„Und dann, zack, werfen sie ihre Pässe weg und verschwinden“
Wenn Russlands Sportminister und NOK-Boss Mikhail Degtyaryov seinem Präsidenten Wladimir Putin erklären muss, warum Sportler mit russischem Pass für andere Staaten Medaillen holen, auch bei Olympia, kann es hitzig werden.
Einer derer, die nach ihrem Staatenwechsel erfolgreich sind, ist Nikita Volodin. Der Eiskunstläufer, in St. Petersburg geboren, gewann mit der Berlinerin Minerva Hase bei den Olympischen Spielen in Mailand Bronze im Paarlauf. Im Spätsommer 2025 wurde er in Deutschland eingebürgert, hat seitdem zwei Pässe. Dass er seit 2022 mit einer Deutschen läuft und mit ihr Medaillen gewinnt, schmeckt in Russland nicht jedem.
Mit Hase holte Volodin WM-Bronze 2024, WM-Silber 2025, EM-Gold 2025, EM-Silber 2026 und nun Olympia-Bronze in Italien. Wie gefährlich lebt er in Berlin? Oder wenn er zu Besuch bei seiner Freundin und seiner Familie in Russland ist? Damit sein Risiko so gering wie möglich ist, schweigt Volodin zum Thema Russland und dessen Krieg gegen die Ukraine. Hase sagt: „Wir haben eine klare Meinung, aber die bleibt privat.“ Auch am Tag nach dem Wettkampf will er sich nicht zu dem äußern, was Degtyaryov vorhat.
Russlands Sportminister: „Hier darf es keine Kompromisse geben“
„Die Staatsbürgerschaft zu wechseln, ist purer Verrat. Und das ist meine Meinung, und sie ist richtig“, sagte der Minister Ende der vergangenen Woche. Nun will er, dass die betreffenden Sportler nicht mehr nach Russland einreisen können. Ob er solch einen Antrag in die Duma, das russische Parlament, einbringen wird, ist noch offen.
Allerdings sagte Degtyaryov: „Wir versorgen sie mit Essen, Bildung, Trainern und Sportanlagen. Und dann, zack, werfen sie ihre Pässe weg und verschwinden. Wenn wir ihnen alles nehmen, ihnen die Einreise und die Nutzung unserer Sportanlagen verbieten, dann haben wir unser Ziel erreicht. Das ist eine heikle Angelegenheit, aber hier darf es keine Kompromisse geben.“
Daher wird Volodin auch weiter schweigen und nicht verraten, ob er Angst vor derartigen Maßnahmen hat. Denn ansonsten könnte es unter Umständen Probleme für die Eltern geben, die mit der siebenjährigen Schwester, die Eisschnelllauf betreibt, ebenso in Russland leben wie die Freundin, die zurzeit in Mailand zu Besuch ist. Dasselbe gilt, sollte er öffentlich den Krieg verurteilen.
38 gebürtige Russen sind bei Olympia in verschiedenen Sportarten dabei. Sie alle stehen auf Degtyaryovs Liste. Dazu kommen natürlich auch andere Athleten aus anderen Sportarten, zum Beispiel viele Tennis-Stars. Wimbledon- und Australian-Open-Siegerin Elena Rybakina wechselte schon 2018 nach Kasachstan, Daria Saville 2016 nach Australien, wie im vergangenen Jahr Daria Kassatkina.
Anastassia Potapova spielt seit Jahresbeginn für Österreich, Alexander Bublik und Alexander Schewtschenko längst für Kasachstan, Polina und Weronika Kudermetova seit Januar für Usbekistan. Varvara Gracheva ist seit 2023 für Frankreich startberechtigt.
Bei der Tour de France war Pavel Sivakov mehrmals am Start, erst als Russe, nun als Franzose. Mikhail Yakovlev startet inzwischen als Israeli. Shorttracker, Eisschnellläufer, Schwimmer, Schachspieler, Boxer, Fußballer – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Und Degtyaryov kocht.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in BILD veröffentlicht.
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