Vicenzo Grifo war sich der Besonderheit des Abends bewusst. „Wir haben Geschichte geschrieben“, sagte der frisch gebackene Rekordschütze des SC Freiburg. Das gelte es zu feiern. „Und ich werde dafür sorgen, dass der Trainer dem zustimmen wird“, kündigte der Routinier an. Er werde Julian Schuster in der Kabine zu verstehen geben, dass er „nicht so viel schwätzen, sondern lieber die Musik laufen lassen soll“. Dann lachte Grifo und trank schon mal einen Schluck – auch, um sich auf die Dopingkontrolle vorzubereiten, für die er ausgelost worden war.

Doch Grifos Befürchtung, der Trainer könnte auf die Idee kommen, die Spaßbremse zu geben, war unnötig – denn niemand, der am Donnerstag beim 5:1 (2:1) gegen den KRC Genk dabei war, konnte sich der Symbolkraft dieses Erfolges entziehen. Erstmals in ihrer Geschichte waren die Freiburger ins Viertelfinale eines europäischen Wettbewerbs eingezogen. Ein Meilenstein.

„Ich bin unglaublich stolz auf diese Leistung, auf das Erreichte“, sagte Schuster. In der Pressekonferenz durfte er das Ereignis ausgiebig würdigen – ohne dass ihm Grifo in die Parade fuhr. Also holte Schuster wenig aus. Er erinnerte an „die vielen Personen, die schon lange in diesem Verein sind“ und an „Zeiten, in denen wir uns über Aufstiege oder über einen Klassenverbleib gefreut haben“. Jetzt, so der Trainer, „dürfen wir uns freuen, dass unsere Reise weitergeht“. Schuster ist seit knapp 18 Jahren im Klub. 2024 beerbte er Christian Streich als Cheftrainer. Es bedeutet ihm viel, Teil einer Entwicklung zu sein, die „alles andere als selbstverständlich ist“.

Beharrliche Aufbauarbeit

Die ist in der Tat bemerkenswert. Denn sie widerlegt ein Naturgesetz des Profifußballs: jenes, dass sich europäische Erfolge nur mit Geld erkaufen lassen. Die Freiburger haben aber einen anderen Weg aufgezeigt: Es ist sehr wohl möglich, durch beharrliche Aufbauarbeit so zu wachsen, um nationalen und internationalen Ansprüchen gerecht zu werden. Vorausgesetzt, das Gebilde – die Mannschaft und der Klub insgesamt – ist homogen genug.

Die Art und Weise, wie das Team die Hürde Genk im Achtelfinale genommen hat, ist ein Beleg dafür. Das Hinspiel vor einer Woche ging 0:1 verloren. Der SC war dabei sogar stärker unterlegen, als es das Ergebnis vermuten lässt. Auch in der Bundesliga lief es nicht: Im März ist der Sport-Club sieglos und durch Niederlagen in Frankfurt und gegen Union Berlin wuchs der Rückstand auf die Europapokalränge auf elf Punkte.

Freiburgs Trainer Julian Schuster jubelt nach dem wegweisenden Sieg über Genk

Zweifel wurden laut: Geht die Erfolgsgeschichte mit Schuster im zweiten Jahr zu Ende? Es hatte sich reichlich Druck aufgebaut. Die Frage war: Wie wird der Trainer damit umgehen? Schuster tat es auf die Art, wie es nur Trainer können, die ihre Spieler gut kennen. Er blieb zuversichtlich. „Die Mannschaft hat schon oft bewiesen, dass sie auf eine Phase, in der nicht alles ideal verläuft, gut reagieren und eine Reaktion zeigen kann“, sagte er am Donnerstag, nachdem von Anpfiff an deutlich geworden war, dass sein Team ganz anders auftreten wird als in den vergangenen Wochen.

Freiburg spielte druckvoll, mit hohem Tempo. In der 19. Minute landete eine Freistoßflanke von Grifo auf dem Kopf von Matthias Ginter, der das 1:0 erzielen konnte. Als Igor Matanovic sechs Minuten darauf auf 2:0 erhöhte, schien der Weg geebnet – ehe die Gäste kurz vor der Pause verkürzen konnten. Alles wieder offen.

„In der Halbzeitpause haben wir uns gesagt: ,Es wird ein Moment kommen, in dem wir zustechen können‘“, sagte Grifo. Er sollte recht behalten. In der 53. Minute lauerte das 32-jährige Schlitzohr auf einen verunglückten Rückpass der Belgier, schaltete schnell und schob zum 3:1 ein.

Das war der Moment, in dem sich der „Wintsche“, wie Christian Streich ihn zu nennen pflegte, seinen ganz persönlichen Eintrag in der Klubgeschichte sicherte: Mit seinem 106. Pflichtspieltor überholte er Nils Petersen und wurde zum alleinigen Rekordtorschützen des Sport-Clubs. Er werde sich den Spielball von den Kollegen unterschreiben lassen und in eine Vitrine stellen, kündigte er an.

Doch das war nur ein Randaspekt – denn Grifos Treffer war das Startsignal für eine fulminante Schlussoffensive, an deren Ende der höchste Freiburger Saisonsieg stand. „Es war ein magischer Abend“, so Grifo, der den Einzug ins Viertelfinale, wo es nun gegen Celta Vigo aus Spanien geht, als eines der schönsten Erlebnisse seiner Karriere einordnete. „Unter den besten acht Mannschaften der Europa League zu stehen, erlebst du nicht alle Tage. Wir sind ja nicht der FC Bayern oder Borussia Dortmund“, sagte er. Und der Weg sei noch nicht zu Ende.

Tatsächlich hält die Saison noch weitere Herausforderungen bereit. Am 23. April bietet sich die Chance, zum zweiten Mal nach 2022 ins DFB-Pokalfinale einzuziehen. Dann gastierten die Breisgauer im Halbfinale beim VfB Stuttgart. In der Bundesliga gilt es, Boden gutzumachen: Der Tabellenachte muss an diesem Sonntag beim FC St. Pauli antreten (17.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT).

Eine Aufholjagd scheint im Hinblick auf die internationalen Plätze zwar ambitioniert. Doch sollte Freiburg ins Pokalfinale kommen, würden sich die Chancen extrem erhöhen: Bei einem Pokalsieg wäre der SC wieder in der Europa League dabei. Und bei einer Niederlage gegen einen Gegner, der bereits über die Bundesliga für die Champions League oder die Europa League qualifiziert wäre, würde auch der siebte Platz genügen. Dann wären die Freiburger zum vierten Mal innerhalb von fünf Jahren für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert.

Diese Perspektive dokumentiert die Nachhaltigkeit der Entwicklung – eines Vereins, der wirtschaftlich kerngesund ist, der auf personelle Kontinuität setzt und der sich sogar zu einem Ausbildungsverein für Nationalspieler entwickelt hat.

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Natürlich gibt es dabei auch Rückschläge. Torhüter Noah Atubolu und Ginter gehörten am Donnerstag nicht zum Auswahlaufgebot von Bundestrainer Julian Nagelsmann für die bevorstehenden Länderspiele am 27. März (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) in Basel gegen die Schweiz und am 30. März (20.45 Uhr, ebenfalls im Sport-Ticker der WELT) in Stuttgart gegen Ghana. Doch das war kein Hinderungsgrund für gute Leistungen. „Die richtige Antwort gibst du auf dem Platz“, sagte Schuster. Ohnehin würden Niederlagen helfen, um besser zu werden. „Und wir haben es geschafft, diese Kultur zu entwickeln“, so der Trainer. Das sei ein Qualitätsmerkmal der Freiburger.

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