K imi Antonelli hat als jüngster Fahrer in der Historie der Formel 1 mit seinem Sieg in Japan im Alter von 19 Jahren und 216 Tagen die WM-Führung erobert. Er holte sich die Bestmarke von Lewis Hamilton. Der Rekordweltmeister war 2007 in Spanien im Alter von 22 Jahren und 126 Tagen erstmals an die Spitze der Gesamtwertung gefahren. „Kimissimo! Antonelli, ein Mann mit Nummer-1-Mentalität. Bravissimo!“, kommentierte das italienische Blatt „Tuttosport“.

Schon zwei Wochen zuvor bei seiner Sieg-Premiere in China hatte sich der italienische Mercedes-Pilot den Formel-1-Rekord für den jüngsten Piloten auf der Pole Position gesichert. In Suzuka machte Antonelli einfach so weiter und verwies seinen Stallgefährten George Russell auf Startplatz zwei. Nun hat die Formel 1 zwar erst mal eine Vollbremsung hingelegt. Fünf Wochen Pause liegen zwischen dem Japan-Ausflug und dem nächsten Grand Prix in Miami am 3. Mai, die Gastspiele in Bahrain und Saudi-Arabien wurden wegen des Iran-Krieges abgesagt. Schon früh in der Saison deutet jedoch einiges auf einen Zweikampf der Mercedes-Fahrer um den Titel hin.

Frage: Herr Antonelli, nach den ersten drei Rennen sind Sie Erster in der Fahrer-WM. Welche Note würden Sie Ihrer bisherigen Saison geben?

Kimi Antonelli: Eine 8,5 von 10.

Frage: Was fehlt zur perfekten Saison?

Antonelli: Ich habe einige vermeidbare Fehler gemacht. In Australien hätte ich eine größere Chance auf den Sieg gehabt, wenn ich nicht im dritten Training den Unfall gehabt hätte. Das hat unseren Rhythmus für das Qualifying gestört, sodass ich dort nur Zweiter wurde. In China und in Japan hätten meine Starts wiederum besser sein können.

Frage: Trotzdem konnten Sie dort Ihren ersten Sieg einfahren. Haben Sie das schon verarbeitet?

Antonelli: Mittlerweile ja, aber es hat ein wenig gedauert. Das war der bisher beste Tag meines Lebens, weil ich auf diesen Moment hingearbeitet habe, seit ich als Junge Kart gefahren bin. Es jetzt endlich geschafft zu haben, war ein unglaubliches Gefühl. So etwas habe ich vorher noch nie gespürt.

Frage: Wie viele Glückwünsche haben Sie danach erhalten?

Antonelli: Viele! Ich hatte über 1000 Nachrichten auf dem Handy.

Frage: Sticht eine heraus?

Antonelli: Mein Idol Valentino Rossi (neunmaliger Motorrad-Weltmeister, die Redaktion) hat mir geschrieben. Das war auf jeden Fall besonders. Aber auch Jannik Sinner (Nr. 2 der Tennis-Weltrangliste) hat mir eine sehr nette Nachricht geschickt – und mir sogar in seiner Rede nach dem Finale von Indian Wells den Turniersieg gewidmet. Das war schon sehr cool.

Frage: Sie sind in Ihrer zweiten Formel-1-Saison direkt einer der WM-Favoriten, haben aber erst im vergangenen Jahr die Schule beendet. Fühlt sich Ihr Leben manchmal wie ein Film an?

Antonelli: Ja, auf jeden Fall. Insbesondere in Momenten wie nach dem Sieg. Es ist verrückt, wie groß das Interesse an meiner Person war. Ich habe mir die Zeitungen am Tag danach gekauft, sie gelesen und werde sie aufbewahren. Denn natürlich genießt man das, und es fühlt sich gut an – aber es ist auch gefährlich.

Frage: Erklären Sie das bitte.

Antonelli: Man kann den Fokus verlieren und sich blenden lassen, wenn alle einen feiern. Aber ich habe auch gemerkt, dass sich die Erwartungshaltung an mich schlagartig geändert hat. Deswegen nutze ich an den Rennwochenenden kein Social Media mehr, um nicht weiteren Druck zu spüren. Denn die Wahrheit ist, dass noch 19 Rennen zu fahren sind. Ich will mehr erreichen, als nur einen Sieg einfahren. Das ultimative Ziel ist, dass ich am Ende der Saison um den Titel mitfahre und ihn dann auch gewinne.

Frage: Haben Sie trotz Ihrer erst 27 Grand Prix schon das Zeug zum Weltmeister?

Antonelli: Erfahrung ist im Vergleich zu Fahrern wie George (Teamkollege Russell, die Redaktion) meine größte Schwäche, keine Frage. Die kann man nicht kaufen. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich trotzdem eine Chance hätte, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Ich arbeite seit vielen Jahren darauf hin und habe mit meinem Sieg gezeigt, dass ich jeden schlagen kann, wenn ich meine Leistung bringe. Dafür muss ich aber die Basics abrufen. Daran erinnern mein Umfeld und ich mich auch selbst immer wieder.

Frage: Ihr Vater begleitet Sie zu einem Großteil der Rennen. Welche Rolle spielt er?

Antonelli: Er ist wie meine ganze Familie sehr wichtig für mich. Für sie bin ich immer noch Kimi und nicht der Formel-1-Pilot. Aber natürlich sprechen wir auch über das Racing. Wann immer ich einen Fehler mache, kriege ich das auch zu hören. (lacht) Er hat mir beigebracht, dass – egal, ob ich ein gutes oder ein schlechtes Ergebnis hatte – ich nach mehr streben soll. Dass ich analysiere, wo ich Leistung auf der Strecke gelassen habe. Dass ich analysiere, wo ich gut war und warum.

Frage: Sie pflegen zu Lewis Hamilton und Max Verstappen einen guten Draht. Haben Sie Tipps bekommen?

Antonelli: Vergangenes Jahr schon, da waren sie sehr offen und haben mir geholfen. Aber jetzt haben sie damit aufgehört.

Frage: Was hat Hamilton Ihnen geraten?

Antonelli: Dass ich immer ich selbst sein soll und ich Spaß an der Sache haben muss, um schnell zu sein. Der Druck in diesem Umfeld ist so groß, dass man das schnell vergessen kann.

Frage: Wie ist der Austausch mit Teamkollege Russell?

Antonelli: Wir verstehen uns gut, George ist ein super Typ. Aber natürlich ist er nicht nur mein Teamkollege, sondern auch mein Rivale. Er ist der einzige Fahrer, der das gleiche Auto hat wie ich.

Frage: Der Mercedes ist das stärkste Auto im Feld.

Antonelli: Aktuell haben wir die Oberhand, ja. Aber das kann in ein paar Rennen ganz anders aussehen. Ferrari ist schon jetzt sehr gut und wird zeitnah ein großes Upgrade bringen. Vielleicht sind sie dann auf Augenhöhe oder sogar besser als wir. McLaren kämpft zwar mit Problemen, aber auf lange Sicht können sie auch wieder eine Gefahr werden. Und Red Bull darf man natürlich auch nicht vergessen. Dafür, dass sie ihre erste Saison mit eigenen Motoren fahren, sind sie sehr stark. Und sie haben noch massives Potenzial bei ihrer Antriebseinheit.

Frage: Sie und Mercedes werden das Auto auch weiterentwickeln.

Antonelli: Klar. Und wir wissen um die Stärke des Fundaments, das wir geschaffen haben, aber wir dürfen uns deswegen nicht zurücklehnen. Schauen Sie sich 2022 an. Damals sah es so aus, als wäre Ferrari das Team, das es zu schlagen gilt. Am Ende hat Red Bull das Rennen gemacht und beide Weltmeisterschaften gewonnen. 2024 haben alle erwartet, dass sie und Max Verstappen wie das Jahr zuvor dominieren werden. McLaren hat mit einem Upgrade die Karten neu gemischt. Deswegen: Wir hatten einen guten Start, aber wir müssen fokussiert bleiben. Denn in dem Auto steckt noch viel mehr Potenzial.

Frage: Wie viel Potenzial steckt noch in Ihnen?

Antonelli: Auch ich bin noch nicht an meinem Limit. Ich lerne jedes Wochenende viel dazu. Bono (Renningenieur Peter Bonnington, die Redaktion) und ich arbeiten sehr gut zusammen. Ich profitiere von seiner Erfahrung.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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