Warum ich zum FC Bayern konvertierte
Beginnen wir mit dem Grundgesetz und Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Einfach so. Kann man als Eröffnung ja immer bringen. Einerlei, ob der Satz gerade passend ist oder nicht. Wir wissen das, seit Karl-Heinz Rummenigge am 19. Oktober 2018 seine legendäre wie merkwürdige Medienschelte mit eben diesem Zitat einleitete. Zu seiner Linken saß Uli Hoeneß mit ernstem Blick, daneben der hypernervöse Hasan Salihamidžić, brav die Sätze seines Vorgesetzten abnickend.
Ein an Selbstherrlichkeit nur schwer zu überbietender Moment, der den Tiefpunkt meiner langen Beziehung mit dem FC Bayern markiert. Ich meinte damals, Parallelen zum Untergang des Römischen Reichs oder zumindest zum typischen Ende eines mittelständischen Betriebs zu erkennen, weil die Alten offensichtlich den Bezug zur Realität verloren hatten und bei der Übergabe an die nächste Generation schlichtweg nicht loslassen konnten.
Fatal für die Bayern, für mich hingegen keineswegs, schien der Klub in diesen Wochen doch drauf und dran, sich selbst zu zerstören. Ich erinnerte mich zuletzt daran, weil ich gerade eine für mich über Jahrzehnte unvorstellbare Veränderung an mir festgestellt habe: Plötzlich mag ich den FC Bayern.
Liegt es am Alter? Eine Midlife-Crisis im hellen Schein vom Stern des Südens? Bin ich zum Erfolg konvertiert, weil mir das Geld für den Porsche und das Haupthaar zum Färben fehlen? Ich war verwirrt und suchte Gründe.
Ärger über Augenthaler und Bananen auf Kahn
Begonnen hatte das mit mir und den Bayern in den Achtzigern. Ich lebte als Kind im Bremer Umland und wurde somit fußballerisch automatisch bei Werder eingeschult. Meinen Kompass gaben mir Willi Lemke und Otto Rehhagel auf den Weg. Deren Dauerfehde mit ihren Pendants Hoeneß und Udo Lattek prägte mich ebenso wie Michael Kutzops vom Elfmeterpunkt gegen die Bayern vergebene Meisterschaft 1986 oder das brutale Foul Klaus Augenthalers an Rudi Völler ein halbes Jahr zuvor. Hass ist ein zu großes und im Fußball ohnehin falsches Wort, aber die Gefühle meines acht Jahre alten Ichs mit Abneigung zu beschreiben, wäre untertrieben.
Gegenspieler: Bayern-Trainer Udo Lattek und Bremens Chefcoach Otto Rehhagel im Jahr 1984Es mag an den unterschiedlichen sportlichen Entwicklungen beider Klubs gelegen haben, möglicherweise auch an fortschreitender persönlicher Reife oder es war schlichtweg Resignation, dass mir die Bayern über die Jahre emotional egaler wurden. Sie nervten einfach nur noch.
Einmal im Jahr gab es Bilder von Bierduschen aus Weizengläsern – und ein paar Wochen später dann sonnenbebrillte Spieler und Mia-san-Mia-Gemacke auf dem Rathausbalkon. Langweilig – und dank des Stadionsprechers Stephan Lehmann auch noch altbacken. Mit Witz und Vokabular irgendwo zwischen Karl Moik und Carolin Reiber.
Jedes Jahr fette Beute: Hasan Salihamidzic, Carsten Jancker und Sammy Kuffour im Jahr 2001Ab und an sorgte Patron Hoeneß mit mal wildem, mal pointiertem Geschrei vom Tegernsee für Aufmerksamkeit. Mich amüsierte das meist. Und als der in meiner Wahrnehmung maximal für den Job des Klubbotschafters befähigte Salihamidžić 2017 zum Sportdirektor auserkoren wurde, dachte ich, Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge würden es tatsächlich schaffen, ihr großes Werk vorangegangener Jahrzehnte vollständig zu zerstören.
Meine Schadenfreude verriet mir, dass ich die alte Rivalität immer noch in mir trug. Eigentlich waren die Antipathien all die Jahre immer da gewesen. Ich hatte sie einfach nicht mehr abgerufen. Oder zumindest nur sehr selten. Am 13. Oktober 1999, ich habe das gerade noch einmal nachgeschlagen, trat der FC Bayern im DFB-Pokal beim SV Meppen an. Ich lebte mittlerweile im Emsland und stand hinter dem Tor von Bayern-Titan Oliver Kahn, als mir jemand eine Banane in die Hand drückte. Wenig später flog das Obst wie auf dem Hamburger Fischmarkt zu Dutzenden in den Innenraum. Auch ich warf, und es gibt nicht viele Dinge in meinem Leben, die mir rückblickend peinlicher sind. Unstrittig, wer sich damals tatsächlich zum Affen machte.
Okay, die Bayern spielten seitdem nie wieder in Meppen, und aus Kahn wurde Neuer. Spieler kamen und gingen. Sportlich aber änderte sich nicht viel. Mal gab es im Mai das Double, zweimal sogar das Triple, Meister wurden die Bayern aber eigentlich immer. Mia san mia – ist klar. Und auch in diesem Frühjahr ist alles wie so oft: Platz eins, Meister im April, und von Herbst bis Frühjahr wurden wöchentlich irgendwelche eigenen Bestmarken geknackt: die meisten Tore, Punkte, Ecken, schnellster Hattrick, wenigste Niederlagen. Kennen wir alles.
Serge Gnabrys Rührjubel als letzter Makel
Der Unterschied: Es nervt mich nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Wo früher missgünstig die Nase gerümpft wurde, klatsche ich heute Applaus. Bei der Aufholjagd zum 4:3 gegen Mainz freute ich mich aufrichtig. Am Dienstagabend stand ich in meinem Wohnzimmer und sägte vor dem Fernseher die Luft, als Luis Diaz seine fantastische Leistung gegen PSG mit dem wichtigen 4:5 krönte. Was für ein Spiel! Was für ein Team!
Womöglich liegt es daran, dass ich mittlerweile sportliche Extraklasse höher bewerte als alte Stigmata. Und jetzt mal ganz ehrlich: Was Michael Olise, Jamal Musiala oder Joshua Kimmich da seit Monaten auf dem Platz veranstalten, bereitet einfach große Freude. Es ist der beste, schnellste, präziseste Fußball, den eine deutsche Mannschaft je gespielt hat.
Dass neben Musiala mit Lennart Karl, Aleksandar Pavlović und Tom Bischof drei weitere deutsche Talente immer häufiger den Weg ins Starensemble auf den Platz gefunden haben, macht es einem nicht gerade leichter, diese Bayern zu ignorieren. Ich weiß nicht, ob ich das bei Leroy Sané auch so sachlich beurteilt hätte, aber das nur am Rande.
Selbst wenn ich danach suchen sollte, fänden sich für mich in der aktuellen Mannschaft keine Feindbilder. Stattdessen knipst der komplett allürenfreie Superstar Harry Kane. Ja, sie machen es einem wirklich schwer, sie nicht zu mögen. Bis auf Serge Gnabrys Rührjubel will auf der Aversions-Skala einfach nichts mehr ausschlagen.
Und dann funktionieren diese herausragenden und herausragend zusammengestellten Individualisten sogar als Mannschaft. Nur Hoffenheim läuft in der Bundesliga mehr. Bei aller spielerischer Finesse weisen die Münchner ein hohes Arbeitsethos auf. Diese Bayern haben Talent und Truppe, Exzellenz statt Exaltiertheit. Das gab es nicht oft und bei dieser Mannschaft offenbar bis in die dritte Halbzeit: Als die Meisterschaft 2025 eingefahren wurde, bewies das Team sein – wie wir nun wissen – Feierpotenzial. Es muss ja nicht gleich wie im Film „Hangover“ ein lebendiger Tiger sein, der am nächsten Morgen zwischen Goretzka und Davies im Bett liegt. Ein entwendeter Porzellan-Kakadu von Feinkost Käfer erscheint in der geglätteten Fußballwelt schon als echter Akt der Rebellion.
Locker geschultert: Leon Goretzka (Bayern München) feiert den natürlich vorzeitigen Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit dem gestohlenen KakaduAll die Pluspunkte sind mit Blick auf meinen Stimmungsumschwung jedoch allenfalls leichte Impulse. Kleine Verstärker eines Sounds, den ein einziger Mann immer lauter verbreitet. Jeder Klub bekommt, was er verdient. Real Madrid hat Vini Jr., die Bayern Vinnie Kompany. Ein Name, zwei Gegensätze.
Alle lieben Vincent Kompany. Ich auch
Wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesliga hat ein Trainer so sehr überperformt. Eine Disziplin, die eigentlich nur von Klubs der Kategorie St. Pauli, Heidenheim, Mainz oder Fürth betrieben werden kann. Viel zu hoch ist die Flughöhe in München. Doch Kompany stieß noch einmal in völlig neue Sphären vor. Sportlich wie menschlich. Hand hoch, wem das bereits im Sommer 2024 klar war!
Die Bayern wollten 2024 als Thomas Tuchels Nachfolger Xabi Alonso, Julian Nagelsmann oder Ralf Rangnick – und bekamen den unerfahrenen Vincent KompanyVincent Kompany, der zuvor bei RSC Anderlecht mäßig Erfolg hatte und mit dem FC Burnley in die Premier League auf- und wieder abstieg, war nicht die Lösung 1b oder 1c. Nimmt man alle Gerüchte zusammen, drohen einem die Buchstaben hinter der 1 auszugehen. Ja, der Fußball ist schnelllebig, bei seinem verfrühten Urteilsspruch über Kompany aber war er unfair.
Vincent Kompany ist die alles entscheidende Figur. Er ist MVP und MIP zugleich – der wertvollste und der am meisten verbesserte „Player“. Wir Fans sollten dankbar sein, seine Entwicklung in der Bundesliga so nah mitzuerleben. Welch ein Gigant.
Alle lieben Vinnie. Ich auch. Und das nicht nur aufgrund des sportlichen Erfolgs. Sein feiner Humor und seine Ruhe sind charakteristisch, ebenso seine Höflichkeit. Man kann den 40-Jährigen gar nicht nicht mögen. Kompany wirkt trotz seiner Unerfahrenheit gefestigt und souverän, versprüht auch optisch und sprachlich Modernität.
Lässiges Outfit: Vincent Kompany im Viertelfinale der Champions League gegen Real MadridSo stehen als Höhepunkt auch nicht die Meisterschaften 2025 und 2026, sondern seine selbst gewählte öffentliche Einlassung zu José Mourinho vor zwei Monaten. Eine Figur, mit der man sich in der Fußballbranche eigentlich nicht anlegt, schon gar nicht freiwillig. Aber es war ihm auch aufgrund seiner eigenen Biografie wichtig, in der Rassismusdebatte um Vinicius Junior und Mourinho seine Meinung zu sagen und Haltung zu zeigen.
Dass er dies tat, war groß. Die Art und Weise: einzigartig. Kompany las Mourinho die Leviten, ohne dass dieser sein Gesicht verlor. Eine Rede mit der Wucht eines Vorschlaghammers, obwohl nur das Florett zum Vorschein kam. Und eine Aktion, die jedem Trainer, Politiker und Bürger als Lehrbeispiel für Leadership und Zivilcourage taugt. Ein rhetorisches Meisterstück, beeindruckend mutig.
Kompany ist eine Instanz, ein Vorbild. Ein Mann, der mich immer wieder beeindruckt und dazu offenbar noch ein verdammt guter Fußballtrainer ist.
Wenn diese Übungsleiter in München anheuerten, wurde stets geunkt, ob sie denn das Bayern-Gen in sich tragen würden. Bei Kompany verbietet sich diese Frage. Er hat das Bild des Klubs geprägt, nicht andersherum. Der FC Bayern ist wieder ein international großer Verein mit Strahlkraft und im Jahr 2026 angekommen. Modern und sympathisch – dank Kompany. Ein unbezahlbares Upgrade.
Auch ohne den Belgier hätten mich diese Bayern sportlich beeindruckt. Dank Kompany aber bin ich zum echten Sympathisanten seiner Mannschaft geworden. Wie lange das so bleiben wird, vermag ich nicht zu sagen. Den Bayern kann das natürlich auch völlig egal sein. Nur einer Sache sollten sie sich bei allen Bewertungen und Entscheidungen der kommenden Monate und Jahre stets gewiss sein: Der Vinnie, der Münchner, ist unantastbar.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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