Schlechter kann sich ein Teenager mit großen Träumen nicht präsentieren. Vincent Kompany hielt kürzlich eine Ansprache vor der Mannschaft des FC Bayern. Er hatte zuvor einige Talente zu den Profis berufen. Und sah nun, dass einer der Jugendspieler während der Teamsitzung einschlief. Die Reaktion des Cheftrainers des deutschen Fußball-Rekordmeisters sagt vieles über ihn aus.

Kompany reagierte in der Sitzung erstmal nicht. Er beorderte den Jugendspieler wenig später zum Einzelgespräch und machte klar, dass so etwas nicht geht. Das ist Kompanys Führungsstil: klare Ansagen – im richtigen Rahmen. Keine Kritik einzelner vor der Mannschaft. Und vor der Öffentlichkeit erst recht nicht.

In der kommenden Woche erlebt Kompany das wohl größte Spiel seiner bisherigen Trainerkarriere. Dienstagabend, 21 Uhr, tritt er mit seiner Mannschaft bei Real Madrid an. Hinspiel des Viertelfinals der Champions League bei den „Königlichen“ – für viele Experten und Fans ist es das vorweggenommene Endspiel. Die Bayern reisen in Topform nach Spanien. Sogar Reals Superstars sind beeindruckt. Stürmer Kylian Mbappé sagt: „Wir treffen auf eine große Mannschaft, wahrscheinlich die Mannschaft, die derzeit am besten in Form ist.“

Die Bayern machen sich berechtigte Hoffnung auf das Triple. In der Bundesliga ist ihnen die Meisterschaft nur noch theoretisch zu nehmen, im DFB-Pokal fehlt ihnen lediglich ein Schritt bis zum Finale, in der Königsklasse deklassierten sie kürzlich Atalanta Bergamo mit einem 6:1 in Italien.

Kompany begeistert die Menschen

In Kompanys zweiter Saison in München ist sichtbar, wie viele seiner Ideen greifen. Sogar Menschen, die dem FC Bayern gegenüber generell kritisch eingestellt sind, finden Kompany sympathisch. Das muss ein Trainer eines solch polarisierenden Klubs erstmal schaffen. Im europäischen Fußball sind viele von Kompanys Führungsstil und seinen taktischen Qualitäten sowie seiner Außendarstellung begeistert. Und von seinem Blick für die gesellschaftlichen Probleme beeindruckt. Kompanys zwölf Minuten langer Appell gegen Rassismus begeisterte kürzlich viele Menschen, darunter Vizekanzler Lars Klingbeil, der WELT AM SONNTAG sagte, solch ein Appell könne in der Gesellschaft mehr bewirken als manche Rede eines Politikers.

Wie ist es Kompany gelungen, so schnell so würdig ein so großes Amt auszufüllen? In dem Klub viel besser zurechtzukommen als sein erfahrener Vorgänger Thomas Tuchel? Kompany ist erst 39 und seit gerade mal sieben Jahren Trainer, der FC Bayern nach Stationen beim RSC Anderlecht und FC Burnley sein erster Weltklub. Die Suche nach Antworten führt in Kompanys Jugend und nach Belgien.

Nach außen wirkt Kompany meist ruhig. Intern tritt er deutlich vielschichtiger auf. Wenn ihm etwas nicht passt, spricht er es an – ohne Umwege. Er hat ein Gespür für das Wie und das Wann. Dazu kommt eine große Empathie. Kompany spürt, wann ein Spieler Nähe braucht. Er schafft es, auch Profis mit wenig Einsatzzeit einzubinden und die Unzufriedenheit im Kader kleinzuhalten.

Diese Fähigkeit hat er über viele Jahre gelernt. Bereits als junger Mann übernahm er innerhalb seiner Teams kommunikative Aufgaben und lernte früh, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen und Spannungen in Gruppen zu erkennen. Heute ist das ein zentraler Teil seines Führungsstils. In den richtigen Momenten ist er Kumpeltyp, ohne an Autorität zu verlieren. Er ist kein distanzierter Trainer, biedert sich aber nicht an. Respekt entsteht bei ihm nicht durch Angst, sondern durch Klarheit und Glaubwürdigkeit.

Kompanys Vater war der erste schwarze Bürgermeister in Belgien

Kompany wuchs in Brüssel in einer Familie auf, in der Herkunft, Haltung und Leistung eng zusammengehören. Sein Vater Pierre kam 1975 aus dem Kongo nach Belgien und musste sich dort ein neues Leben aufbauen. Er arbeitete sich hoch, vom Taxifahrer zum Ingenieur, machte später Karriere in der Politik und wurde 2018 der erste schwarze Bürgermeister Belgiens. In der Familie war er aber nie ausschließlich der Politiker oder Aufsteiger, sondern vor allem die prägende Figur mit klaren Werten und Autorität.

Pierre und Vincent Kompany im Jahr 2011

Der Familienname Kompany geht auf eine Erzählung aus der Familie zurück, nach der der Urgroßvater im Kongo für eine Bergwerksgesellschaft arbeitete und irgendwann mit dem Unternehmen selbst identifiziert wurde – aus „compagnie“ wurde „Kompany“. Herkunft und Geschichte waren in dieser Familie nie bloß Hintergrund, sondern immer Teil des Selbstverständnisses.

Vincent Kompany wuchs als ältestes von drei Kindern auf, mit Schwester Christel und Bruder François. Seine Mutter Joseline Fraselle erkannte früh, dass ihre Kinder als dunkelhäutige Menschen mitunter anders behandelt werden als viele andere. Sie wollte sie davor nicht abschirmen, sondern darauf vorbereiten. Die Botschaft in der Familie: Du musst besser sein! Nicht nur mithalten – besser sein!

Die Mutter griff ein, wenn ihre Kinder unfair behandelt wurden, legte sich auch mal mit anderen Eltern an. Der Vater vermittelte Ruhe, Kontrolle und das Gefühl, dass man nicht jede Provokation sofort beantworten werden sollte. Diese Mischung aus Klarheit und Selbstbeherrschung bestimmt bis heute Vincent Kompanys Auftreten.

Kompany war bei den Pfadfindern aktiv

Als Junge fiel er nicht ausschließlich mit Talent, sondern mit Zielstrebigkeit auf. Neben dem Fußball war er bei den Pfadfindern aktiv. Dort lernte er Dinge, die später in seinem Trainerprofil wieder auftauchen: Verantwortung übernehmen, Verlässlichkeit, Gruppendenken, Disziplin.

Sein Vater erzählt, dass sie seinen Vincent früher „Mr. Point“ nannten. Hintergrund: Vincent wollte immer wissen, wer die besten Noten hat und wie er selbst so ein guter Schüler wird. Dieser Vergleich mit anderen war für ihn kein Spiel, sondern Antrieb. Er probierte auch Volleyball und Leichtathletik. Es ging ihm nie nur ums Dabeisein, sondern immer um das Besserwerden.

Die Kompanys auf dem Münchner Oktoberfest

Auf dem Fußballplatz übernahm er früh Verantwortung. Trainer gaben ihm Aufgaben, die für sein Alter ungewöhnlich waren: mitdenken, organisieren, andere anleiten. Er lernte, wie unterschiedlich Menschen geführt werden müssen.

Ein Musterjunge war Kompany damals dennoch nicht. Er galt phasenweise als stur, flog sogar von der Schule und aus der belgischen Nationalmannschaft. Dazu kam das Umfeld in den Brüsseler Vierteln, in denen er aufwuchs: Drogen, Gewalt, falsche Abzweigungen – all das war in seiner Nähe. Er entging diesem Sog nur knapp. Dass er in dieser Phase seines Lebens nicht falsch abbog, hatte viel mit seinem Fußballtraum zu tun. Und mit der Stabilität, die ihm seine Familie gab.

2003 unterschrieb Vincent mit 17 Jahren beim RSC Anderlecht seinen ersten Profivertrag. Drei Jahre später wechselte er für die damals enorme Ablöse von rund zwölf Millionen Euro zum Hamburger SV. Der Transfer war für die Familie ein Schlüsselmoment. Vater und Sohn flogen gemeinsam nach Hamburg, im Volksparkstadion wurde in der Nacht sogar noch einmal das Flutlicht angeschaltet. Ein Moment, der zeigte: Die Familie war in der großen Fußballwelt angekommen.

2007 erlebte Kompany einen Einschnitt: Seine Mutter starb. In einer Phase, in der er von Hamburg aus sportlich den nächsten Schritt gehen wollte, verlor er einen zentralen Halt. In dieser Phase rückte Rodyse Munienge noch näher an ihn heran. Die beiden kennen sich seit der Jugend, lebten in Brüssel im selben Gebäude. Als Kompany nach Hamburg wechselte, kam Munienge mit. Als sportlich und privat vieles ins Wanken geriet, war er ein konstanter Begleiter. Diese Verbindung hält bis heute. Der 40-jährige Munienge ist Teammanager bei den Bayern, organisiert vieles um Kompany herum und wird wegen seiner guten Laune auch „Mister Aura“ genannt. Er ist im Bayern-Kosmos schnell eine zentrale Figur geworden.

Vincent Kompany (l.) und „Mr. Aura“ Rodyse Munienge

Seine Familie und engen Freunde sind für Kompany Fundament. Sein Vater Pierre reist regelmäßig zu Spielen. Seit 2011 ist Vincent mit Carla Higgs verheiratet. Das Paar hat drei Kinder: Tochter Sienna sowie die Söhne Kai und Caleb.

In der Erziehung seiner Kinder zeigt sich viel von dem, was er mitbekommen hat. Kompany spricht mit ihnen über seinen Weg und macht ihnen klar, dass das Leben, das sie heute führen, ein privilegiertes ist. Auch Schwester Christel und Bruder François, früher selbst Fußballspieler und heute Berater für eine Agentur aus Madrid, sind wichtige Bezugspunkte.

Kompanys Tage sind komplett vom Fußball bestimmt

Kompany ist sehr fleißig, sagen sie beim FC Bayern. Seine Tage sind lang, oft komplett vom Fußball bestimmt – Analysen, Training, Gespräche, Planung, Austausch mit Jugendtrainern. Bereits elf junge Spieler debütierten unter ihm bei den Profis.

Zum Abschalten zieht es Kompany in die Berge. Er interessiert sich sehr für Lebenswege, liest Biografien, um zu verstehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Zu den Persönlichkeiten, mit denen er sich intensiv beschäftigt hat, gehören Nelson Mandela, Mahatma Gandhi und Barack Obama.

Im legendären Stadion Santiago Bernabéu kann Kompany jetzt den nächsten Schritt tun, ein großer Bayern-Trainer zu werden. Es könnte ein Meilenstein auf seiner Reise aus dem Brüsseler Norden in die große Fußballwelt sein.

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