Muskelkater am Tag danach – Curling ist ja doch Sport
Die Vorurteile sind so tief verwurzelt wie falsch. Ein bisschen schrubben, etwas schliddern und einen Stein loslassen – Curling sei ja wohl maximal ein „Hausfrauen-Sport“. Heißt es. Dafür, dass Curling angeblich kein Sport sein soll, tut mir am Tag danach ziemlich viel weh. Der rechte Oberschenkel schmerzt, und die Arme brennen vom Schrubben des Eises. „Curling ist eine Kombination aus Athletik, Konzentration und Strategie. Der Sport ist so athletisch geworden“, sagt Dirk Hannawald, Präsident des Klubs „Curling in Berlin“. Recht hat er.
Vor dem Muskelkater steht der Sport. Mit der übergezogenen Sohle unter dem linken Schuh wird aus glattem Eis extrem glattes Eis. Mit dem Betreten der Eisfläche beginnt mein Kampf um die Balance – im Stehen, im Gehen, im Rutschen. Ich gewinne ihn nicht immer.
Irgendwann habe ich einen einigermaßen sicheren Stand. Um ein Gespür für das Eis und die 20 Kilogramm schweren Steine zu bekommen, soll ich mich auf zwei Steine stützen und mit dem rechten Fuß aus einem Startblock abdrücken. Ich krampfe mich an den Griffen fest, strecke das hintere Bein nur minimal aus, um keine Bruchlandung hinzulegen. Wo die Profis voller Eleganz dahingleiten, schlingere ich wie ein Kleinwagen mit Sommerreifen auf einer verschneiten Passstraße über das Eis. Schon beim ersten Versuch wird mir klar, dass Curling viel mehr als fegen und schliddern ist. Der Sport verlangt höchste Konzentration und eine ausgeprägte Körperbeherrschung.
Der Stein rutscht maximal 25 Meter – das sind 20 zu wenig
Nach sechs Versuchen, bei denen die Curlingsteine mir Sicherheit geben, tausche ich einen von ihnen gegen einen Schrubber aus, wie es die Regeln vorsehen. Sofort werde ich instabil, ich schaffe es nicht, dass der linke Fuß, der Stein in der rechten Hand und der rechte Fuß eine Linie bilden, wie es das Lehrbuch vorsieht. Es sieht auch nicht vor, dass der Schrubber nach links und mein Hinterteil nach rechts ausbricht. Zum Glück bin ich so langsam, dass der Sturz, weil er so lächerlich aussieht, nur psychisch schmerzt.
Aber mit jedem Abstoßen steigt meine Sicherheit auf dem Eis und damit das Selbstvertrauen. „Ziel ist es, sich mit dem Bein so kraftvoll abzustoßen, dass die Kraft nicht aus den Armen kommt. Am Ende des Gleitens über das Eis soll der Stein nur losgelassen und nicht geschoben werden“, rät Hannawald. Trotz aller Kraftanstrengungen schaffe ich es nicht, den Stein ins Haus zu schieben. Statt der benötigten 44 Meter schaffe ich maximal 25. Der Stein verhungert auf der Hälfte der Strecke jämmerlich.
„Nicht locker fegen, schrubben!“
Vielleicht läuft es am Schrubber ja besser. „Durch das Wischen bildet sich ein kleiner Wasserfilm, auf dem der Stein gerade laufen kann“, sagt Hannawald. Was einfach klingt, ist verdammt anstrengend. Auf dem Eis seitwärts laufen, dabei das Gewicht auf den Schrubber stützen, den Stein im Auge behalten und mit voller Kraft über das Eis wischen, gelingt mir 15 Meter. Erschöpft muss ich den Stein an mir vorbeiziehen lassen.
„Nicht locker fegen, richtig schrubben“, lacht Hannawald. Ich würde gerne mitlachen, bin aber dafür zu sehr außer Atem. Der Coach entlässt mich erst aus der Pflicht, bis ich eine Bahn mit voller Kraft gezogen habe. Also, wieder ran an den Besen und 50 Meter einen Wasserfilm schrubben. Am Ende falle ich nicht wegen Gleichgewichtsproblemen, sondern vor Erschöpfung aufs Eis.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke