Im Januar vor fünf Jahren war es, da zog er einen Schlussstrich. Er hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon fast drei Jahre nicht mehr im Ring gestanden. Was also nur noch fehlte, war das offizielle Verkünden des Karriereendes – und das tat Arthur Abraham schließlich am 21. Januar 2021. Nach 90 Boxkämpfen als Amateur, von denen er 81 gewann, und nach 53 Kämpfen als Profi, von denen er 47 erfolgreich gestaltete, ging der mehrmalige Weltmeister quasi in Rente.

Der 45-Jährige ist dem Boxen aber bis heute treu geblieben. Er kämpft zwar nicht mehr selbst, gibt dafür aber seine Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. Der Familienvater, der 2006 in einem kontrovers diskutierten Kampf in Wetzlar die letzten acht Runden bei seiner Titelverteidigung stark blutend mit doppelt gebrochenem Unterkiefer bestritt, blickt auf eine bewegte Karriere zurück – in die er als Gast im WELT-Podcast WELTMeister tiefe Einblicke gab. Ein kleiner Auszug.

Arthur Abraham über...

… über sein neues Leben

Ich trainiere immer noch viel in der Woche – mal 34-mal, mal auch nur fünf Mal. Ich kümmere mich um meine Familie, denn ich habe drei Kinder, mit denen ich viel Zeit verbringen möchte. Da versuche ich etwas nachzuholen, denn durch das Boxen war ich früher viel weg. Ich kümmere mich auch um meine Mama – und meine Geschäfte. Ich habe in Hotels investiert – und bekomme Anfragen von Firmen, bei denen ich Motivationstraining mache. Das heißt, dann spreche ich zu Menschen, die entweder keine Lust haben zu arbeiten oder ganz unten sind. Dann pushe ich sie hoch, so wie mein Trainer mich früher nach oben gepusht hat. Ich habe selbst viele Stresssituationen erlebt und weiß, wie man sich durchboxen, nach oben kommen und wieder zu Kraft kommen kann. Aber es geht bei meinem Training nicht nur um das Mentale, auch um das Körperliche – viele Menschen sitzen heutzutage sehr viel. Das stresst vor allem den Rücken. Es ist wichtig, sich zu bewegen und bestimmte Muskeln zu stärken.

… über seine Liebe zum Boxen

Es gab für mich immer diese eine Motivation: wenn du im Ring bist und bis zu 15.000 Menschen jubeln dir zu. Sie sind für dich da – und dann zeigst du ihnen, dass du der beste Mensch, der beste Boxer auf der ganzen Welt bist. Deine Hand wird am Ende des Kampfes hochgehoben. Das kann man nicht mit Geld kaufen, das muss man sich mit Schweiß und Blut erarbeiten.

… die Liebe zu seinen Kindern

Es gibt nichts Schöneres als meine drei Kinder in den Arm zu nehmen, deshalb versuche ich meine Termine morgens nicht zu machen, so dass ich Zeit für sie habe, denn nichts ist wertvoller als die Zeit, die ich mit ihnen habe.

… über Entbehrungen

Ich habe natürlich als Box-Weltmeister gut verdient. Das weiß ich. Aber ich hatte keine Jugend. Ich war 7,8 Monate im Trainingslager. Unser Zimmer war vielleicht 15 Quadratmeter groß, ein Badezimmer. Wir haben am Tag dreimal trainiert – 7 Uhr, 10.30 Uhr und 17 Uhr. Dann Sauna und Massage. 20.30 gab es Abendessen, das war es. Und das jeden Tag. So ist unser Leben vergangen. Unsere Jugend haben wir in einem Zimmer verbracht – im Jogginganzug. Wir haben nicht mal eine Jeans angezogen, weil es keine Zeit gab, irgendwo anders hinzugehen. Außerdem durften wir das nicht. Da hat unser Trainer Ulli Wegner auch aufgepasst. Trainieren, essen, schlafen – so lief das ab. Jeden Tag.

… über Laufeinheiten

Wir sind viel gelaufen. Zehn Kilometer täglich – immer unter 45 Minuten musste das sein, wenn nicht, gab es Probleme. Meine Zeit war immer die beste von allen. Ich habe es immer in 39 Minuten geschafft.

… über Schmerz und Disziplin

Das hat mir mein Trainer beigebracht. Ich war anfangs nicht so diszipliniert wie viele andere Sportler, aber er hat mich gezwungen, diszipliniert zu werden – und er hat mir beigebracht, wie man mit Schmerz umgeht. Schmerz kann man mit dem Kopf steuern. Wenn du etwas willst und eine Einstellung zum Siegen hast, dann gibt es keinen Schmerz. Auch wenn dein Finger gebrochen ist – egal, es geht weiter. Als ich damals im Kampf meinen Kiefer gebrochen hatte, habe ich mein eigenes Blut getrunken, so dass der Ringrichter nicht sieht, dass so viel Blut da ist. Ulli Wegner hat immer gesagt: „Junge, das sind nur 36 Minuten. Du musst das aushalten. Danach kannst du stolz sein auf dich.“ Aber es war schwer.

… über seinen Werdergang

Mit 15, das war 1990, bin ich mit meinen Eltern aus Armenien zu meiner Tante nach Bayern. Ich war erst Radfahrer, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich Mittelmaß bin und nicht das Talent habe, wie Jan Ullrich zu werden. … Und ja, dann habe ich Box-Kämpfe geschaut. Den, in dem Mike Tyson Evander Holyfield ins Ohr gebissen hat. Ich war so motiviert und wollte auch vor ganz vielen Zuschauern boxen. Mit 16 habe ich dann beim ETSV 1930 angefangen. Nach zwei Jahren waren mein Bruder und ich internationaler Deutscher Meister, Bayerischer Meister, Frankenmeister, Süddeutscher Meister. Es ging ja sehr schnell, sehr schnell. … Nachdem wir zwischenzeitlich wieder in Armenien waren und ich dort zur Armee musste, habe ich geschaut, wie ich in Deutschland als Boxer Fuß fassen kann. Ich habe mich beim Boxstall von Wilfried Sauerland vorgestellt. Es waren viele gute Boxer da, aber Uli Wegner hat es gefallen, was ich im Sparring gemacht habe. Dann haben sie mir für zwei Wochen einen Vertrag gegeben, der wurde dann noch einmal um zwei Wochen verlängert, um weitere vier und dann noch einmal um zwei Monate. Ich war ein guter Sparringspartner für Boxer wie Sven Ottke oder Markus Beyer. Aber irgendwann meinte ich zu Uli Wegener, dass ich kein Sparringspartner mehr sein möchte, sondern selbst boxen will. Nach einer dreimonatigen Probezeit hat er mir einen Profivertrag gegeben. Dann bin ich noch einmal zurück nach Armenien, da ich nur ein Touristenvisum hatte und nun ein Arbeitsvisum brauchte.

… über den blutigen Kampf 2006

Ich habe dem Trainer gesagt, dass mein Kiefer gebrochen ist – und der Uli hat gesagt: Nichts ist gebrochen, mach weiter. Am Ende konnte ich nicht mal mehr den Gürtel halten. Ich habe ihn meinem Bruder gegeben und bin dann zur Kabine gelaufen. Da war schon eine Liege vom Krankenwagen vorbereitet, dann haben sie mich gespritzt und ein paar Minuten später habe ich schon geschlafen. Am nächsten Tag bin ich aufgewacht. Da war die OP schon vorbei. Die haben mich quasi direkt ins Krankenhaus gebracht, wo mich Professor Doktor Hell operiert hat. Ein super Professor, mit dem bin ich bis heute gut befreundet. Aber nach der OP hat er gesagt: „Arthur, dein Nerv ist kaputt, du wirst diesen Bereich niemals spüren“ Arthur Abraham zeigt im Gespräch auf den linken Mundwinkel.

… über einen möglichen Job als Boxtrainer

Ganz ehrlich, ich kann kein Trainer sein. Ich war als Sportler sieben bis acht Monate im Jahr im Trainingslager, das müsste ich als Trainer ja dann auch. Das will ich nicht. Doch ich kann mir vorstellen als Manager zu arbeiten. Ich möchte helfen, das Boxen in Deutschland wieder nach oben zu bringen. Ich brauche nur ein paar gute Investoren. Wenn ich die finde, dann werde ich als Manager arbeiten, denn ich habe mich jetzt gut erholt. … Boxen ist mein Leben, ich liebe es. Wenn du zum Boxen gehst, bist du ein ganz anderer Mensch. Andere können sich vielleicht nicht vorstellen, wie geil das ist – wenn du so viele Monate für ein paar Runden im Ring trainiert hast.

Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet seit 2004 über die Nationalmannschaft, war bei sechs EM- und fünf WM-Turnieren. Zudem schreibt er über DFB- und Bundesliga-Themen – und ist mit Lutz Wöckener Host des Podcasts WELTMeister.

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