„Wolfsburgs Aufstieg war eigentlich ein Verkehrsunfall“
Die Bundesliga steht vor ihrem letzten Spieltag. Während die Meisterschaft wie so oft schon entschieden ist, gibt es im Keller einen Showdown um den 16. Platz und der damit verbundenen Hoffnung, über die Relegationsspiele gegen den Dritten der Zweiten Liga doch noch die Klasse zu halten. Drei Teams sind punktgleich am Tabellenende, das große Endspiel findet in Hamburg statt, wo der FC St. Pauli und der VfL Wolfsburg direkt aufeinandertreffen. Der Verlierer steigt definitiv ab. Doch selbst den Sieger könnte es erwischen, weil der 1. FC Heidenheim punktgleich in das Saison-Finale geht.
Die beste Ausgangsposition hat Wolfsburg (26 Punkte, -26 Tore) als Tabellen-16. Heidenheim und St. Pauli (beide 26 Punkte, -29 Tore) sind gleichauf, wobei Heidenheim mehr Treffer erzielt hat und deshalb in der Tabelle vor den Hamburgern steht. Willi Reimann war Trainer von St. Pauli und den Wolfsburgern. Diese hatte er 1997 in die Bundesliga geführt, seitdem ist der Klub nie abgestiegen. Ändert sich das jetzt? Reimanns Einschätzungen zum Showdown.
WELT: Herr Reimann, gelegentlich gehen Sie noch in Bundesliga-Stadien. Planen Sie, am Samstag das Abstiegsfinale am Millerntor zu sehen?
Willi Reimann (76): Nein, ich bleibe daheim, schaue am Fernseher diesen Krimi. Es scheint mir, interessanter zu sein.
WELT: Zwei Ihrer früheren Vereine sind beteiligt bei diesem Showdown um Abstieg und Relegation. Die Lage hat sich noch dramatisiert durch die Erfolgsserie der Heidenheimer. Hatten Sie mit diesem Dreikampf gerechnet?
Reimann: Ein wenig überrascht mich das Hoch der schon abgeschlagenen Heidenheimer schon. Doch die Mannschaft hat Charakter, sie hat nie aufgegeben, stets gegen das Unheil angekämpft und sich diese allerletzte Chance verdient. Die aktuelle Form spricht keinesfalls gegen die Truppe von Frank Schmidt.
WELT: Trauen Sie Heidenheim zu, sich noch in die Relegation zu retten?
Reimann: Warum sollte es nicht klappen? Das Rennen zwischen den drei Kellerkindern ist vollkommen offen. Man müsste schon Hellseher sein, um den Ausgang in diesem Endspurt zu tippen.
WELT: Die Meisterschaft längst entschieden, ein bisschen Spannung beim Kampf um die internationalen Plätze. Liegt der Reiz der Liga in dem Existenzkampf mit all seiner Tragik?
Reimann: So sehe ich es. Eine solche Konstellation hat es selten, wenn nicht sogar noch nie gegeben. Spannung pur, auf die sich der Fan freuen darf.
WELT: Wem von den Ex-Klubs trauen Sie mehr zu?
Reimann: Neun sieglose Spiele, die Pauli-Bilanz wird kein Faktor sein in diesem Finale. In Leipzig hat die Elf, bei der ein Mangel an Qualität in der Offensive offensichtlich ist, sich gut verkauft. Das macht Mut. Und der Heimvorteil ist nicht zu unterschätzen. Die Wolfsburger haben sich gegen die Bayern mehr als gut aus der Affäre gezogen. Langsam, aber beständig hat Kollege Dieter Hecking es geschafft, die Formation zu stabilisieren. Das Leistungsvermögen des Kaders und die individuelle Klasse der Akteure sind sowieso Pluspunkte.
WELT: Eigentlich ein ungleiches Duell: Hier der Klub vom Hamburger Kiez mit den eingeschränkten Möglichkeiten, dort die von VW alimentierte Werkself.
Reimann: So sehe ich es auch, ein krasser Gegensatz. Doch dies spielt nun beim finalen Match keine Rolle mehr.
WELT: Paulis Abstieg, so heißt es, wäre wegen der miserablen Voraussetzungen keine Überraschung, Wolfsburgs Niedergang indes ein unerwartetes Wunder in negativer Hinsicht. Teilen Sie die Antipathie gegen die Niedersachsen?
Reimann: Auf keinen Fall. Ich kann nicht nachvollziehen, wie in Teilen der Medien die Einschätzung vorherrscht, dass niemand die Wölfe in der Bundesliga vermissen werde. Ich bin kein Freund von dieser Denke. Für mich zählt das Sportliche. Wer sich sportlich qualifiziert hat, hat auch uneingeschränkt das Anrecht erworben. Wie ich überhaupt diese Ressentiments neben Wolfsburg auch gegenüber Klubs wie Hoffenheim und Leipzig nicht gutheiße.
WELT: Ein anderes Urteil fällt ebenso drastisch aus: Die Volkswagen-Tochter VfL, mit einem Transferminus von 170 Millionen gelistet, sei eine riesige Geldverbrennungsmaschine im Profifußball.
Reimann: Auch dies ist mir eine Nummer zu hoch. Im bezahlten Fußball wurde und wird viel Geld vernichtet. Ich habe unzählige Beispiele im Blick wie der Hauptstadtklub Hertha BSC oder lange Zeit der Traditionsverein Schalke 04.
WELT: Die drei Abstiegskandidaten sind unterschiedlich vorgegangen. Keine Trainerwechsel in Hamburg und Heidenheim, gleich mehrere in Wolfsburg. Was denken Sie?
Reimann: Auf der Schwäbischen Alb stand Urgestein Schmidt nie zur Debatte, und dies völlig zu Recht. Auf St. Pauli gab es auch keine Diskussion um den aus meiner Sicht veranlagten Kollegen Alexander Blessin, zumal die Elf lange Zeit gut in der Spur war. In Wolfsburg ging es drunter und drüber. Erst der Tausch von Paul Simonis zu Daniel Bauer, zum Schluss das Comeback von Dieter Hecking. So sollten neue Impulse gesetzt werden, eine neue Motivation erzeugt werden. Doch wie so häufig, das belegt die Erfahrung, brachten die Trainerwechsel nicht den erhofften Effekt.
WELT: Alles noch viel schlimmer in der Autostadt, wo auch die Bosse Peter Christiansen und Sebastian Schindzielorz ausgetauscht und durch Pirmin Schwegler ersetzt wurden. Wie bewerten Sie diese Personalpolitik?
Reimann: Unruhe überall, im Umfeld und im Management, beim Eigner und Geldgeber, eine allgemeine Unruhe, die naturgemäß auch auf die Mannschaft abfärbt. Dieses Klima konnte nicht gesund sein, es hat sich leistungsmindernd ausgewirkt. Der Absturz kommt nicht von ungefähr. Die Lage in Wolfsburg ähnelt der früher zu beobachtenden Dauerkrise beim Hamburger SV, der deswegen lange in der Zweiten Liga ausharren musste.
WELT: Sie haben 1997 mit Wolfsburg den Erstliga-Aufstieg geschafft. Welches Gefühl stellt sich ein, sollte nun nach beinahe drei Jahrzehnten das Ende der Erstklassigkeit kommen?
Reimann: Ein Gefühl der Traurigkeit würde sich bei mir einstellen. Ich werde, sofern es dazu kommen sollte, ganz gewiss eine Träne verdrücken. Damals haben wir etwas geschafft, womit niemand gerechnet hatte. Der Aufstieg war eigentlich ein Verkehrsunfall, völlig unvermutet, völlig unvermittelt. Heute ist Wolfsburg ein anderer Klub, ein anerkannter Liga-Standort mit beispielloser Infrastruktur und immensen Grundlagen.
11. Juni 1997: Roy Präger steigt mit dem VfL aufWELT: Und welche Gemütsbewegung stellt sich ein, sollten die Hamburger scheitern?
Reimann: Eine ganz andere Regung, weil es ein ganz anderer, ein spezieller Klub ist. Natürlich tut ein Abstieg den Mannen vom Millerntor auch weh, bekanntermaßen in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch auch in der Zweiten Liga werden die leidenschaftlichen Fans den Klub unterstützen und tragen. Pauli wird imposant weiterleben. Und ich prophezeie, es könnte eine baldige Wiederkehr ins Oberhaus geben, schneller als gedacht.
WELT: Und wie sieht Ihr TV-Nachmittag aus? Finale in Hamburg oder die Konferenz?
Reimann: Ich wähle die Konferenz. Weil ich nichts verpassen will – auch einen möglichen Coup mit Heidenheim nicht.
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