte er bei der Weltmeisterschaft bis zum Finale in Perfektion aus. Das Team funktioniert vor allem dank ihm wie eine gut geölte Maschine, die ihre Gegner mit perfektem Stellungs- und Passspiel entnervt. Die Mannschaft, deren Kern seit Fuentes Amtsantritt 2023 zusammen ist, ist perfekt eingespielt. Eine wichtige Voraussetzung für das Kurzpassspiel, mit dem Spanien Ball und Gegner laufen lässt.

Die französische Nationalmannschaft konnte sich trotz Starbesetzung nicht gegen die Spanier durchsetzen. Lamine Yamal zeigte im Halbfinale seine bisher beste Leistung bei diesem Turnier. „Ich fand ihn schon sehr, sehr gut“, sagt Thomas Helmer.

Da die überragend spielenden Außenverteidiger Cucurella und Pedro Porro nicht nur auf ihren Seiten marschieren, sondern bei Ballbesitz auf der gegenüberliegenden Seite ins Zentrum rücken, hat das Team zumeist Überzahl und kann so sein Kurzpassspiel in den entscheidenden Zonen des Spielfeldes aufziehen. Es ist eine kontrollierte Offensive, bei der das Team nie Geduld verliert und auf seine Stärken vertraut.

Sowohl das Achtelfinale gegen Portugal (1:0) als auch das Viertelfinale gegen Belgien (2:1) entschied Spanien mit späten Toren, was von großem und berechtigtem Vertrauen in die eigene Stärke zeugt. Anders als etwa die Engländer im Halbfinale gegen Argentinien geben die Spanier auch bei eigener Führung die Kontrolle des Spiels nicht aus der Hand. Nach dem Motto: Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor erzielen.

Und bei aller offensiven Kontrolle kann das Team immer noch auf geniale Momente seines Superstars Yamal und des bei der WM aufgeblühten Dani Olmo zählen. Eine weltmeisterliche Mischung.

Wenn das Sprichwort stimmt, dass die Offensive Spiele, die Defensive aber Meisterschaften gewinnt, scheint Spanien der Titel nicht mehr zu nehmen. Die Mannschaft kassierte in den bisherigen sieben Partien nur ein Gegentor. Torwart Unai Simon stellte mit 649 Minuten ohne Gegentreffer einen WM-Rekord auf, die 36 Jahre alte Bestmarke des Italieners Walter Zenga überbot er deutlich.

Gegner kommen kaum zu Torchancen

Die hochgelobten Sturmreihen Portugals und Frankreichs zerschellten an den perfekt organisierten Spaniern. Wie in der Offensive schafft es das Team auch bei gegnerischem Ballbesitz Überzahl in Ballnähe zu schaffen und so erst gar keine Chancen für den Gegner zu ermöglichen. Wo immer der Ball ist, sind meist schon zwei Spanier da. Einzig Belgien erspielte sich im Viertelfinale ein paar Chancen – ansonsten musste Simon selten eingreifen, weil das defensive Mittelfeld und das solide spielende Innenverteidiger-Paar Aymeric Laporte und Pau Cubarsi alles wegräumten, bevor überhaupt Gefahr aufkam.

Wenn Spanien einmal den Ball verliert, was bei der WM sehr selten vorkam, schaltet das Team sofort um auf ein druckvolles Gegenpressing, das auf einer kompakten Defensive fußt.

Argentinien wird im Finale Lösungen finden müssen, den Ballbesitz der Spanier zu brechen. Wie im Halbfinale gegen England werden sie mit Sicherheit versuchen, über Aggressivität und Zweikampfhärte ins Spiel zu finden, wenn Spanien sie denn lässt und nicht immer einen Schritt schneller ist.

Dann ist die Gefahr groß, dass Lionel Messi in der zweiten Halbzeit entnervt abwinkt.

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