„Wir haben es versucht, wir sind gescheitert“ – die Entzauberung Frankreichs
Völlig frustriert schlich er vom Rasen. Kein Tor, kein großer Moment, kein letztes Aufbäumen. Kylian Mbappé bleibt mit seinen Franzosen bei der WM nur das Spiel um Platz drei, denn ausgerechnet er, der große Superstar der Équipe Tricolore, wusste kein Mittel, als es am Dienstagabend gegen Spanien um den Einzug ins Finale ging.
„Wir waren nicht auf dem Niveau, ins Endspiel zu kommen“, räumte Mbappé nach dem 0:2 ein. „Ich denke, wir haben nicht das Spiel gemacht, das wir machen wollten, weder taktisch noch technisch noch in Bezug auf das Gesamtlevel, das wir gezeigt haben. Und wenn du in einem WM-Halbfinale nicht das machst, was du machen sollst, gewinnst du nicht.“ Die Enttäuschung ist gewaltig groß bei den Franzosen, die nun versuchen werden, ihrem scheidenden Trainer Didier Deschamps einen würdigen Abschied zu bereiten. „Weil er das verdient“, sagte Mbappé, „und die Fans es verdienen“.
Dem Anspruch des zweimaligen Weltmeisters – 1998 und 2018 – entspricht es aber nicht, dass er am Samstag (23.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT und bei MagentaTV) nur das kleine Finale in Miami Gardens bestreitet. Und eben nicht am Sonntag das große in East Rutherford. Wo viele Experten diese Ballvirtuosen schon wähnten.
„Ich habe viele schöne Momente erlebt“, sagt der scheidende Nationalcoach
„Ich bin sehr stolz auf alles, was wir mit der Nationalmannschaft erreicht haben“, sagte Deschamps, dessen Amtszeit nach diesem Turnier endet – und dessen Nachfolger Berichten nach der frühere französische Topstar Zinédine Zidane werden soll. Seit 2012 betreut Deschamps die Équipe Tricolore. Fast hätte er sie zum dritten Mal nacheinander in ein WM-Finale geführt. Doch nach dem gewonnenen Endspiel 2018 gegen Kroatien (4:2) und dem verlorenen vor vier Jahren gegen Argentinien (2:4 im Elfmeterschießen) gibt es zumindest unter seiner Leitung erst mal kein weiteres mehr für Frankreich.
„Ich habe viele schöne Momente erlebt“, ergänzte Deschamps. Diesmal sei es „nicht so ein Moment“ gewesen. Was einerseits an den wieder mal defensivstarken Spaniern lag – und andererseits an den überraschend harmlosen Franzosen.
Enttäuschung beim Public Viewing in Paris: Französische Fans nach dem 0:2 im WM-Halbfinale gegen SpanienMbappé, der bei dieser WM schon acht Tore erzielt hat, wehrte sich mit Kräften gegen das Aus des großen Titelfavoriten. Ousmane Dembélé oder Michael Olise vom FC Bayern München bekamen von den Spaniern, die bei diesem Turnier erst ein Gegentor kassiert haben, aber gnadenlos die Grenzen aufgezeigt. Phasenweise wirkten die Franzosen selbst überrascht, wie chancenlos sie gegen den Europameister waren. „Es ist ein Team, das es liebt, den Ball und das Spiel zu kontrollieren, und das haben wir ihnen erlaubt“, sagte Mbappé.
„Spanien hat gut verteidigt“, erklärte Deschamps. Sein eigenes Team habe aber auch zu viele technische Fehler gemacht. „Die Enttäuschung ist groß“, sagte der eingewechselte Rayan Cherki – auch solch ein Offensiv-Pfeil der Franzosen, der in Arlington völlig ins Leere geflogen war. Zum dritten Mal in Folge gelang es Spanien, die Franzosen auf der großen Fußballbühne zu besiegen. Sowohl im Halbfinale der EM 2024, da siegte Spanien 2:1, als auch in jenem der Nations League 2025 hatten die Iberer das bessere Ende für sich. Die Partie in Stuttgart vorigen Sommer war ein epischer Schlagabtausch, nach dem damaligen 5:4 waren die Erwartungen dieses Mal entsprechend hoch.
Spanien zieht ins WM-Finale ein. Frankreich hat Glück, dass Olise nicht früh mit Rot vom Platz fliegt, doch auch mit elf Mann bleiben die Franzosen viel zu harmlos. Ein Elfmeter fungiert als Dosenöffner für die Spanier. Sehen Sie die Highlights hier im Video.16 Tore hatten Les Bleus in den vorangegangenen sechs Partien bei dieser WM erzielt. Die Fußball-Welt staunte. Nicht, weil die Franzosen jeden ihrer Gegner nach Belieben dominiert hatten. Aber weil Mbappé, Dembélé, Olise und Co. manchmal schon wenige Traumkombinationen reichten, um die gegnerische Defensive zu zerlegen und so für magische Momente zu sorgen. Doch was genau diese kurzen Wege zum Tor betrifft, hatten die Spanier am Dienstagabend einen Plan – der ballführende Spieler des Gegners wurde früh attackiert, zudem wurden Passwege zugestellt. Spanien spielte nicht mitreißend, aber effizient.
Schwacher xGoals-Wert
Eine erschreckende Zahl, die die Harmlosigkeit der Franzosen offensiv belegt, lieferte der Datenanbieter Opta. Demnach lag Frankreichs xGoals-Wert, der die zu erwartenden Tore einer Mannschaft bemisst, nach den ersten 45 Minuten bei gerade einmal 0,04. Ungefährlicher geht es kaum. Am Ende der Partie lag der xGoals-Wert bei schwachen 0,3.
Die französische Nationalmannschaft verpasst den Einzug ins WM-Finale. Nach der Pleite gegen Spanien zeigt sich Trainer Didier Deschamps selbstkritisch, stellt aber auch die Leistung des Schiedsrichters zur Diskussion.Ob sie angesichts der Bewunderung für teils berauschende Auftritte bei der WM etwas übermütig ins Spiel gegen Spanien gegangen wären, wurde Verteidiger Maxence Lacroix hinterher gefragt. Nein, versicherte der frühere Wolfsburger, der für den angeschlagenen William Saliba eingewechselt worden war. Man habe die Iberer respektiert. „Wir waren heute nicht auf unserem höchsten Level“, sagte er. Nicht mal auf dem zweithöchsten, möchte man meinen. Und gegen Spanien, das seinen zweiten WM-Titel nach 2010 holen kann, ist das eben auch für Frankreichs Ballkünstler zu wenig.
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„Glauben Sie, dass der Schiedsrichter gut genug war, um ein Halbfinale zu leiten?“, fragte Deschamps nach der Partie noch. Manche Entscheidungen seien „fragwürdig“ gewesen, meinte er. Jene, die zum Elfmeter und dem 1:0 der Spanier durch Mikel Oyarzabal in der 22. Minute geführt hatte, gehört jedenfalls nicht dazu. Auch sonst pfiff Referee Iván Barton aus El Salvador die Franzosen nicht aus dem Turnier. Bei Spaniens 2:0 durch Pedro Porro (58.) hatten sie sich von einem einfachen Doppelpass komplett aushebeln lassen.
„Wir haben es versucht, wir sind gescheitert“, sagte Frankreichs Trainer Deschamps: „Wir müssen eingestehen, dass die Spanier besser waren.“ Der 57-Jährige löste den früheren Bundestrainer Helmut Schön mit seinem 26. Einsatz als WM-Rekordcoach ab. Doch das dürfte kaum ein Trost für ihn sein. „Ich möchte mich bei Didier Deschamps dafür bedanken, was er für dieses Team geleistet hat“, sagte der frühere Weltmeister Thierry Henry.
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