Der Moment, der das Wimbledon-Finale veränderte
Es war einer der emotionalsten Momente der Wochen von Wimbledon. Im Finale lieferten sich Alexander Zverev und Jannik Sinner ein Duell auf Weltklasseniveau, als eine Szene den sportlichen Wettkampf für einen Augenblick in den Hintergrund rückte. Der Deutsche sollte sein erstes Wimbledon-Finale am Ende 7:6 (9:7), 6:7 (2:7), 3:6, 4:6 verlieren. Eine Szene im dritten Satz trug einen Teil dazu bei.
Zverev war bei dem Versuch, einen Ball zu erreichen, weggerutscht – eine Situation, wie sie auf dem Rasen von London immer wieder vorkommt. Der Hamburger stürzte auf den Rücken und griff sich sofort ans rechte Knie. Für einen Moment hielt das Publikum den Atem an.
Die Begegnung befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer kritischen Phase. Nach zwei umkämpften Sätzen, beide erst im Tiebreak entschieden, war der dritte Durchgang völlig offen. Dann setzte Sinner ein Zeichen, das im Spitzensport nicht selbstverständlich ist. Der Italiener ging auf die andere Platzhälfte zu seinem am Boden liegenden Kontrahenten. Er erkundigte sich nach dem Befinden des Deutschen, beugte sich zu ihm hinunter und half ihm auf die Beine – eine Geste, die von Fairness und Kollegialität zeugte.
Jannik Sinner hilft Alexander Zverev auf die BeineZwischen den beiden Profis besteht seit Jahren ein respektvolles Verhältnis. Das Wimbledon-Endspiel war bereits ihr 15. Aufeinandertreffen auf der ATP-Tour. Zwar sollte Sinner wenig später auch dieses Duell gewinnen und damit den zehnten Erfolg in Serie gegen den Deutschen feiern. Doch in diesem Moment spielte das Ergebnis keine Rolle.
Erinnerungen an Nadal und die French Open
Die Szene erinnerte an einen ähnlichen Moment bei den French Open vor vier Jahren. Damals war es Rafael Nadal gewesen, der sich unmittelbar um Zverev gekümmert hatte, nachdem dieser im Halbfinale schwer gestürzt war. Auch jene Partie war bis dahin ausgeglichen verlaufen und befand sich im zweiten Satz beim Stand eines weiteren Tiebreaks, als der Deutsche verletzt zu Boden ging.
Am Ende des zweiten Satzes im Halbfinale von Roland Garros gegen Rafael Nadal passierte es: Alexander Zverev blieb offenbar mit dem rechten Fuß im Sand hängen und knickte um. Nun hat er sich mit einer Videobotschaft an seine Fans gewandt.Die Folgen waren damals gravierend. Zverev zog sich mehrere schwere Verletzungen zu und fiel lange aus. Erst vor wenigen Tagen hatte er in Wimbledon an die schwierige Zeit erinnert. Er habe sieben Bänder gerissen, zwei Knochen gebrochen und insgesamt anderthalb Jahre benötigt, um wieder vollständig fit zu werden, berichtete der Deutsche.
Diesmal blieb ihm eine derart schwere Verletzung erspart. „Vor zwei Jahren habe ich mir den Knochen angebrochen“, sagte Zverev nach dem verlorenen Match: „Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist, aber das Knie ist ein bisschen angeschwollen. Ich kann aber normal gehen. Da ist wohl wieder Knochen auf Knochen geprallt. Es ist wohl überdehnt.“
„Meine Aufschlaggeschwindigkeit ging zurück“
Auswirkungen auf sein Spiel habe der Vorfall aber durchaus gehabt: „Ich hatte Mühe, mich beim Aufschlag abzudrücken. Also ging meine Aufschlaggeschwindigkeit zurück. Aber alles andere lief weiter gut. Ich bewegte mich gut von der Grundlinie und spielte von da aus gut. Aber beim Aufschlag hatte ich ein bisschen zu kämpfen.“
Die Beziehung zwischen den Kontrahenten war dann auch nach der Partie von großem gegenseitigen Respekt geprägt. „Du warst heute so nah dran. Wenn du so weiterspielst, bin ich sehr sicher, dass du diesen auch zu Hause haben wirst“, würdigte Sinner mit Blick auf den goldenen Pokal in seinen Händen: „Ich weiß, eines deiner Ziele ist, Nummer eins der Welt zu werden. Du bist sehr nah dran. Wir müssen sehr vorsichtig sein.“ Am Montag wird Zverev wieder auf Weltranglistenplatz zwei klettern. Er war in diesem Jahr erstmals in Wimbledon über das Achtelfinale hinausgekommen.
Sinner, der in den früheren Runden des Turniers verwundbar schien, triumphierte zum zweiten Mal nacheinander in London und holte seinen fünften Grand-Slam-Titel. „Er hat einmal mehr gezeigt, warum er der beste Spieler der Welt ist. Es war großartig, den Centre Court mit dir zu teilen am Finaltag. Unglücklicherweise ging es nicht für mich aus“, sagte Zverev, der in der Presse viel Lob für seinen kämpferischen Auftritt im Finale erhielt, nachdem er im Mai bei den French Open den ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere gewonnen hatte.
Presse sieht Zverev wie verwandelt
So schrieb die „Gazzetta dello Sport“: „Jannik Sinner hat es geschafft: In vier Sätzen gegen einen Sascha Zverev, der selten so nah dran und so gefährlich war. Die Zeiten sind weit entfernt, als sich der Deutsche im Finale der Australian Open fast unter Tränen geschlagen geben musste. Jetzt ist Sascha Grand-Slam-Champion, er wirkt selbstbewusster – doch es reicht nicht.“
Und „Le Parisien“ aus Frankreich meinte: „Der Boss ist zurück ... Nach einem Jahr ohne Grand-Slam-Titel, obwohl er sich fast überall sonst durchgesetzt hatte, hat Jannik Sinner, 24 Jahre alt, seine Krone auf dem Centre Court von Wimbledon verteidigt. Die Nummer eins der Welt musste leiden, um Alexander Zverev zu bezwingen, der seit seinem ersten Major-Titel bei den French Open im vergangenen Juni wie verwandelt wirkt.“
Das galt nicht nur für Zverevs sportliche Vorstellung. Auch seine Stimmung nach einem verlorenen Finale hatte man auch schon anders erlebt, diesmal wirkte Zverev locker, konnte auf dem Platz schon wieder lachen. „Diese Niederlage ist durch den Sieg in Paris hundertprozentig besser zu verkraften. Ich sitze hier und denke mir, ich habe ein fantastisches Match und ein fantastisches Turnier gespielt“, so der Olympiasieger.
Bundeskanzler Merz in der Royal BoxEr wird sein Knie in den kommenden Tagen untersuchen lassen, will bald wieder spielen und sich auf das letzte Grand-Slam-Turnier vorbereiten. Die US Open in New York, bei denen er 2020 schon einmal im Finale gestanden hatte, starten am 30. August. Zuvor stehen im August noch zwei Masters-Turniere auf dem Programm: in Montreal und Cincinnati. Zverev möchte beide spielen, am Sonntag aber hatte er zunächst anderes im Sinn: „Erst mal werde ich mir ein paar Tage freinehmen.“
Nach der Partie und der Siegerehrung bekam er in London übrigens noch hohen Besuch. Bundeskanzler Friedrich Merz war mit seiner Ehefrau Charlotte für das Endspiel nach London gereist. Die beiden saßen in der Royal Box wie Prinz William und Prinzessin Kate in der ersten Reihe. Später schaute Merz bei seinem Landsmann vorbei. Zverev: „Er kam in die Umkleide und wir haben ein bisschen geredet. Es war schön, dass er da war.“
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