Hype um Rot-Weiss Essen – „Wir hätten 80.000 bis 85.000 Tickets verkaufen können“
Der Stresstest für das digitale Verkaufssystem war zwar erwartbar – doch die enorme Nachfrage übertraf trotzdem die Erwartungen. Es schien fast so, als ob sich alle Fans, die es auch nur irgendwie mit Rot-Weiss Essen halten, darum bemüht hatten, an Karten zu kommen – wenn es auch für die allermeisten vergeblich war.
„Wir hätten 80.000 bis 85.000 Tickets verkaufen können“, erklärte der Tabellendritte der abgelaufenen Drittligasaison am Mittwochnachmittag. Für das Hinspiel in der Relegation um den letzten Startplatz in der zweiten Liga ist der Heimbereich des Stadions an der Essener Hafenstraße mit 16.700 Plätzen ausverkauft. 2506 Karten müssen schließlich den Fans des Gastes, der SpVgg Greuther Fürth, überlassen werden.
Die Euphorie ist riesig, wenn die Essener am Freitag (20.30 Uhr/live Sat.1/Sky und im WELT-Liveticker) möglicherweise den Grundstock für den Aufstieg legen werden. Das Rückspiel bei den Fürthern, dem Drittletzten der zweiten Liga, wird am kommenden Dienstag ausgetragen werden. Auch im Hinblick auf diese Partie, für die den Essenern lediglich 2297 Tickets zugestanden werden konnten, geht nichts mehr. In den Kneipen der Ruhrgebietsmetropole wird in jedem Fall Ausnahmezustand herrschen. „Alles für den Aufstieg“ lautet das Motto der Fans.
„Es wird in Essen jetzt sicher eskalieren“
„Wir gehen mit einer unheimlichen Wucht und Zuversicht in diese Spiele, weil sich die Menschen einfach freuen. Es wird in Essen jetzt sicher eskalieren“, sagte RWE-Trainer Uwe Koschinat. Er und seine Mannschaft hatten bereits am vergangenen Samstag einen Vorgeschmack bekommen – als sie sich durch einen 3:2-Sieg in Ulm doch noch auf den dritten Platz vorgekämpft hatten. 5000 mitgereiste Fans hatten nach dem Schlusspfiff bereits gefeiert, als sei der Aufstieg bereits geschafft.
Vorfreude auf die Relegation: RWE-Trainer Uwe KoschinatIn diesem Moment war der Druck abgefallen, der sich in den Wochen zuvor aufgebaut hatte: Denn der Traum, nach 19 Jahren wieder in die zweithöchste deutsche Spielklasse zurückzukehren, schien fast schon geplatzt. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase hatte es danach ausgesehen, als sollte RWE alles verspielen. Durch drei Niederlagen in Folge war das Koschinat-Team aus den Aufstiegsrängen gerutscht. Erst an den letzten beiden Spieltagen der Saison gelang es, das Ruder doch einmal herumzureißen: Durch Siege gegen Verl (1:0) und in Ulm erreichte RWE doch noch den Relegationsplatz.
„Das ist wahrscheinlich der krasseste Moment in meiner Karriere“, sagte Ben Hüning, der in der Nachspielzeit den Siegtreffer in Ulm erzielt hatte – und so dafür sorgte, dass der MSV Duisburg noch abgefangen werden konnte. Mit seinem ersten Drittligator eröffnete Hüning seinem Klub noch zwei zusätzliche Chancen.
Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Dass das Happy End für die Essener tatsächlich noch möglich geworden ist, hängt wesentlich mit der Erfahrung ihres Trainers zusammen. Koschinat hatte, nachdem die Mannschaft am drittletzten Spieltag beim 1:6 von der Zweitvertretung des VfB Stuttgart regelrecht überrollt worden war, die richtigen Maßnahmen ergriffen. Er hatte die Spieler, so gut es ging, abgeschottet. „Raus aus der Emotionalität“, lautete sein Motto. Es wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, nichts sollte die Konzentration stören.
Der 54-Jährige, der im Dezember 2024 nach Essen kam, kennt sich mit schwierigen Situationen aus. Vor allem weiß er, wie groß der Druck bei Traditionsvereinen ist – und dass die Erwartungshaltung auch lähmen kann. Im März 2023 hatte er Arminia Bielefeld in der zweiten Liga übernommen. Der Bundesliga-Absteiger hatte bereits zwei Trainer verschlissen und drohte in die dritte Klasse durchgereicht zu werden. Koschinat führte die Ostwestfalen in die Abstiegs-Relegation – und erlebte sein persönliches Waterloo: Im Hinspiel beim SV Wehen-Wiesbaden versagten alle Systeme. Die Arminen gingen 0:4 unter – und ihre Fans drehten völlig durch. Auch das Rückspiel ging 1:2 verloren. Koschinat musste gehen.
So etwas möchte er auf keinen Fall noch einmal erleben. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der Fußball nicht nur unten bei den Füßen, sondern auch oben in der Birne stattfindet“, erklärte Koschinat, der in den vergangenen Tagen erneut die Schotten dichtmachte. Er verhängte ein Interviewverbot. Die Spieler sollen, sofern das überhaupt möglich ist, nichts von der fiebrigen Aufgeregtheit mitbekommen, die derzeit in Essen herrscht.
Gelingt die Verfünffachung der Einnahmen?
Für den Klub wäre der Aufstieg ein Quantensprung im Hinblick auf seine Entwicklung. Denn die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen der dritten und der zweiten Liga sind gewaltig. Allein was die TV-Gelder angeht, könnte RWE mit mindestens einer Verfünffachung der Einnahmen rechnen: Von rund 1,3 auf rund sieben Millionen Euro. Dazu würden deutlich höhere Sponsoringeinnahmen kommen.
Entscheidend ist jedoch, ob der Traditionsverein, der erst vor vier Jahren wieder aus der viertklassigen Regionalliga zurückgekehrt ist, bereits genug Substanz hat, um in der zweiten Liga überhaupt eine Perspektive haben zu können. Tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren entscheidende Maßnahmen zur Professionalisierung vorgenommen. Die Kostenstruktur wurde verändert, es wurden Mittel freigesetzt, die in die Mannschaft und den Staff investiert werden konnten. Die Essener Wirtschaft und die Politik haben wieder Vertrauen in RWE gefasst. Der Rat der Stadt hat den Ausbau des Stadions auf ein Fassungsvermögen von 26.608 Plätzen genehmigt. Unabhängig davon, in welcher Liga 2026/27 gespielt wird – im Sommer werden die Bagger rollen.
Der Verein scheint bereit für den großen Schritt zu sein – nun muss nur noch die Mannschaft zweimal über sich hinauswachsen. Klar ist: RWE geht, gemessen am fußballerischen Potenzial, eher als Außenseiter in die Relegation. Doch es werden spezielle Spiele werden. Wer weiß das besser als Uwe Koschinat? „Ein Zweitligist muss an die Hafenstraße. Das wird sicher kein leichter Gang“, sagte er. Denn die Energie im Stadion werde „grenzenlos“ sein.
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