Ein Satz, der keinen Raum für Zweifel lässt: „Absolut – ich kann das noch gewinnen.“ Justin Rose kehrt zurück nach Royal Birkdale, um dort ab Donnerstag die 154. Open zu bestreiten und um Geschichte zu schreiben. Rose und The Open in Royal Birkdale – das ist eine besondere Beziehung, die vor fast 30 Jahren begann.

Damals mischte sich der 17-jährige Teenager aus England als einer der Qualifikanten unter das Feld der etablierten Profis und absolvierte wie im Rausch seine ersten British Open. Er startete mit 72 Schlägen, spielte dann an Tag zwei mit 66 Schlägen die niedrigste Runde und führte das Turnier an.

Ab diesem Moment war die Welt des Justin Rose eine andere. Vom kleinsten Klatschblättchen bis zur „Times“ berichtete jede englische Zeitung über das Wunderkind. Am Ende gewann er die Open nicht, sorgte dafür in der Finalrunde mit einem eingelochten Schlag aus 45 Metern aber noch einmal für Furore. Unzählige Male ist dieser Schlag seither in Golfmedien wiederholt worden. Der schlaksige Teenager, der sich die Silbermedaille für den besten Amateur holte und auf dem geteilten vierten Rang landete, hatte ein kleines Wunder vollbracht. „Noch heute“, sagt Rose, „fühlt es sich an wie ein magischer Moment.“

So verheißungsvoll dieser erste Open-Auftritt war – Rose wartet bis heute auf seinen ersten Titel bei Europas einzigem Major-Turnier. „Es gab Zeiten, in denen ich für diesen Schlag nicht erkannt werden wollte“, sagt der 45-Jährige inzwischen.

Im Vorfeld der Open 2026 hat er einen ausführlichen Film mit dem Open-Veranstalter R&A gedreht. Eine Szene zeigt den Trophäen-Raum in seinem Haus. In der Mitte der Schrankwand, gut gefüllt mit Pokalen und Medaillen, prangt ein Loch. Es ist perfekt auf die Umrisse des British-Open-Pokals „Claret Jug“ zugeschnitten. Diese eine große Lücke in seiner Karriere will er nun füllen.

25 Turniere hat Rose gewonnen, dazu Gold bei Olympia

14 ehemalige British-Open-Champions werden am Donnerstag in Royal Birkdale abschlagen. Sechs von ihnen sind sogar älter als Rose. Aber auf den Sieg von Phil Mickelson, Ernie Els, Padraig Harrington, Stewart Cink, Henrik Stenson oder Zach Johnson wettet im Vorfeld dieser British Open niemand einen Cent. Rose dagegen gehört zum Kreis der engsten Favoriten. Er hat in diesem Jahr die Farmers Insurance Open in Torrey Pines (Kalifornien) gewonnen, Platz drei beim Masters Turnier in Augusta National belegt sowie die Ränge zehn und elf bei der PGA Championship und den US Open.

„Turniersiege zu holen, das ist der Traum meines Lebens gewesen. All das, was ich schon erreicht habe, ist mehr als ich mir erträumt habe“, erklärt er nun in seinem Open-Film. Er hat 25 Turniere weltweit gewonnen und die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro geholt. Er war 2018 FedEx-Cup-Champion und in den Jahren 2018 und 2019 insgesamt 13 Wochen Weltranglistenerster. Eine Traumkarriere – könnte man meinen.

Der detaillierte Blick zeigt jedoch eine Laufbahn mit Höhen und Tiefen. Schon der Start nach der Premiere in Royal Birkdale 1998 war hart. Direkt im Anschluss an das Turnier wurde Justin Rose Profi. Von da an verpasste er Cuts in Serie. „Es wurde von Woche zu Woche schlimmer“, erinnert sich der Brite heute.

Ganz England verfolgte medial, wie der begabte Teenager von Turnier zu Turnier mehr seinen Glauben an sich, an sein Spiel, an seine Zukunft verlor. Was ihm blieb, war sein Durchhaltevermögen. Ein Gedicht des Schriftstellers Rudyard Kipling, das ihm sein Vater Ken schenkte, hat ihn schon als Kind daran erinnert, nie aufzugeben. Sein Vater starb 2002 an Krebs, aber das Kipling-Gedicht hängt noch immer im Hause Rose.

Wächst der Konkurrent über sich hinaus, ist es Schicksal. Manchmal ist das nur schwer zu ertragen

Als Justin Rose im Januar 2002 die Alfred Dunhill Championship gewann, war der Fluch der Erfolglosigkeit gebrochen. Für ihn war es ein Meilenstein, „mein Major“. Es ist der erste von vielen Momenten, in denen Rose ab dann seine Weltklasse beweist. Da ist der Ryder Cup 2012, bei dem er Mickelson auf den letzten zwei Löchern einen entscheidenden Punkt abringt. Da ist der US-Open-Sieg aus dem Jahr 2013, als er seinen Spielpartner Luke Donald im Merion Golf Club deklassierte. Nah dran an der perfekten Runde sei das gewesen, rekapituliert er seinen bisher einzigen Major-Sieg.

Herausragende Eisenschläge ins Grün, erstklassige Technik, vor allem aber die 100-prozentige Verpflichtung für dieses Spiel – mit all diesen Eigenschaften punktet Rose selbst als einer der Oldies im Profigolf. Inzwischen hat er 23-mal die Open gespielt, dabei siebenmal den Cut verpasst und dreimal wirklich um den Sieg mitgekämpft. 2018 war sein zweiter Rang eine Sensation, weil er gerade noch in die Finaltage gerutscht war, bevor er dann eine 64er- und eine 69er-Runde nachlegte.

2015 bedeutete der sechste Platz in St. Andrews seine erste Top-Ten-Platzierung seit 1998. 2024 schließlich scheiterte er trotz exzellenten Spiels in Royal Troon am Amerikaner Xander Schauffele. Im Golfsport hast du eben stets nur dein eigenes Spiel in der Hand. Wenn der Konkurrent über sich hinauswächst, ist es Schicksal. Manchmal ist das nur schwer zu ertragen.

Es geht also darum, das eigene Spiel zu optimieren. „Wir sind alle nah dran, unser Spiel bis auf ein Prozent hin ausgereizt zu haben. Wenn man dieses eine Prozent unbeachtet lässt, wird jemand anders es finden“, sagt Rose und erklärt, woraus der eigene Optimierungsprozess besteht. An der Innenseite eines Küchenschrankes hängt die Ernährungstabelle.

Alle Zusätze, die seine Allergien fördern, sind aus den Mahlzeiten längst eliminiert, die Schachtel mit Nahrungsergänzungsmitteln quillt über. Draußen vor der Haustür steht sein eigener Turnier-Lkw. Ein Hochleistungsmobil, in dem sich Solarkabine, Eisbecken, Physio-Bank und vieles mehr befinden. Wenn Rose die British Open spielt, steht der Wagen wie immer auf dem Turnierparkplatz.

Justin Rose mit seiner Frau Kate und seinem Golfkollegen Tommy Fleetwood sowie dessen Frau Clare Anfang Juli beim Tennisturnier in Wimbledon

Er hat sein „Projekt 300“ abgeschlossen. „Ich musste es schaffen, Drives konstant über 300 Yards zu schlagen“, so wie es die jungen Kollegen eben tun, die ihm tagtäglich mit ihren unverbrauchten Körpern Konkurrenz machen. Rose verzeiht sich selbst beim Thema Fitness keinen Aussetzer. Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro haben seinen Blick auf das Thema komplett verändert. Damals hat er Badminton-Spielerinnen im Fitnessraum neben sich beobachtet. Das Ergebnis war ernüchternd. Er, der männliche Golfer, war weit weg vom Niveau dieser Frauen.

Justin Rose sieht zu und lernt. Das hält ihn in der Golfszene spielerisch in Form. Das macht ihn bei diesen British Open zu einer Ausnahmefigur. Männer wie Martin Kaymer, Henrik Stenson, Sergio Garcia, Tiger Woods, die während der vergangenen Jahrzehnte irgendwann herausragend waren, sind nicht mehr wettbewerbsfähig. An dieser Stelle hat Rose viele Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen Bernhard Langer. Der ewige Glaube an Arbeit, das Setzen neuer Ziele, die rigorose Rücksichtnahme auf Körper und Gesundheit – das kann Karrieren verlängern.

Jetzt ist er also wieder zurück in Royal Birkdale, auf diesem Championship-Platz mit seinen riesigen Dünen. Die Golfrunde bewegt sich in den Tälern zwischendrin. Man sieht die anderen Spieler kaum, weil sie von den Sandwällen abgetrennt sind. Ein British-Open-Platz präsentiert sich den Spielern immer so, wie das Wetter ihn geformt hat.

Das ist das Credo des R&A, der das älteste Major-Turnier der Welt veranstaltet. England hat heiße, trockene Monate hinter sich. Deshalb sind die Fairways in Royal Birkdale hart, der Ball wird endlos laufen. Es geht um Kontrolle, die Vermeidung von Topfbunkern, die richtigen Anspielwinkel in die Grüns.

Royal Birkdale gilt als fairer, aber harter Test unter den Open-Plätzen. Er hat das Leben von Justin Rose definiert. Ein Sieg hier würde einen Rekord bedeuten. Nur einmal, im Jahr 1867, hat ein Spieler über 45 Jahre die Open gewonnen. Es war Old Tom Morris, der Architekt des Old Course von St. Andrews, damals im Prestwick Golf Club.

Als Rose 2018 die Spitze der Weltrangliste übernahm, hat ihn das nicht glücklich gemacht, erinnert sich seine Frau Kate Rose. „Wenn man den Gipfel erreicht hat, ist da immer ein anderer Gipfel.“ Der Gipfel, der für Justin Rose alles überstrahlt, ist der British-Open-Sieg. Es ist sein persönlicher Mount Everest. „Ich bin ein Typ, der von Prozessen getrieben wird“, erklärt Rose seinen Weg. „Er ist super engagiert, was diesen Prozess anbelangt“, findet Kollege Hendrik Stenson bewundernd.

Was jetzt noch fehlt, ist ein wenig Magie, ein „Rosie Moment“ diese Woche in Royal Birkdale. Die Unbedarftheit des Teenagers von 1998 muss sich mischen mit der Perfektion des 45-Jährigen von heute. Die British Open schreiben große Geschichten. Diese Woche will Justin Rose der Hauptdarsteller sein.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke