Das Auftakt-Wochenende der Olympischen Winterspiele markierte auch die ersten beiden Auftritte eines neuen Superstars: Ilia Malinin, 21 Jahre alt, Eiskunstläufer vom anderen Stern, Kür-Weltrekordhalter und der einzige Athlet, dem bisher der vierfache Axel in einem Wettbewerb gelungen ist. Man nennt ihn auch den Vierfach-Gott. Beim Kurzprogramm des olympischen Team-Wettbewerbs in Mailand schlichen sich bei ihm noch Fehler ein, und auch bei der Kür am Sonntag wirkte er nicht immer souverän, sicherte Team USA am Ende aber Gold.

Dienstag kommt es dann für ihn allein darauf an: Ab 18.30 Uhr steht das Kurzprogramm im Einzelwettbewerb auf dem olympischen Programm, Freitag die Kür. Sein Kurzprogramm läuft Malinin zu „Dies Irae“ von Náttúra featuring Vila und im zweiten Teil zu „The Lost Crown“ von 2WEI, Joznez und Kataem. Letzteres stammt vom Trailer-Soundtrack des Videospiels „Prince of Persia“ und aus deutscher Feder. Dahinter stecken ein Hamburger und sein Team sowie ein Berliner: Simon Heeger, Mitgründer der Komponistengruppe 2WEI, und Joznez, Produzent und Künstler, der unter anderem mit A$AP Rocky, Capital Bra und Bushido gearbeitet hat.

2WEI sind vor allem für Trailer-Musik bekannt. Ihre Tracks wurden beispielsweise in Trailern und Filmsequenzen für Wonder Woman, Tomb Raider und Mad Max verwendet. Dabei fing alles einst mit Sport in Nordhorn an. Heute sind sie in den großen US-Ligen präsent. Jetzt also die olympische Bühne.

WELT: Herr Heeger, sind Sie jetzt Eiskunstlauf-Fan?

Simon Heeger: Dass unsere Musik bei den Olympischen Spielen genutzt wird, habe ich tatsächlich erst von Ihnen erfahren. Mir wurde zwar mal gesagt, dass ein bekannter Eiskunstläufer zu „The Lost Crown“ von uns läuft, aber ich hatte das, ehrlich gesagt, nicht weiter verfolgt. Und dann auch nicht an die Winterspiele gedacht. Das ist schon großartig! Wir wollten ursprünglich einfach nur Musik für Marken und für ein paar wichtige Kunden machen, aber irgendwann ist eine Eigendynamik entstanden, mit der wir nie gerechnet hatten. Einige amerikanische Sportmannschaften sind sogar auf uns aufmerksam geworden. Das ist irre.

WELT: Malinin setzt neue Maßstäbe, es gibt einen Hype um ihn. Bei den Winterspielen in Mailand ist er der große Star. Und: Meistens sucht er sich seine Musik selbst aus.

Heeger: Richtig cool. Das wusste ich wirklich nicht. Wir freuen uns natürlich immer, wenn unsere Musik genutzt wird, denn das ist ja eigentlich unsere Mission: Wir wollen mit unserer Musik Menschen bewegen – und in diesem Fall kann man das ja wirklich wortwörtlich nehmen. Das ist super schön, ich freue ich mich total. Dass solche Superstars wie jetzt Malinin unsere Musik nutzen, ist unvorstellbar cool. Eigentlich ist das alles übrigens kurios, wenn ich mich daran erinnere, wie es anfing.

WELT: Erzählen Sie.

Heeger: Im Studium habe ich damals mit meinem Kumpel meine erste Firma gegründet – sie hieß sportsongs.de. Und sie war sehr unerfolgreich. Wir dachten, wir schreiben Songs für Sportvereine und verdienen damit ganz viel Geld. Ich kam aus Nordhorn, und unser erster Kunde – und wie sich später herausgestellt hat, einziger Kunde – war die HSG Nordhorn. Wir haben vielleicht 5000 Euro verdient und dachten: Jetzt werden wir reich! Und dann ist nie wieder irgendetwas passiert. Dass jetzt so viele Sportvereine und jemand wie Malinin auf uns zukommen, ist deshalb speziell. Monetär haben wir übrigens nichts von seinem Kurzprogramm.

WELT: Weil der Song aus einem Videospiel kommt?

Heeger: Genau, das ist kein Song, den wir einfach so geschrieben haben, sondern es war eine Auftragskomposition für das Computerspiel „Prince of Persia“ von dem Game-Publisher Ubisoft. Jemand von ihnen hatte mir auch wegen des Eiskunstläufers Bescheid gegeben. Wenn unsere Musik in TV-Shows, Trailern oder für Football-, Eishockey- oder Baseball-Hymnen genutzt wird, rechnet das in den meisten Fällen unser Label für uns ab. Bei Malinins Kurzprogramm freuen wir uns einfach sehr über ein bisschen Fame.

WELT: Ist das in irgendeiner Form spürbar?

Heeger: Ich schaue gerade mal auf die Entwicklung der Streams des Songs. Da sehe ich, dass es im November auf jeden Fall einen Boost für uns gab.

WELT: Das passt mit den ersten Grand-Prix-Wettbewerben.

Heeger: Dieser Boost hilft natürlich unseren anderen Songs. Es werden mehr Leute auf uns aufmerksam.

WELT: Wie ist denn die Entstehungsgeschichte dieses Songs – wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Heeger: Ursprünglich waren wir mal zwei Leute, zwei Freunde, die sich im Studium kennengelernt haben und zusammen Musik machen wollten. Jetzt sind wir ein größeres Team. Wir suchen immer für den richtigen Auftrag die richtigen Composer. Oft sind diese in-house, aber immer mal wieder, und in diesem Fall war es so, suchen wir uns Leute, die am besten in dem sind, was wir brauchen.

WELT: Sie sprechen von Joznez.

Heeger: Ein ultralieber Typ aus Berlin, der die krassesten Gangsterbeats für Farid Bang und Kollegah und andere macht. Das Briefing des Auftraggebers lautete: heavy drum mit orchestralen Elementen; Letzteres ist unser Part. Da war klar, dass wir Joznez dafür gewinnen möchten, mit dem wir schon andere Songs gemacht hatten, sowie Kataem, ein junger, sehr begabter Rapper aus Kanada.

WELT: Und was sagen Sie zu Malinins Choreographie?

Heeger: Die Choreographie hat mich umgehauen! Es ist schon eine Weile her, dass ich mich mit Eiskunstlauf beschäftigt habe. Die Maßstäbe, die Malinin setzt, sind wirklich beeindruckend.

WELT: Einmal zum Verständnis: Wie arbeiten Sie?

Heeger: Wir erstellen Musik zwar auch für Fans und Zuhörer, aber in erster Linie für Sync, also zur Lizenzierung. Manchmal komponieren wir auch direkt als Auftrag für Kunden, die Musik für ihr Battlefield-Game, für Call of Duty oder Ähnliches suchen. Aber zu 50 Prozent machen wir einfach ein Album, releasen das auf Spotify und hoffen, dass es von den jeweiligen Entscheidern gehört und lizenziert wird für Trailer, Games, Werbung, Netflix-Shows etc. Dafür arbeiten wir mit einem Label in Los Angeles zusammen, das mit unserer Musik quasi shoppen geht. Sie geben die Musik zu den Entscheidern und hoffen, dass es auf Hollywood-Trailern läuft. Und das ist zum Glück schon oft passiert.

WELT: Und Ihre beachtliche Fan-Base ist ein Zufall?

Heeger: Es fing vor einigen Jahren mit einem „Survivor“-Cover-Song an, der auf einem großen „Tomb Raider“-Trailer lief. Dadurch wurden etliche Menschen auf uns aufmerksam und hörten auf einmal auch unsere Musik, ohne dass es einen Trailer dazu gab. Sie haben sich das einfach bei Spotify und auf YouTube angehört – plötzlich hatten wir eine Fan-Base, mit der wir nie gerechnet und auch gar nicht geplant hatten. Das war natürlich eine schöne Entwicklung.

WELT: Wie kam Hollywood ursprünglich mal auf Sie?

Heeger: Wir haben vor acht Jahren Musik gemacht für einen Trailer – es war ein ziemlich großer Pitch und es hieß, unsere Chancen seien gering. Und dann hat es doch geklappt! Das war ein Cover des Destiny Child-Songs „Survivor“. Dieser Song hat uns unglaublich viele Türen geöffnet. Auf einmal waren wir die Trailer-Cover-Dudes aus Hamburg, die auf Hollywood-Ebene Musik machen für die größten Trailer. Und dann haben wir ein ganzes Cover-Album gemacht – auf einmal haben auch viele Leute zu unserer Musik Tanz-Videos gemacht, was ein witziger Side-Fact war. Und viele fragten: Dürfen wir die Musik nutzen? Ich glaube, es gab schon mehrere Eiskunstläufer, die dazu gelaufen sind.

WELT: Sie erwähnten amerikanische Sportmannschaften. Hört man Ihre Musik also in der NBA?

Heeger: Die Lakers nutzen regelmäßig Musik von uns, wenn sie einlaufen. Das ist ebenfalls ein Track mit Joznez und Kataem und heißt „Ready For War“. An dem Song verdienen wir auch regelmäßig mit. Inzwischen schreiben wir zum Beispiel direkt für die New York Mets, die New York Rangers, die Vikings und diverse NHL-Mannschaften. Unsere Musik ist mittlerweile sehr im Tanz und Sport verankert, weil man sich gut dazu bewegen kann. Sie ist sehr drumlastig, es gibt viele Schlagzeugpassagen.

WELT: Wie läuft das? Die Lakers melden sich bei Ihnen oder dem Label und fragen, ob Sie dies oder jenes nutzen können? Und meistens wissen Sie, wo was von Ihnen läuft?

Heeger: Oft treten sie mit unserem Label in Kontakt, aber wir machen auch viele Auftragskompositionen direkt mit den Marketingteams der Klubs. Wir bekommen vierteljährliche Abrechnungen von unserem Label, es kann aber auch mal sein, dass wir unsere Musik hören und überrascht sind. So haben wir tatsächlich von unserem ersten Trailer-Placement erfahren. Mein Partner und ich waren im Kino und wollten einen Film sehen, davor kam ein „Wonder Woman“-Trailer. Und wir hörten, dass unsere Musik dafür genutzt wird. Das war unser kleiner Rockstar-Moment – wie bei Musikern, die das erste Mal ihren Song im Radio hören. Wir sind durchgedreht und haben das gefeiert.

WELT: Von welchem Sportteam hätten Sie denn gern eine Anfrage?

Heeger: Ich habe lange in L.A. gewohnt, deshalb hat mich das mit den Lakers total begeistert. All diese großen US-Teams sind besonders. Aber sagen Ihnen die Hamburger Goldkehlchen etwas?

WELT: Ein Hamburger Chor?

Heeger: Mit ihnen habe ich einen Song für den HSV geschrieben. Mit einer anderen Band, die ich hatte, habe ich mal einen Song für Werder Bremen geschrieben. Es ist eine bunte Mischung.

WELT: Und Ihr Traum?

Heeger: Eigentlich habe ich kein bestimmtes Ziel. Aber es wäre natürlich großartig, irgendwann einmal die Musik für die Olympischen Spiele zu schreiben. Oder für eine Fußball-Weltmeisterschaft. Oder, wer weiß, irgendwann für den Superbowl. Diese großen orchestralen Themen. So etwas zu schreiben, wäre mein absoluter Traum.

WELT erreichte auch Joznez. „Natürlich ist es zunächst einmal eine Ehre, wenn ein Athlet auf diesem Niveau einen Song verwendet, den man produziert hat. Meine Musik wird zwar immer wieder in verschiedenen Sportarten eingesetzt, aber es ist das erste Mal, dass ich bewusst mitbekomme, dass sie im Eiskunstlauf verwendet wird.“ Umso spannender findet er es, wie „Musik in einem völlig anderen Kontext stattfinden kann“.

Mit Eiskunstlauf hatte auch er zuvor keine Berührungspunkte. „Deshalb war das für mich eine ganz neue Perspektive auf den Song“, sagt der Berliner. „Ich finde es grundsätzlich toll, wenn Musik in unterschiedlichen Sphären und Sportarten funktioniert und dabei neue Bedeutungen gewinnt. Gerade solche unerwarteten Verbindungen zeigen, wie vielseitig ein Track wahrgenommen werden kann.“

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke