Er vergisst seinen eigenen Geburtstag. Wenig später wird er Deutscher Meister
Er war so nervös, dass er morgens seinen eigenen Geburtstag vergaß. Erst beim Frühstück im Hotel, als ihm die Leute gratulierten, dämmerte es ihm: Heute ist ja mein Geburtstag. Da war er 17 – und wurde später an diesem Tag zum ersten Mal Deutscher Meister. Timo Boll, einer der weltbesten Tischtennis-Spieler, ist ein Ausnahmetalent – und doch eine Legende, wie man sie selten trifft: zurückhaltend, höflich, fair. Ein Weltstar ohne Allüren. Und vielleicht liegt gerade darin seine größte Stärke.
„Ich wollte immer über Leistung überzeugen, aber trotzdem ein anständiger Kerl bleiben“, sagt er im Gespräch mit „Bild“: „Ich denke, ich habe mich einigermaßen korrekt verhalten meinen Mitspielern gegenüber und den Fans. Deshalb habe ich zum Glück so einen recht positiven Ruf.“
Der 45-Jährige hat ihn sich hart erarbeitet. Seitdem er denken kann, spielt der Junge aus Höchst im hessischen Odenwald Tischtennis. Schon mit drei Jahren schlug er im Keller gegen die Platte. Timo lacht. „Über Kopf. Mein Papa wollte eigentlich, dass ich Tennis spiele. Er wollte sogar einen Tennisplatz bauen auf unserem Grundstück. Nur für mich. Aber dafür haben wir keine Genehmigung bekommen. Dann wurde es eben Tischtennis.“
Timo Boll ist Einzelkind. „Ein Glück“, sagt er heute
Und das im ganz großen Stil. Der Vater arbeitete bei der Reifenfirma Pirelli, stellte seine Hobbys hinten an, fuhr Timo jeden Tag eine Stunde zum Training nach Frankfurt. „Er wartete dort zweieinhalb Stunden, nur um mich dann wieder nach Hause zu bringen. Ich erkenne jetzt erst, was meine Eltern überhaupt geleistet haben. Ich habe ja selbst eine Tochter. Wenn ich sie zwei-, dreimal pro Woche irgendwo herumfahren muss, bin ich schon gestresst.“ Er schmunzelt.
Timo Boll (damals 11) mit seinem Vater bei der Hessenmeisterschaft 1992Timo ist Einzelkind. „Ein Glück“, sagt er heute. „Meine Eltern konnten sich ganz auf mich konzentrieren. Vor allem mein Vater lebte meinen Traum mit mir zusammen.“ Und die Mutter? „Sie war skeptischer. Als es darum ging, ob ich wirklich Profi werden sollte, gab es zu Hause Diskussionen. Wir haben es für ein Jahr probiert nach der zehnten Klasse. Ich habe dann den Anschluss an die Weltspitze geschafft. Sonst wäre wahrscheinlich alles anders gekommen.“
Mit 16 war er Profi. Realschulabschluss, kein Abi, kein Studium. Aber ein Einkommen, das schon früh höher war als das seines Vaters. „Ich habe mit 15, 16 Jahren mit Tischtennis ordentlich Geld verdient. Das war beruhigend. Ich war schon immer ein Sicherheitsdenker.“
Für ihn war Tischtennis immer Leidenschaft, nie Karriere. „Ich war einfach im Flow, hatte meine Kumpels im Umfeld. Ich habe nicht bemerkt, dass ich da auf einem besonderen Weg bin.“
Mit 14 wurde ihm ein komplettes Bundesliga-Team nach Hause geschickt, er spielte damals beim Bundesligisten TTV Gönnern. Die Stars aus Serbien, China, Holland mussten in seinem Heimatdorf wohnen, weil Timo noch zur Schule ging. „Wir haben in einer kleinen, etwas aus den Jahren gefallenen Halle trainiert. Aber ohne dieses Konzept wäre ich nie so gut geworden.“
Er habe Pflichten gehabt, „aber nicht viele. Deshalb habe ich mich auch immer normal verhalten. Nur weil man gut Tischtennis spielt, ist man ja kein besserer Mensch“. Timo durfte Kind sein, aber anders. Mit 15 spielte er Bundesliga, reiste als Jugendlicher durch alle Kontinente. „Ich war natürlich viel mit Älteren unterwegs, das prägt. Ich war kaum auf Partys. Ich war komplett in der Tischtennis-Welt. Und das war schön.“ Er hat viele Kindergeburtstage seiner Klassenkameraden verpasst. Auch seine eigenen. Aber er war nicht traurig. „Ich hab’ das Leben genossen aus der Sicht eines Sportlers. Mir fehlte nichts.“
Siebenmal war Boll bei Olympia
Und er war früh erwachsen. „Ich war kein Kuscheltyp. Meine Eltern erzählen heute noch, dass ich mich aus dem Trainingslager wochenlang nicht gemeldet habe. Ich fühlte mich dort gut aufgehoben. Handys gab es ja noch nicht. Wenn ich mir heute vorstelle, dass meine Tochter sich wochenlang nicht meldet – ich würde durchdrehen. Im Nachhinein tut es mir für meine Eltern ein bisschen leid. Sie mussten schon oft auf mich verzichten und mich mit meinem Sport teilen.“
Siebenmal war er bei Olympia. Gold hat er dort nie gewonnen. Aber das hat ihm nicht geschadet. „Ich hatte niemals Angst vor dem Verlieren. Ich wusste immer: Gib dein Bestes. Mehr geht nicht. Wenn der Gegner besser war, war das okay. Ich war ausgeglichen, nie gestresst.“
Und er war fair. „Wenn ich mal einen Kantenball mitgenommen habe, der keiner war, dann hat sich der Sieg nicht mehr verdient angefühlt. Ich wollte dieses Gefühl nicht mehr haben.“ Timo ist kein Ellbogen-Typ. Er ist der, der sagt: „Fair Play war mir wichtiger als sportlicher Erfolg.“
Sein größter Erfolg? „Schwierig zu sagen. Jeder neue Meilenstein war besonders: Bundesliga, Olympia, Nummer eins der Welt. Für mich war das jedes Mal überraschend. Ich hab’ mich nie als den Besten gesehen.“ Obwohl er es war. Timos Bescheidenheit rührt einen beim Gespräch.
Timo Boll (links) beim Gewinn seiner ersten Silbermedaille in Peking 2008. An seiner Seite seine Mitspieler Dimitrij Ovtcharov (Mitte) und Christian SüßUnd privat? Da lief es genauso solide. Timo lernte seine Frau mit 18 Jahren beim Friseur kennen. „Sie wusch einem Kollegen die Haare.“ Er grinst. Seit Dezember 2003 sind sie ein Ehepaar, haben eine zwölfjährige Tochter. „Wir haben das sogar auf der Videokamera, wie wir uns das erste Mal begegnen im Friseursalon. Damals wurde gerade eine Doku über mich gedreht.“
Bei seiner Hochzeit war er 22. „Für die heutige Zeit relativ jung. Aber das war gut für mich als Sportler. Ich war dann Familienmensch, keine Ablenkung, kein Blödsinn.“ Sein Liebesgeheimnis? „Sicher auch, dass wir uns kannten, bevor ich ein Star wurde. Sie hat alles mit mir mitgelebt.“
Wie ging er damit um, dass in China tausende Mädchen schreiend vor seinem Hotel standen, weil Timo Boll dort – bis heute – ein Mega-Star ist? „Ja, das gab’s. Ich war sogar mal der ,Sexiest Man Alive’ in China. Aber da war ich Anfang 20. Heute bin ich der Onkel Boll.“ Er lacht laut.
Boll posiert 2008 bei einem Fototermin vor der chinesischen NationalflaggeChina wurde zur zweiten Heimat. So sehr, dass er sogar mit Frau und Tochter dort Urlaub macht. Im Land des Lächelns hatte er seinen größten Kulturschock: „Ich hab’ mal Katze und Hund am Buffet gesehen. Gegessen hab ich’s nicht. Meine Tochter begleitet uns oft auf Reisen. Ich hatte sie auch in New York beim Filmdreh mit Timothée Chalamet dabei.“
Ja, Timo Boll ist jetzt sogar Filmstar. In „Marty Supreme“, einem Tischtennisfilm, spielt er einen tschechischen Tischtennis-Star. Boll trainierte mit Timothée Chalamet in Brooklyn. „Jeder Ballwechsel war gescriptet. Wir hatten ein Studio nur für uns.“ Plant er eine Hollywood-Karriere? „Nein. Ich hatte tatsächlich das Angebot, in die Schauspieler-Gewerkschaft einzutreten. Aber ich habe nicht genug Talent. Das soll mal lieber der Timmi machen. Er ist ein fantastischer Schauspieler.“
Timo Boll in einer Szene des Films „Marty Supreme“, der für neun Oscars nominiert war, am Ende aber leer ausgingJetzt, nach seinem Karriereende, genießt er die schönen Dinge des Lebens. „Ich hab’ wieder angefangen, Ski zu fahren. Nach 25 Jahren Pause. Auch Golf, Tennis, Padel. Ich bin ein totaler Sportfreak.“ Es fehlt ihm nichts. Auch wenn er zugibt, „große Angst“ vor dem Aufhören gehabt zu haben. „Glücklicherweise habe ich den perfekten Moment gefunden. Ich war mit mir als Spieler nicht mehr zufrieden, dann ist es Zeit zu gehen.“
Was bleibt, ist eine Sammlung an Medaillen, Pokalen, Urkunden. Sie stapeln sich in seinem alten Kinderzimmer. Die Mutter pflegt das Archiv. „Manchmal lässt sie Schulklassen hineinschauen. Ich selbst hab vieles von den Wettkämpfen vergessen.“ Timo wirkt angekommen. „Ich durfte mein Hobby zum Beruf machen und habe alles erreicht. Diese Reise behalte ich für immer im Herzen.“
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