Ilia Malinin war neben den NHL-Größen und Lindsey Vonn der Superstar der Spiele, noch bevor sie begannen. Jetzt ist er die tragische Figur. Der mit 21 Jahren noch so junge, aber bereits so prägende Amerikaner war der scheinbar sicherste Goldkandidat der Winterspiele von Mailand. Seit zwei Jahren nicht besiegt, Weltmeister 2024 und 2025 und zu einem Vierfach-Spektakel in der Lage, an das kein anderer Eiskunstläufer heranreicht. Dann fiel er bei seinen ersten Olympischen Spielen in der Kür am Freitagabend von Rang eins auf acht zurück. Stürze, Fehler, Unsicherheiten – die Welt sah einen Malinin, von dem sie nicht wusste, dass es ihn gibt.

Was war da los? Was bedeutet das? Wie geht es weiter? Und davon ab: Was macht Ilia Malinin zu dem Grenzensprenger, der er trotz dieser Kür ja ist? Ein Gespräch mit dem ehemaligen Eiskunstläufer und zweimaligen Deutschen Meister Daniel Weiss, der die Kür für die ARD live kommentierte.

WELT: Herr Weiss, Ilia Malinin ist in der Kür zerbrochen. Wie haben Sie das erlebt?

Daniel Weiss: Dieses verzerrte, fast mumifizierte Gesicht von Ilja nach der Kür, dieser tiefe Schmerz – das hat mich ganz tief im Herzen getroffen. Es tut mir unfassbar leid für ihn. Ich saß gestern Abend noch bis zwei Uhr nachts mit Katarina Witt und den ARD-Kollegen zusammen – alle waren angegriffen. Wenn es schon den Zuschauern und Experten so geht, willst du dir gar nicht ausmalen, was in dem Umfeld des Sportlers, in Ilia vor allem und den Eltern vorgeht. Wie will man diesen Jungen wieder aufrichten? Ich hoffe, sein Umfeld fängt ihn auf. Ich habe versucht, seinen Manager anzurufen. Ein guter Freund von mir, immer erreichbar, aber derzeit nicht. Da kann ich nur erahnen, was gerade los ist.

WELT: Sie sagten im Fernsehen, dass Sie Sorge haben, dass Malinin das gut verarbeiten kann. Wie meinen Sie das?

Weiss: Ich hoffe einfach, dass nicht nach dem Motto gehandelt wird: „Es wird sich schon von selbst regeln.“ Denn ich glaube, so einfach wird es nicht sein und dass er in den Arm genommen werden muss. Ich hoffe, seine Mama oder sein Papa tun das, denn solch ein Erlebnis kann einen psychischen Riss bewirken. Ich weiß, wie man sich als Sportler gefühlt hat, wenn eine Kür misslingt, aber es so zu verhauen, einen Olympiasieg so zu verschenken und so schlecht zu laufen – das ist eine ganz andere Nummer.

WELT: Was war da los?

Weiss: Es kamen viele Dinge zusammen, wenn du das über Wochen beobachtet hast. Da war dieser kleine schwarze Mann, der langsam in sein Ohr gekrochen ist, der ihm dann plötzlich am Anfang der Kür zuflüstert, ob heute alles gutgehen kann. „Was ist, wenn doch nicht alles gutgeht?“ Das hast du ihm angemerkt. Schon beim vierfachen Flip war der Absprung nicht optimal. Das hat er aber noch gut hinbekommen, sodass ich dachte: Alles klar, jetzt fängt er sich. Denn vor dem Flip hat er immer etwas Angst, weil der für ihn, so sagt er, schwieriger sei als der Axel. Und dann misslingt der Anlauf zum vierfachen Axel … Danach hat er sich nicht mehr in den Griff bekommen.

WELT: Malinin ist der erste und einzige Eiskunstläufer, der den Vierfach-Axel je in einem Wettkampf sauber gestanden und im Repertoire hat. Der schwierigste Sprung überhaupt, weil er vorwärts angefahren wird und so noch eine halbe Drehung mehr verlangt. Nun ging es aber völlig daneben: einfach statt vierfach.

Weiss: Ich glaube, da war dieser schwarze Mann, diese dunkle Stimme ganz tief in ihm drin, die gesagt hat: „Oh shit, ich muss aufpassen.“ Wenn du aber mit Angst läufst, ist es das Schlimmste, was dir passieren kann – das schafft keiner. Dann geht dir hinten komplett die Luft aus. Und das ist ihm passiert. Wenn du so viele Fehler machst, kommt natürlich auch von der Kunst nichts mehr durch.

WELT: Man sah, wie seine Kräfte schwanden. Völlig untypisch.

Weiss: Durch diesen Kampf, den er führte, durch diese Schnappatmung, durch die trockene Luft in der Halle – da kam viel zusammen. Und dann noch der Druck und die Angst. Da ging ihm in der Mitte der Kür die Kraft aus. Im Internet sah ich die Diskussion, ob das Eis schlecht war. Nein, das halte ich für völlig falsch. Es hat schon oft Wettbewerbe wie diesen gegeben. 2018 übrigens in derselben Halle: ein Sturzfestival der Männer bei den Weltmeisterschaften damals. Das passiert immer wieder. Und das ist auch – in Anführungsstrichen – die Schuld von Malinin.

WELT: Weil er neue Maßstäbe setzt und die anderen versuchen, zumindest halbwegs mitzuhalten?

Weiss: Alle haben ihn als Vorbild und wissen: Wenn sie nicht vierfach springen, kommen sie überhaupt nicht an ihn heran. Dann passieren natürlich Fehler. Ich habe die Liste von Yūma Kagiyama gesehen, was er vorhat, und dachte nur: Warum geht er so ein hohes Risiko von Sprüngen ein, die er nicht mal sicher kann? Aber das ist die Jagd nach Malinin. Weil alle wissen, dass sie sonst keine Chance haben. Wäre Ilia auf sicher gelaufen, hätte er einfach ein schönes Programm gezeigt, wäre er Olympiasieger geworden.

WELT: Was ja auch wiederum für ihn spricht. Dass er das Gold nicht einfach sicher nach Hause bringen, sondern zeigen wollte, was er kann.

Weiss: Ja, aber manchmal muss man als Trainer auch seinen Sportler gut leiten. Aber klar, der Trainer wusste nicht, was Malinin am Ende wirklich macht. Er ist ja als Letzter gelaufen. Insofern sind alle am Ende immer klüger, ich auch. Aber ganz klar: Das war die größte Katastrophe, die es je im Eiskunstlauf bei Olympischen Spielen gegeben hat. Dazu gibt es keinen Vergleich.

WELT: Stichwort Kraft, die ihm ausging. Es gab nur einen weiteren Sportler – den Georgier Nika Egadse –, der vor der Einzelkonkurrenz auch im Teamwettbewerb Kurzprogramm und Kür lief. Und das bei Malinins Sprungpensum. Ihr erster Impuls war: Das spielte mit hinein. Bleiben Sie dabei?

Weiss: Ich bin davon überzeugt. Aus meiner Sicht war das eine große Fehlentscheidung. Der amerikanische Verband wollte unbedingt Olympiagold im Team holen und bat ihn inständig, beide Programme zu laufen. Ich hatte vorher mit seinem Manager darüber gesprochen, aber er sagte sinngemäß: „Das kann er schon. Die haben sich dafür entschieden.“ Vier Wettkampfprogramme in einer Woche sind etwas anderes, als dreimal die Woche im Training eine Kür durchzulaufen. Im Wettkampf unter der Anspannung und Beobachtung ist es eine komplett andere Belastung. Und dann lief ja das Kurzprogramm im Teamwettbewerb nicht gut. Das hat alles Spuren hinterlassen. Malinin hat gemerkt: Ich bin verletzbar. Das wusste er zwar vorher auch, aber er hatte sich immer auf sich verlassen können, dass er in der Kür zurückkommt. All das zusammen genommen mündete in dem, was gestern Abend passierte. Ich bin mir sicher, dass Malinin im olympischen Teamwettbewerb in vier Jahren nicht mehr mit zwei Programmen antreten wird.

WELT: Er hat sich danach sofort dem US-Fernsehen, aber auch weiteren Medien gestellt. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Weiss: Ich finde, die Größe muss man erst mal haben, um direkt danach zuzugeben: Ich war heute einfach schlecht, ich habe es vermasselt. Er hat da sehr emotional und ehrlich erzählt.

WELT: Wie wird er zurückkehren? Was erwarten oder erhoffen Sie?

Weiss: Wir werden ihn wiedersehen, da bin ich mir sicher. Er ist 21 Jahre alt, wird daraus lernen und noch stärker zurückkommen. Die Entwicklung insgesamt in diesem Sport ist einfach verrückt – gestern ist Malinin an seinem eigenen Tempo gescheitert, aber er ist der Maßstab aller Dinge. Daran ändert diese Olympia-Kür nichts, weil er weiterhin der einzige Mensch ist, der diese Vierfachen so beherrscht.

WELT: Welche Bedeutung hat er für das Eiskunstlaufen? Er selbst sagt, er will der neuen, moderneren Generation helfen zu verstehen, was Skaten bedeutet.

Weiss: Malinin beweist, dass es keine Grenzen gibt, noch weiterzugehen. Vor 30 Jahren, als die ersten Vierfachen gezeigt wurden, war unvorstellbar, dass jemand irgendwann einmal alle zeigen könnte. Und er will ja auch den ersten Fünffachen zeigen. Es ist ein klares Signal: Alles ist möglich. Ich finde auch, dass er ein wunderbar moderner Künstler auf dem Eis ist.

WELT: Der Hype um ihn ist groß. Hat er das Eiskunstlaufen auf ein neues Level an Aufmerksamkeit gehoben? Oder zumindest auf eines, das es lange nicht mehr gab?

Weiss: Ja, definitiv. Malinin und was er leistet, fasziniert auch Menschen, die mit Eiskunstlaufen normalerweise nichts zu tun haben. Seine Kür aus Nagoya (dort erreichte er eine Weltrekord-Punktzahl, die Red.) war übrigens in den Sozialen Medien der ARD das meistgesehene Video des kompletten Jahres 2025. Vor der Nationalmannschaft und Fußball und allem, was da war. Weil auch die jungen Menschen darauf zugreifen, weil sie enorm fasziniert sind von ihm. Das habe ich in dieser Form in den letzten Jahren nicht erlebt.

WELT: Was genau fasziniert Sie persönlich an Ilia Malinin?

Weiss: Die Sprunggewalt. Es ist nicht nur, aber vor allem die Sprunggewalt, die ihn auszeichnet. Er fasziniert – normalerweise – durch eine unfassbare Präzision in den Vierfachsprüngen. Diese Sprünge hintereinander zu reihen, dazu in dieser für ihn sonst typischen Leichtigkeit, ist enorm. Er hat sich aber auch im Künstlerischen, in den eisläuferischen Fähigkeiten enorm verbessert. Das ist ihm wichtig. Er sagt, er will da Anerkennung finden. Aber klar: Er definiert sich über seine Vierfachsprünge.

WELT: Sie sprechen den künstlerischen Aspekt bei Malinin an. Wie viel Luft nach oben ist da noch?

Weiss: Ich glaube, da ist schon ein bisschen Luft nach oben. Aber ich nehme ihm das nicht übel, denn er macht zwar aus großer Leichtigkeit diese Vierfachsprünge wie kein anderer, aber dennoch braucht es eine Vorbereitung zu dem Sprung. Und dadurch gehen einige Sekunden verloren, die man nicht in Kunst investiert. Mittlerweile hat er aber eine unglaubliche Selbstsicherheit gewonnen, sodass er in diesem Jahr viel mehr Kunst einbaut als zuvor. Und das finde ich das eigentlich Bemerkenswerte an ihm, dass er immer mehr Kunst einbaut, weil er merkt, dass er das in kurzer Vorbereitung trotzdem schafft, ohne sich 30 Sekunden im Anlauf auf einen Sprung vorzubereiten. Das hebt ihn ab. Und da gibt es auch in der Szene absolut hohe Anerkennung.

WELT: Wie schafft er das, was vorher keiner schaffte? Ist es anderes Training? Ist es mehr Training? Hat er andere Voraussetzungen?

Weiss: Ich habe darüber auch nachgedacht und bin sehr schnell bei der Beobachtung der Szene auf einen klaren Aspekt gekommen. Das hatte ich schon vor vier Jahren mal bei Valieva und den jungen Russinnen angemerkt: Sie haben spindeldürre Körper, die noch keine weiblichen Formen haben. Dadurch kann man irrsinnige Drehgeschwindigkeiten erreichen. Auch deswegen hatten Katharina Witt und ich damals sehr stark dafür plädiert, endlich das Alter anzuheben – damit eine Wettbewerbsgleichheit herrscht.

WELT: Bei den Männern ist es aber allein schon wegen der körperlichen Entwicklung etwas anders, oder?

Weiss: Das stimmt zwar, aber schauen Sie sich Malinin an, den jungen Esten, die Brüder Selevko oder all jene, die richtig gut mehrere Vierfache zeigen. Oder Daniel Grassl. Sie haben alle ähnliche Körper: lange Beine, schmaler Oberkörper, kein Gramm Fett. Sie müssen so gebaut sein, um sich in der Luft sehr klein machen zu können und diese irrsinnigen Drehgeschwindigkeiten zu erreichen. Vor 20, 25 Jahren, als ich gelaufen bin, war das undenkbar – trotz der Tatsache, dass es in der Konkurrenz hier und da ähnliche Körper gab. Aber wir hätten uns das auch gar nicht zugetraut, doch auch das hat sich verändert. Außerdem haben sich die Schlittschuhe und die Sprungtechnik verändert. Hinzu kommt: Malinin, so heißt es, trainiert härter als alle anderen.

WELT: Den Gesamtweltrekord und jenen fürs Kurzprogramm hält er noch nicht, sondern Peking-Olympiasieger Nathan Chen. Was hat er noch besser gemacht?

Weiss: Nathan Chens Trainerteam hat ihn damals wirklich zum Künstler gemacht. Ich war am Anfang nicht so überzeugt von ihm, aber dann haben seine Trainer und Choreografen mit ihm einen Stil gefunden, der unglaublich faszinierend war. Und er hat eine unglaublich faszinierende Waage gefunden zwischen absoluten Höchstschwierigkeiten, richtig tollem Kunstlaufen und dem Erzählen von Geschichten. Das hat er noch perfekter geschafft als Malinin, aber mittlerweile ist Malinin da ganz nah dran. Es ist nur noch eine Nuance, um den Rekord zu durchbrechen.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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