Das Gewehr wiegt umher wie eine Boje bei starkem Seegang. Mit hämmerndem Puls schaffe ich nicht, es ruhig zu halten. So schnell die Scheibe in meinem Zielfernrohr erscheint, so rasch ist sie auch wieder weg. Erneut ansetzen, tief durchatmen, neu justieren und abdrücken. Ein Knall, die Patrone schießt aus dem Gewehr und schlägt ein. „Zu weit links, zu weit oben“, lautet die ernüchternde Analyse meines Trefferbildes.

Ich halte erstmals ein Gewehr in der Hand. Erschwerend kommt hinzu, dass ich Langlaufskier trage – Biathlon in Oberhof. Meine Trainer könnten nicht prominenter sein. Die dreifache Olympiasiegerin Kati Wilhelm dreht mit mir Runden, Staffel-Olympiasieger Peter Sendel verzweifelt an mir beim Schießen.

Sendel überreicht mir das Gewehr mit einem Satz, der meine Aufregung nicht lindert: „Vorsichtig, das Teil kann tödlich sein.“ Voller Respekt nehme ich das nur drei Kilogramm schwere Gewehr entgegen und höre ehrfürchtig zu. „Das Abzugsgewicht beträgt nur 500 Gramm. An der Schießbude hast du zwei Kilo. Dort wollen sie auch, dass es dich zur Seite drückt“, sagt Sendel.

Schießtraining für einen ehemaligen Zivi

Ein minimaler Druck des Zeigefingers reicht und der Schuss löst aus. Von den ersten fünf Schüssen im Liegen landet einer im Ziel. Sendel hilft mit einer Matte nach, auf die ich das Gewehr stützen kann. Schießtraining für einen ehemaligen Zivi. Mit Stütze funktioniert es besser, drei von fünf. Aber da stand ja auch noch kein Laufen auf dem Programm.

Wilhelm nimmt mich mit in die Loipe. Wir skaten, was die Sache nicht gerade einfacher macht. Die Olympionikin gibt mir wertvolle Tipps zum richtigen Stockeinsatz und zur perfekten Körperhaltung, bevor wir den Anstieg in der Halle erreichen. „Ganz wichtig ist die Arbeit im Rumpf. Beim Anstieg sollten Stock und Ski auf einer Seite immer gleichzeitig arbeiten“, sagt Wilhelm. Während ich alles dafür gebe, nicht stehenzubleiben, grinst sie sich den Hügel hinauf. Auf der Abfahrt kann ich mich nicht erholen, zu sehr muss ich mich darauf konzentrieren, nicht zu stürzen. Wilhelm gleitet durch die Kurve, ich fahre den Schießstand im 90-Grad-Winkel an.

Die Top-Athleten im Weltcup schaffen es, innerhalb von 20 Sekunden, die Stöcke abzulegen, das Gewehr vom Rücken zu nehmen, auf den Boden zu gehen, fünf Scheiben zu treffen und vom Schießstand in die Loipe zurückzukehren. Es gibt mit Sicherheit mehr als eintausend Gründe, warum ich nicht zu den Topleuten gehöre. Einer dürfte sein, dass ich über eine halbe Minute brauche, um mich aus den Schlaufen meiner Stöcke zu befreien. Nach endlosem Gefummel lasse ich mich auf den Boden plumpsen. Sendel überreicht mir das Gewehr, das Magazin ist mit fünf Patronen gefüllt.

Die Scheiben beim Liegendschießen haben ein Durchmesser von 4,5 Zentimetern – also nur etwas größer als ein Teelicht. Ich zittere so sehr, dass dort auch fünf Familienpizzen hängen könnten – ich würde sie nicht treffen. Die Anstrengung des Langlaufens und die Aufregung beim Schießen sind keine gute Kombination in Fragen der Treffsicherheit. Fehlschuss, neu durchladen, die Patronenhülse fliegt durch die Luft. Nächster Schuss, nächste Fahrkarte. Wenigstens einer der fünf Versuche sitzt.

„Bei fünf Treffern gebe ich einen Kasten Bier aus“

Nach einem weiteren kräftezehrenden Anstieg folgt die Abfahrt zum Stehendschießen. „Bei fünf Treffern gebe ich einen Kasten Bier aus“, sagt Sendel. Der Mann kann meine Fähigkeiten gut einschätzen, er geht kein großes Wettrisiko ein.

Ich soll mich hüftbreit hinstellen, den Oberkörper in Richtung Scheiben eindrehen und das Gewehr locker auf Daumen, Zeige- und Mittelfinger auflegen. Locker ist bei mir aber gar nichts, ich verkrampfe und merke, dass das Schießen im Stehen noch anspruchsvoller ist. Daran ändern auch die größeren Scheiben nichts. Es fällt mir noch schwerer, das Ziel ins Visier zu nehmen und das Gewehr ruhig zu halten. Die Atmung ist hektisch, die Beine zittern und das linke Auge bleibt nicht geschlossen – alles ist in Bewegung. Genauso, wie es beim Schießen nicht sein sollte.

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