Darum ist das deutsche WM-Trikot nicht mehr pink
Auf die maximale Personenzahl im Raum achten die Mitarbeiter penibel. Mit jedem Menschen mehr im Archiv von Adidas in Herzogenaurach steigt die Temperatur, und der Sportartikelkonzern hat ermittelt, bei welcher die alten Trikots und Schuhe am besten aufbewahrt werden können.
Über 42.000 Artikel lagert der Dax-Konzern hier. Für Adidas-Chefdesigner Jürgen Rank (55) sind speziell die Regale mit den Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft „mein Paradies“, wie er strahlend sagt. Auf einem Rundgang durch das Archiv beantwortet der 55-Jährige Fragen zur Entwicklung des Trikotdesigns. Adidas rüstet die Mannschaft seit Jahrzehnten aus, Ende des Jahres endet die Zusammenarbeit, dann übernimmt Nike. Gerade hat Adidas die Trikots für die WM im Sommer 2026 in den USA, Mexiko und Kanada präsentiert.
Die deutschen WM-Trikots von Adidas von 2014: Im linken gewann Deutschland das Finale, im rechten mit 7:1 im Halbfinale gegen BrasilienFrage: Herr Rank, wie wird man Chefdesigner bei Adidas?
Jürgen Rank: Mit Leidenschaft für den Fußball, einem gewissen Auge und Design-Fähigkeiten. Vor beinahe 22 Jahren kam das alles bei mir zusammen – und das war das, was Adidas suchte. Mein Traum ging in Erfüllung. Vorher habe ich Kunst und Design in London studiert. Zuvor war da unter anderem noch eine Ausbildung zum Postboten. Zudem habe ich meine Mittlere Reife nachgemacht und hatte schon lange ein Interesse für Graffiti, Grafik und Design. Vor meiner Zeit bei Adidas habe ich auch für eine Skate-Company gearbeitet.
Frage: Gibt es vom DFB die Vorgabe, dass das Heimtrikot immer weiß sein muss?
Rank: Wenn man sich mit einem Partner – ob es nun ein Verband mit seiner Nationalmannschaft oder ein Klub ist – einigt, kann man schon sagen: Hey, wir probieren mal was anderes. Es ist also möglich, eine andere Farbe zu nehmen. Man möchte eine gemeinsame Strategie fahren.
Frage: Wie lange braucht es für die Entwicklung eines neuen Trikots?
Rank: Normalerweise grob zwei Jahre, angefangen mit den ersten Ideen. Dann setzt man sich zusammen mit dem Partner, hört sich dessen Visionen an und verbindet sie mit den Visionen, die wir als Marke haben. Zentrale Fragen sind: Was will man repräsentieren? Ist es ein besonderer Moment, den wir herausstellen wollen? Ist es ein grafisches Element, das auf dem Trikot sein soll?
Frage: Wie viele Designer gestalten das Nationaltrikot?
Rank: Aktuell sind es sechs Designer in der Abteilung. Wir sind ein internationales Team und haben viele junge Mitarbeiter, ich bin wahrscheinlich der älteste (lacht).
Frage: Dieses Team macht auch die Designs der Vereinstrikots?
Rank: Nein, ausschließlich das Design für Nationalmannschaften. Die Vereinstrikots gestalten andere Designer bei uns.
Frage: Warum ist das neue Auswärtstrikot der Nationalelf für die WM im kommenden Sommer blau?
Rank: Die Farbe ist inspiriert von alten Trainingswear-Teilen des DFB. Es ging bereits 1954 los. Die Pullover von Sepp Herberger und Adi Dassler waren in Navy gehalten. Das hat sich in den 50er, 60er und 70er Jahren fortgesetzt. Auch durch die Trainingsjacke von Franz Beckenbauer. Es gab sogar einen Anlass, zu dem in Blau gespielt wurde, 1986 bei einem Freundschaftsspiel vor der WM in Mexiko. Wir haben jetzt überlegt: Welchen Farbakzent können wir für 2026 setzen? Und haben uns für eine Farbe entschieden, die zum DFB passt und auch in der DNA verankert ist.
Frage: Das pinke Auswärtstrikot von der EM 2024 in Deutschland ist bis heute enorm erfolgreich. Warum setzt Adidas nicht einfach weiter auf dieses Trikot?
Rank: In der heutigen Zeit muss man einfach wieder etwas Neues machen, auch wenn das Trikot sehr gut läuft. Die Nachfrage des Marktes ist: Was kommt als nächstes? Man versucht dann, wieder den aktuellen Zeitgeist zu treffen. Wie wir in Bezug auf die bisherigen Verkaufszahlen hören, haben wir wieder einen Nerv getroffen.
Eines der am besten verkauften Trikots in der Geschichte von Adidas: Das pinkfarbene von der EM 2024Frage: Wie kommen Ihr Team und Sie auf die Ideen zu den Designs?
Rank: Wir schauen immer mal wieder in unser Archiv hier und lassen uns von älteren Trikots inspirieren. Und wir sehen uns auf der Straße um: Was wird da getragen? Was könnte der nächste Trend sein? Wir versuchen immer, gewisse Trends zu setzen und etwas Neues zu machen in der Fußballtrikot-Welt. Zudem sprechen wir mit Händlern und Sammlern und erfahren im Gespräch, was die Menschen nachfragen. Diese Gespräche sind immer sehr interessant.
Frage: Wie sehr schmerzt es Sie, dass die Partnerschaft mit dem DFB im Dezember endet?
Rank: Es schmerzt natürlich sehr. Gleichzeitig ist es Anreiz, für die Trikots für die kommende WM noch mal richtig alles reinzuwerfen.
Frage: Was sind in der Geschichte der deutschen Nationalelf-Trikots Ihre Top 5?
Rank: Ich mag sehr viele, daher ist es schwierig für mich, mich festzulegen. Das WM-Trikot aus dem gewonnenen Finale 2014 in Brasilien ist sehr emotional. Dann das Trikot, das die Mannschaft beim 7:1 gegen Brasilien trug. Zudem das schwarze Trikot von 2010. Eine Hommage an Walther Bensemann und an die erste deutsche Auswahl, die damals in Paris gespielt hat. Das grüne Trikot von 2012 war eine Hommage an 1972, an den Sieg in Wembley damals (Deutschland siegte im EM-Viertelfinale 3:1 gegen England – d. R.)
Frage: Wie wichtig sind für Ihre Arbeit Trendscouts, also Menschen, die in angesagten Vierteln in vielen Ländern unterwegs sind und schauen, was junge Leute tragen?
Rank: Ganz, ganz wichtig. Wir haben Research-Teams, sind auch selbst auf den Straßen unterwegs. Und wir bekommen Informationen von Agenturen. Die Frage für uns ist am Ende immer: Was könnte das Nächste sein? Momentan werden wir kopiert. Viele machen jetzt das nach, was wir gemacht haben. Für uns ist dann das Ziel, beim nächsten Mal immer einen schönen Schritt weiter zu sein.
Frage: In den vergangenen Jahren kommen immer mehr Sondertrikots auf den Markt, gerade bei den Klubs. Das gab es früher nicht. Was ist der Grund dafür?
Rank: Die Nachfrage nach Fußballtrikots ist explodiert. Der Markt wächst und wächst. Daher bringt man solche Editionen heraus. Weil wir früher grafisch weiter waren als die anderen, können wir besondere Trikots entwickeln.
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