„Es ist sehr, sehr schmerzhaft“ – wo Frauen bei den Winterspielen unerwünscht sind
Olympiasieger Johannes Rydzek sitzt auf gepackten Olympia-Koffern und fiebert der Abreise zu seinen fünften Winterspielen entgegen –seine weiblichen Teamkolleginnen aus der Nordischen Kombination hingegen haben gar nichts gepackt. „Mir hat es das Herz gebrochen. Man verabschiedet sich nach einem gemeinsamen Weltcup-Wochenende von den Frauen für einen kompletten Monat, weil einzig wir Männer zu den Olympischen Spielen fahren dürfen“, sagt Rydzek. „Das ist immer noch unverständlich. Sie hätten es verdient.“
Eine von ihnen ist Nathalie Armbruster, erst 20 Jahre alt, aber 2023 bereits WM-Zweite. „Es ist sehr, sehr schmerzhaft“, sagt sie per Videocall, zugeschaltet aus der Heimat. „Es war schon die letzten Wochen sehr schmerzhaft zu sehen, wie all die Teams nominiert wurden. Ich hingegen sitze jetzt hier zu Hause und muss mir dann die Wettkämpfe vor dem Fernseher ansehen. Das tut enorm weh. Vor allem, wenn man weiß, dass man eigentlich aufgrund seiner Leistungen dabei wäre.“
Einzig in der Nordischen Kombination werden bei den Winterspielen vom 6. bis 22. Februar in Italien nur Männer um Medaillen kämpfen – die olympische Welt ist den Frauen verboten. Der Kampf um Anerkennung hat allerdings längst die gesamte Sportart erfasst. Wenn die Männer bei diesen Spielen die Bühne betreten, ist es nichts Geringeres als ein olympischer Überlebenskampf. Im Mai wird dann entschieden: Dürfen Armbruster und ihre Mitstreiterinnen 2030 bei den Winterspielen in Frankreich antreten – oder wird die Kombination komplett aus dem Programm gestrichen.
Damit geht es um die Existenz einer Sportart, die bei den Männern seit der Premiere 1924 olympisch ist und die eigentlich als Königsdisziplin des Winters gilt. „Diese Gefahr ist immer präsent. Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns“, sagt Rydzek kurz vor dem Start der Spiele. „Ich vertraue darauf, dass diese schöne Sportart olympisch bleibt und dann endlich und längst überfällig 2030 auch die Frauen antreten.“
Frauen-Ablehnung auch als „Signal an die Männer“
Aber warum steht diese Sportart auf der Kippe, warum gibt es diese Diskussion seitens des IOC bereits seit einiger Zeit? Als das IOC im Sommer 2022 entschied, die Frauen für 2026 erneut nicht zuzulassen – zu geringe Verbreitung, zu wenige Nationen u.a. –, wollte es diese Ablehnung auch als „Signal an die Männer“ verstanden wissen. Kritikpunkte an sie waren vor allem das weltweite Zuschauerinteresse und dass es bei den bis dahin letzten drei Winterspielen nur sehr wenige Nationen auf das Podest geschafft hatten. Der Auftrag für die gesamte Sportart: mehr Universalität, mehr – international betrachtet – Zuschauerzuspruch.
Seitdem ist viel geschehen. Allerdings: In drei Jahren kann man keine Wunder erwarten, in dieser kurzen Zeit entstehen nicht plötzlich neue Topathleten aus dem Nichts. Der Weltverband Fis, die nationalen Verbände sowie die Athleten aber kämpfen um ihre Sportart. „Wir haben uns in den letzten Jahren sehr entwickelt, die Rennen sind zudem viel spannender geworden“, sagt Team-Weltmeister Julian Schmid. Demnächst wird erstmals auch Skifliegen integriert. Generell gibt es mittlerweile neue Formate, engere Abstände, zudem ganz praktisch im Training Unterstützung für kleinere Nationen.
Und die Frauen in der Nordischen Kombination? 2014 organisierte die Fis erste Wettbewerbe, im Winter 2017/18 wurde der Continental-Cup eingeführt, seit 2020 haben sie Frauen eine Weltcup-Serie, und seit 2021 sind sie Teil der Nordischen Ski-WM. Dass die Aufnahme ins olympische Programm für 2022 verweigert wurde, war damals weniger eine Überraschung als die Ablehnung für 2026. Die Anzahl der Athletinnen und Nationen steigt seit Jahren.
„Ich fühle mich diskriminiert, weil meine Leistung nicht gesehen wird“
Einerseits fordert das IOC die Gleichstellung der Geschlechter – andererseits aber lässt es die Kombiniererinnen trotz einer beachtlichen Entwicklung nicht zu. „Natürlich dürfte es im 21. Jahrhundert keine Geschlechterungleichheit mehr bei den Olympischen Spielen geben, aber vor allem dürfte es nicht sein, dass Menschen nicht berücksichtigt werden, die Weltklasse-Athletinnen sind“, sagt Armbruster. „Ich fühle mich diskriminiert, weil meine Leistung nicht gesehen wird.“ Einen Frauen-Bonus will sie keinesfalls. „Ich denke, wir haben es uns aufgrund unserer Leistungen verdient. Nicht, weil wir Quotenfrauen sein wollen“, sagt sie.
Die Nicht-Zulassung ist auch deshalb schizophren, weil der olympische Status einen Katapult-Effekt für die Entwicklung einer Sportart haben kann. Bestes Beispiel war die Aufnahme der Skispringerinnen ins Programm für Sotschi 2014. Erst durch die olympische Anerkennung fließen schließlich bestimmte Fördergelder, entstehen weitere Strukturen, mehr Öffentlichkeit, mehr Aufmerksamkeit und gibt es mehr Anreize für die Jugend.
Umso beeindruckender ist die „enorme Entwicklung“ im Feld der Frauen, wie Männer-Bundestrainer Eric Frenzel sagt. Sowohl in der Breite als auch in der Spitze und bezogen auf die Vielfalt der Nationen, die ums Podest kämpfen. „Es waren in dieser Saison mit Sommer-Grand Prix und Weltcup zehn verschiedene Athletinnen auf dem Podium aus sieben verschiedenen Nationen von drei verschiedenen Kontinenten“, weiß Armbruster. „Wenn das keine Vielfalt ist, dann weiß ich auch nicht.“
Armbruster wird als TV-Expertin kommentieren
Frenzel sieht die Kombination der Männer und Frauen auf dem richtigen Weg. Bei den olympischen Wettkämpfen in Predazzo geht es für Rydzek und Co. also auch darum, noch einmal Werbung für ihre Sportart zu machen. „Wenn wir richtig spannende Rennen liefern“, sagt Teamweltmeister Julian Schmid, „können wir dem IOC noch mal beweisen, dass es unsere Sportart wert ist, olympisch zu sein.“
Beim Normalschanzen-Wettbewerb am 11. Februar wird auch Armbruster in gewisser Weise dabei sein – als Expertin für Eurosport aus dem Studio in München. „Eine Riesenehre, dass ich angefragt wurde. Ich bin etwas nervös“, sagt die 20-Jährige. „Ich mache das auch für unsere Sportart und hoffe, dass sehr viele Menschen am TV zuschauen werden. Wir brauchen diese Einschaltquoten.“
In der zweiten Olympiawoche wird die Mannschaft der Frauen dann zu einem Lehrgang fahren – und zwar ganz bewusst, wie Bundestrainer Florian Aichinger sagt: „Gemeinsam kann man es besser aushalten.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und bei den Olympischen Winterspielen von Mailand/Cortina bereits vor Ort. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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