Hans-Georg Aschenbach war in den 1970er-Jahren einer der erfolgreichsten Skispringer der DDR. Seinen größten Triumph feierte er bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck, als er auf der Normalschanze Gold für die DDR gewann. Bereits zuvor hatte er nahezu alle wichtigen Titel eingeheimst, darunter den Skiflug-Weltmeistertitel 1973, den Gesamtsieg der Vierschanzentournee 1973/74 sowie Doppel-Gold bei der Nordischen Ski-WM 1974 in Falun von Normal- und Großschanze; im selben Jahr wurde er zum Sportler des Jahres der DDR gewählt.

Nach seiner aktiven Karriere studierte Aschenbach Medizin, arbeitete als Militärarzt und Mannschaftsarzt im DDR-Wintersport, bevor er 1988 in die Bundesrepublik floh und dort maßgeblich an der Aufdeckung des staatlich organisierten Zwangsdopings im DDR-Leistungssport mitwirkte. Später ließ er sich als Sportmediziner in Freiburg nieder, wo der 74-Jährige heute noch praktiziert. 2015 wurde er in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Frage: Herr Aschenbach, vor 50 Jahren holten Sie bei den Olympischen Spielen in Innsbruck Gold im Skispringen von der Normalschanze. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Hans-Georg Aschenbach: Vor Olympia hatte ich massive Probleme. Auf Drängen der DDR-Wissenschaftler musste ich in der Saisonvorbereitung ein neues Trainingsprogramm absolvieren, was mich komplett aus der Bahn warf. Außerdem hatte ich im Sommer eine Knie-OP. In Schweden hätte ich eine Arthroskopie machen können, aber so wertvoll war ich dem DDR-Staat nicht. Stattdessen wurde ich in die Charité nach Berlin geschickt und konservativ behandelt, was mich viel Zeit gekostet hat. Unter Schmerzen und mit Kniepunktion habe ich es zu Olympia geschafft. Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Auch beim Material hinkten wir den Österreichern hinterher. Die sprangen bei gleichem Anlauf 15 Meter weiter.

Frage: Wie war Gold dennoch möglich?

Aschenbach: Auf den letzten Drücker wurden Anzüge aus Miederstoff von Frauen-Unterwäsche gefertigt, vorn mit Strick versehen und hinten lackiert. So konnten wir Paroli bieten. Und beim Anlauf habe ich ein bisschen getrickst. Ich habe die Plattform oben auf der Schanze als verlängerte Anlaufspur genutzt. Die vier, fünf Meter mehr haben mir bestimmt einen km/h mehr Geschwindigkeit gebracht. So konnte ich den politischen Auftrag erfüllen und Gold für die DDR holen. (lacht)

Frage: Hatten Sie damals Kontakt zu West-Athleten?

Aschenbach: Die Richtlinie war: Die BRD-Sportler sind Feinde. Kontakt zu ihnen wird bestraft. Zu den Österreichern dagegen haben wir eine symbolische Sportfreundschaft gepflegt. Gespräche waren erlaubt. Es war ja ein Riesenstab an Inoffiziellen Mitarbeitern unterwegs. Sogar als ich kurz vor dem Springen auf die Toilette musste, haben mich zwei Zivilpersonen der Stasi verfolgt. Sie hatten Angst, dass ich kurz vor meinem Sprung abhaue. Dabei wollte ich mir unbedingt diese Medaille holen. Später bin ich dann ja doch abgehauen. Ich war schlauer als die Stasi.

Frage: Das Dopingprogramm der DDR ist umfassend dokumentiert. Haben Sie auch gedopt?

Aschenbach: Alle Kader waren in den staatlichen Plan zum Einsatz unterstützender Mittel im Leistungssport, wie es offiziell hieß, involviert – auch ich. Bis 18 wussten wir nicht, was wir bekommen. Es gab sogenannte Vitamincocktails, die wurden bei Lehrgängen abends in Schüsseln verteilt. Wir haben nicht weiter nachgefragt, was da drin ist. Mit 18 wurdest du von einer Kommission eingeweiht. Du musstest unterschreiben, dass du einverstanden bist. Sonst wärst du aus dem Kader geflogen. Vor Wettkämpfen mussten wir immer zur Kontrolle nach Kreischa. Wer einen positiven Dopingtest hatte, blieb zu Hause.

Frage: Welche Substanzen wurden verabreicht?

Aschenbach: Es wurden zwei Mittel eingesetzt: Oral-Turinabol in Tablettenform, die berühmten blauen Pillen, und Primobolan als Spritze. Heute weiß man, dass das für einen Skispringer kontraproduktiv war. Die DDR-Ärzte damals dachten, Kraft bringt Weite. Aber das war nicht so. Leicht fliegt besser. Und anabole Steroide sorgen immer für Gewichtszunahme. Sie haben uns richtig gemästet. Ich habe damals 72 Kilo gewogen bei einer Körpergröße von 1,75 Metern. Heutzutage undenkbar. Wenn ich aktuell Skispringer wäre, müsste ich 20 Kilo weniger wiegen, um eine Chance zu haben.

Frage: Liegt über Ihren Erfolgen ein Dopingschatten?

Aschenbach: Nein. Die anabolen Steroide waren ja, wie gesagt, kontraproduktiv, am Ende meiner Karriere wurden sie auch nicht mehr verabreicht. Nach meiner aktiven Zeit hat man versucht, mit Psychopharmaka den Zustand der Sportler vor dem Start zu optimieren. Allgemein werden mir die Erfolge der DDR-Sportler zu sehr auf Doping reduziert. Die Erfolge kamen nicht wegen Oral-Turinabol, sondern wegen der sehr guten Talentsichtung und -förderung sowie der hohen Motivation der DDR-Sportler.

Frage: Seit 2004 gibt es die BMI-Regel im Skispringen, die ein Mindestgewicht vorschreibt. Ist der Magerwahn trotzdem noch da?

Aschenbach: Ja, der Magerwahn ist immer noch da. Domen Prevc sieht nicht viel anders aus als früher Sven Hannawald und Martin Schmitt. Das Runterhungern ist brutal. Das macht dich zum kaputten Menschen. Ich schätze, viele Springer nehmen heute Ozempic, die Abnehmspritze. Die steht ja noch nicht auf der Dopingliste.

Frage: 1988 entschieden Sie sich zur Flucht. Warum?

Aschenbach: Es gab einige Gründe, auch private, weil es familiär nicht lief. Auch beruflich war ich unzufrieden. Ich hatte ja nach meiner Karriere Medizin studiert. Aber als Arzt wurde ich vom Staat ausgebremst, nur die Stasi-Ärzte wurden befördert. 1988 wurde ich Arzt der DDR-Skispringer und wurde vergattert, die Dopingpläne zu erarbeiten. Das wollte ich nicht. Einen Wettkampf in Hinterzarten habe ich dann zur Flucht genutzt.

Frage: Haben Sie die Goldmedaille von 1976 mitgenommen?

Aschenbach: Ja. Aber ich habe sie ziemlich schnell verkauft. Als politischer Flüchtling bekam ich 200 D-Mark Begrüßungsgeld, das war’s. Ich brauchte einfach Geld.

Frage: Was haben Sie vom Doping in der BRD mitbekommen?

Aschenbach: Nichts. Natürlich wurde auch im Westen gedopt, aber individuell von Sportlern und Trainern – und nicht vom Staat gesteuert. Und als ich rüberkam und als Arzt arbeitete, war das kein Thema mehr. Auch bei meiner Arbeit bei Professor Keul und Klümper in Freiburg nicht.

Frage: Was machen Sie heute?

Aschenbach: Ich lebe mit meiner Familie in Waldkirch-Kollnau in der Nähe von Freiburg und habe eine kleine Arztpraxis als Spezialist für Wirbelsäule und Gelenke. Die Menschheit wird immer älter, und ich versuche, die regenerativen Prozesse zu unterstützen.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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