Die Lizenz zum Stehlen
Aus deutscher Sicht lässt sich der Irrsinn ziemlich genau beziffern. Wird der verwegen erscheinende Gedanke zu Ende gesponnen, dass die Elf des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) das WM-Finale am 19. Juli erreicht, dann ergibt sich folgende Konstellation: Als Fan der Nationalmannschaft hatte man die Möglichkeit, in der günstigsten Preiskategorie für 60 Dollar ins MetLife Stadium in New Jersey zu kommen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf war eine der treibenden Kräfte, die dem Weltverband Fifa diesen sozialverträglichen Preis abgerungen hatten.
Auf alles Weitere hatte er dann aber keinen Einfluss mehr. Deswegen liegt der Ticketpreis in der nächsten Kategorie schon bei 4250 Dollar. In Block, sagen wir beispielsweise B, zahlt der Zuschauer also rund 4200 Dollar mehr als etwa in Block A, ohne dass er vielleicht entscheidend bessere Sicht oder mehr Komfort genießen kann. Irre? Zweifelsohne. Und klar ist allein beim Blick darauf: Ein Normalverdiener ist nicht unbedingt die Zielgruppe dieses Turniers in den USA, Mexiko und Kanada. Er würde sich wünschen, ließ UN-Generalsekretär António Guterres in dieser Woche über seinen Sprecher wissen, „dass die Spiele für mehr Menschen zugänglicher wären“. Es war nett gemeint.
US-Präsident Donald Trump (links) und Fifa-Boss Gianni Infantino mit einem animierten Finalticket. Auf der Fifa-Seite wird eine Karte aktuell ab 16.475 Dollar angebotenDie Fifa hatte übrigens vier Preiskategorien in ihrer Vorverkaufsphase, danach aber gibt es nach oben kein Ende. Denn in den Genuss von 60-Dollar-Tickets oder denen für 4250 sind nur vergleichsweise wenige gekommen. Es sind reguläre Kontingente, die den teilnehmenden Nationen zur Verfügung gestellt wurden. Ein paar Tausend Karten pro Land, der DFB etwa hat für das Spiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto 2500 bekommen. Brot und Spiele, so in etwa, um das Fußballvolk nicht vollends auf die Barrikaden zu bringen.
Millionen von Tickets aber unterliegen dem von der Fifa ausgeheckten „Dynamic Pricing“-Modell. Die Kosten steigen also je nach Nachfrage, was zu absurden Auswüchsen führt. So werden auf der offiziellen Fifa-Seite Tickets für das Spiel von WM-Mitgastgeber Mexiko gegen Südafrika in Mexiko-City ab 119.700 Dollar angeboten.
Wem das dann doch etwas zu teuer ist, der kann sich alternativ auch ein paar Tage später das Spiel Usbekistan gegen Kolumbien im gleichen Stadion anschauen, wo die billigste Karte aktuell für 53.850 Dollar angeboten wird. Aus Verärgerung darüber wird deswegen die WM keinen Uli Hoeneß zu sehen bekommen. Der Ehrenpräsident des FC Bayern verzichtet wegen der Mondpreise auf eine Reise. „Da muss ich sagen, da kriege ich die Krätze“, schimpfte er diese Woche im DAZN-Interview. Er habe vorgehabt, auf Einladung eines guten Freundes, der ihm auch eine Unterkunft anbot, zur WM zu fliegen, „aber das mache ich nicht mit“.
Die Fifa wird bei dieser WM voraussichtlich elf Milliarden Dollar einnehmen, beim vergangenen Turnier in Katar waren es lediglich 7,5 Milliarden. Doch die Fifa wäre nicht die Fifa, wenn die Gier nicht noch auf einem anderen Feld wildern könnte. Der Weltverband hat einen Zweitmarkt etabliert, auf dem erworbene Tickets weiterverkauft werden können. Dort ist unter anderem ein Angebot von vier Eintrittskarten für das Endspiel im MetLife Stadium vor den Toren New Yorks zum Preis von jeweils 2.299.998,85 Dollar zu bestaunen.
Schon der Originalpreis für die vier Tickets war für den Besuch eines Fußballspiels extrem hoch. Er betrug jeweils 8860 Dollar. Eingestellt waren die Eintrittskarten für einen Basispreis von 1.999.999 Dollar, dazu kommen 15 Prozent Gebühren der Fifa – was dann noch mal 300.000 Dollar obendrauf bedeutet. Dabei sind die Plätze nicht mal besonders gut. Sie befinden sich in der viertletzten Reihe von Block 124, einem Abschnitt im Unterrang, seitlich versetzt hinter dem Tor. Für den Weltverband rechnet sich das extrem, er kassiert bei jedem Deal nämlich gleich doppelt ab. Verkäufer und Käufer müssen jeweils 15 Prozent Gebühren bezahlen.
„Ich bin guten Mutes“, sagt DFB-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus im Gespräch bei WELT TV bezugnehmend auf die Chancen von Deutschland bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft. Mit ihm haben wir auch über die aktuelle Kadernominierung für die beiden Testspiele gegen die Schweiz und Ghana gesprochen.Sollten die vier Karten also zum aufgerufenen Preis einen neuen Besitzer finden, verdient die Fifa daran rund 2,4 Millionen Dollar nur an Provision. Alles im Sinne des Spiels und der Fans natürlich. „Der variable Preisansatz bei der Ticketvergabe steht im Einklang mit den Branchentrends in verschiedenen Sportarten“, hieß es von der Fifa lapidar. Deren Boss Gianni Infantino sagte am Donnerstag gut gelaunt, er werde jedem, der für zwei Millionen Dollar ein Ticket kauft, „persönlich ein Hot Dog und ein Bier bringen“, um sicherzustellen, dass sie „ein tolles Erlebnis haben“. Infantinos Wonne zum Trotz dürfte er durch diese WM nunmehr endgültig als der Mann in die Geschichte eingehen, der dem Volk den Fußball stahl.
Nicht nur deswegen hatte die Organisation Football Supporters Europe (FSE) bei der Europäischen Kommission eine Beschwerde gegen die WM-Ticketpolitik eingereicht, was die Fifa zwar nicht groß juckte, es so aber wenigstens an prominenter Stelle mal adressiert wurde. „Für die mitreisenden Fans ist dies die teuerste Weltmeisterschaft aller Zeiten – von den Eintrittskarten über die Reise bis hin zur Unterkunft“, sagte ein Sprecher der britischen Football Supporters‘ Association: „Die lächerlichen Ticketpreise und die undurchsichtigen Richtlinien der Fifa haben viele Fans zu dem Schluss geführt, dass sie es sich schlichtweg nicht leisten können, das größte globale Fußballereignis zu besuchen.“
Was als böse Vorahnung bislang mitschwang, lässt sich seit dieser Woche belegbar auch darauf zurückführen. Für Hotels in den USA erweist sich die im kommenden Monat beginnende WM bislang noch nicht als der erhoffte Tourismusmagnet. Laut der American Hotel and Lodging Association (AHLA) gaben 80 Prozent der befragten Verbandsmitglieder in den elf US-Austragungsstätten von Los Angeles bis New York an, dass die Hotelbuchungen bisher hinter den ursprünglichen Prognosen zurückgeblieben seien.
Besonders negativ fielen die Rückmeldungen aus Kansas City aus. Knapp unter 90 Prozent der Befragten gaben dort an, dass die Buchungen sogar geringer ausfallen als in einem normalen Sommer ohne Großereignis. Letzteres gilt auch für Boston, Philadelphia, San Francisco und Seattle. In diesen Städten wurde die WM von Befragten vielfach als „Nichtereignis“ bezeichnet.
In New York beginnt eine der vielen absurden Geschichten rund um die WM in den USA
New York kann dabei beispielhaft als eine der Wurzeln des Übels herhalten. So langsam macht sich bemerkbar, dass dort bald etwas Großes passiert. In vielen Kiosken der Stadt werden neben Lottoscheinen nun auch Wetten auf Fußballspiele angenommen, an den zahllosen Straßenständen zwischen den Häuserschluchten des Big Apple bieten Händler gefälschte Fußballtrikots an. Im Auftrag des Bürgermeisters Zohran Mamdani werden seit dieser Woche in jedem der fünf Bezirke Bühnen für Public-Viewing-Events aufgebaut.
Streng genommen finden die Spiele aber gar nicht in New York statt – und hier beginnt eine der vielen absurden Geschichten rund um die WM in den USA. Weil das MetLife-Stadion in East Rutherford liegt – etwa zehn Kilometer westlich von Manhattan –, ist der Großteil der Fans darauf angewiesen, mit dem New Jersey Transit Zug anzureisen. Normalerweise kostet eine Hin- und Rückfahrt knapp 13 Dollar. Während der WM jedoch werden schlappe 105 Dollar fällig.
Der Betreiber sagt, die Fifa wolle nichts zu den Kosten beisteuern. Die Fifa kontert, die Vereinbarungen mit den Gastgeberstädten hätten an sich eine kostenlose Beförderung der Fans zu allen Spielen vorgesehen. Mehr als 1,2 Millionen internationale Touristen erwartet allein der Großraum New York im Zuge des Turniers. Und ausgerechnet dort ist die Infrastruktur durch Großbaustellen und ausbleibende Modernisierung des U-Bahn-Systems schon lange am Limit und hinkt anderen Städten Jahrzehnte hinterher. Dazu kommen die Übernachtungskosten. Anfang des Jahres stiegen die Hotelpreise für den Zeitraum der WM um über 300 Prozent, wie eine Auswertung des Marktforschungsunternehmens Lighthouse Intelligence zeigte. Nur durch die nun registrierte geringe Nachfrage sind die Preise wieder etwas gefallen.
Die Infrastruktur aber, die gerade in Städten wie Miami, Atlanta oder San Francisco – das Stadion liegt dort 50 Kilometer südlich der Stadt – fast vollkommen auf das Auto ausgerichtet ist, bleibt ein Problem. Anbieter wie Uber und Lyft wittern bereits das große Geschäft und haben an den Flughäfen Kioske eingerichtet, wo Fans ihre Fahrten bereits im Voraus buchen können. Aktuell kostet eine Uber-Fahrt vom Zentrum Manhattans zum Stadion in New Jersey zwischen 60 und 120 Dollar, je nach Uhrzeit.
Philadelphia ist bei diesem Turnier der leuchtende Gegenentwurf zur Gier
Man muss kein Experte sein, um vorauszusagen, dass diese Preise im Zuge der bald explodierenden Nachfrage steigen werden. Die deutsche Nationalmannschaft bestreitet dort am 25. Juni ihr drittes Gruppenspiel gegen Ecuador. Insgesamt werden es acht WM-Spiele sein. Und wer glaubt, dass ein Mietwagen am Ende sogar die billigste Variante sein könnte, dürfte bei der Ankunft am Stadion eines Besseren belehrt werden. Der Parkplatz der Arena darf auf Geheiß der Fifa nicht benutzt werden, für den Parkplatz im benachbarten Einkaufszentrum „American Dream“ werden 225 Dollar fällig.
Es geht aber auch anders. Nur 140 Kilometer südlich vom MetLife-Stadion ist der Fußball das, was er nach europäischem Verständnis sein soll: ein Sport für alle. Das von Demokraten regierte Philadelphia gibt sich alle Mühe, die WM zum Volksfest zu machen. Zwar sind die Ticketpreise ähnlich hoch wie an anderen Spielorten – für das Gruppenspiel Haiti gegen Brasilien in Philadelphia beispielsweise war die günstigste Karte Anfang Mai für 1300 Dollar zu haben. Doch im Gegensatz zu New Jersey wird nicht abgezockt, wer zum Stadion fährt – in dessen unmittelbarer Nachbarschaft Public-Viewing-Biergärten auf Besucher mit oder ohne WM-Tickets warten.
So brauchen die Fans mit dem Zug nur 15 Minuten vom Zentrum, und das für 2,50 Dollar. „Und die Rückfahrt ist gratis. Wir wollen, dass alle an der WM teilhaben können“, sagte Kathryn Ott Lovell vom Philadelphia Visitor Center: „Für uns ist die WM auch eine Feier unserer Demokratie und des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten.“ Am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, gibt es ein riesiges Freiluftkonzert, auch dieses gratis.
Allerdings ist das eher die löbliche Ausnahme. In Boston etwa wurden die Gebühren für die Fahrt zum weit außerhalb der Stadt gelegenen WM‑Stadion vervierfacht. 80 Dollar werden fällig, was nicht unerwidert blieb. Ein Kommentar des „Boston Globe“ brachte es auf den Punkt: „Die Weltmeisterschaft ist zu einem Verbrechen geworden. Die Fifa und nun auch der Staat behandeln die WM wie eine Lizenz zum Stehlen.“
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