Endspiel für Gislason
Möglicherweise hatte Andreas Michelmann ja eine leise Vorahnung, was da drohen könnte bei den kontinentalen Titelkämpfen im hohen Norden. Jedenfalls mochte er drei Wochen vor dem Start der Handball-Europameisterschaft in Dänemark, Norwegen und Schweden keine Jobgarantie für seinen prominentesten Angestellten aussprechen.
Sollten die besten deutschen Ballwerfer ihre Ziele deutlich verfehlen, müsse man auch eine vorzeitige Entlassung des Bundestrainers Alfred Gislason ins Kalkül ziehen, sagte Michelmann. „Es ist doch klar, dass wir darüber nachdenken würden, wenn die Mannschaft – wovon ich nicht ausgehe – bei der EM absolut nicht performt“, so der Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB). „Nach jedem Turnier der Männer und Frauen berichten die Bundestrainer an die DHB-Führung. Auf Basis dieser Bilanzen und Analysen werden dann entsprechende Schlüsse gezogen“, sagte Michelmann.
Es könnte sein, dass die Analyse um einen Verbleib von Gislason in seinem Amt nicht erst nach der EM ansteht, sondern noch während des Turniers erfolgt. Denn nach dem 27:30 (17:13) im zweiten Gruppenspiel am Samstagabend im dänischen Herning gegen Serbien steht der 66 Jahre alte Isländer so sehr unter Druck wie noch nie in seiner seit 2020 währenden Amtszeit. Die Partie gegen Spanien am Montag (20.30, Dyn, im WELT-Liveticker und ZDF) wird nun zu einem Endspiel für den bisweilen sturen Trainer. Sollte er es nicht positiv gestalten können, wäre sein Aus kaum noch zu verhindern.
Denn viel zu viel läuft inzwischen schief unter dem Nachfolger von Christian Prokop. In der Partie gegen Serbien verunsicherte er seine Mannschaft nach einer starken ersten Halbzeit mit unerklärlichen Wechseln und hatte dann auch noch seinen ganz persönlichen Tiefpunkt, als er zwei Minuten vor dem Ende der Partie unmittelbar vor dem Treffer von Spielmacher Juri Knorr zum vermeintlichen 26:26 den Buzzer drückte, um eine Auszeit zu nehmen. Nach Ansicht der Videobilder entschieden die beiden ungarischen Schiedsrichter Adam Biro und Oliver Kiss, dass der Auslöser auf den roten Buzzer an der Seitenlinie minimal vor Knorrs Treffer erfolgt sei. Kein Tor also, stattdessen Auszeit für die Deutschen.
„Ein Schock für die Mannschaft“
Immerhin nahm der Bundestrainer direkt die Schuld auf sich: „Bei minus eins machen wir ein Tor, gerade, wo ich Time-out nehme. Das ist natürlich fatal aus meiner Sicht und geht völlig auf mich“, erklärte Gislason am Samstagabend nach dem Spiel in Herning. „Mein Auszeit-Fehler hat die Mannschaft mindestens einen Punkt gekostet. Ich habe den Fehler gemacht, nach oben zu gucken. Dieses Tor hätte uns extrem gutgetan. Das war ein Schock für die Mannschaft“, schob er am Sonntagmorgen bei einer Pressekonferenz im Teamhotel in Silkeborg nach.
Jene mit schlechtem Timing versehene Aktion des Trainers in der Schlussphase der Partie stand symbolisch für das Wirken Gislasons, der noch vor der EM gesagt hatte, er habe noch nie eine derart starke deutsche Nationalmannschaft trainiert wie das aktuelle Team. Doch davon war während der Europameisterschaft kaum etwas zu sehen – weder beim mühseligen 30:27-Auftaktsieg über Österreich noch in der Partie gegen Serbien. In einen richtigen Flow gerieten Gislason und die Seinen nur phasenweise während der beiden Partien. Aber konstant das sicher große Potenzial der Mannschaft abzurufen – das war überhaupt nicht zu erkennen.
Gislason gelang es an der Seitenlinie nicht, als Stabilisator insbesondere in den Phasen zu wirken, in denen seine mit einem Durchschnittsalter von 26,1 Jahren noch immer recht junge Mannschaft gerade Führungsstärke, klare Anweisungen und Routine von der Bank aus gebraucht hätte. Seine Auszeiten glichen in den meisten Phasen nicht wie taktische Neuausrichtungen, sondern wie 60 Sekunden der ratlosen Pause. Michael „Mimi“ Kraus, der 2007 mit Deutschland Weltmeister im eigenen Land geworden war, fasste Gislasons Wirken in der zweiten Halbzeit gegen Serbien mit drastischen Worten zusammen: „Alfred, scheiße gecoacht. Vercoacht. Das war einfach Kacke im Angriff. Man muss es auch einmal beim Namen nennen.“
Knorr mit deutlicher Kritik am Spielsystem
Zunehmend gehen auch einige Spieler auffallend auf Distanz zum Bundestrainer. Knorr etwa monierte nach der Partie, die vielen Umstellungen in der zweiten Hälfte und auch den Umstand, dass er selbst nach einer ansprechenden ersten Hälfte mit vier eigenen Toren nach der Pause kaum noch zum Einsatz gekommen war.
„Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit überrannt – und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht. Ich stand in der zweiten Halbzeit nicht mehr viel auf der Platte. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, schimpfte der 25-Jährige am Samstagabend in der Jyske Bank Boxen im dänischen Herning. „Natürlich brodelt es in einem auf der Bank, wenn man da draußen sitzt und nicht helfen kann.“
Den Namen des Bundestrainers nahm der Regisseur der Deutschen zwar nicht in den Mund, dennoch dürfte klar gewesen sein, wen Knorr dort an den Pranger stellte: Gislason, den mehr als überfordert wirkenden Boss an der Bank.
Nun droht eine Blamage von historischem Ausmaß: Seit der Einführung des Vor- und Hauptrundenformats 2002 ist eine deutsche Nationalmannschaft noch nie in der ersten Turnierphase gescheitert. Doch genau das droht nun – es wäre fatal für den größten Handballverband der Welt.
Die Ausgangskonstellation vor Gislasons Endspiel am Montagabend ist klar: Spanien führt die Tabelle nach zwei Spielen mit 4:0 Punkten an, dahinter folgen Serbien und Deutschland (beide 2:2), Österreich ist mit 0:4 Zählern Letzter. Die ersten beiden Teams kommen weiter. Sollte Serbien die unmittelbar vor dem Showdown der Deutschen ausgetragene Partie am Montag (18.00 Uhr, Dyn) gegen Österreich gewinnen – wovon auszugehen ist – müsste Gislasons Team die Iberer im anschließenden Spiel mit drei Toren Unterschied besiegen. In diesem Fall hätte Deutschland dann einen Dreier-Vergleich zwischen den jeweils mit 4:2 Punkten versehenen Mannschaften für sich entschieden.
Das ist angesichts der Stärke der Spanier um ihren gewieften Trainer Jordi Ribera zwar ein schwieriges Unterfangen, aber nicht unmöglich. Einige im Tross der Deutschen konnten der klaren Ausgangslage sogar einiges abgewinnen „Wir müssen uns jetzt aufraffen und an unsere Stärke glauben“, meinte etwa Spielmacher Knorr. Und Torhüter Andreas Wolff erklärte: „Wir hatten selten solch einen Druck und müssen schauen, dass wir gegen Spanien ein anderes Gesicht zeigen. Es gilt, sich gegenseitig Mut zu machen und top motiviert ins Feld zu ziehen.“
Sollte jenes Unterfangen scheitern, wäre Gislason nicht mehr zu halten. Sein Vertrag läuft noch bis nach der Weltmeisterschaft, die 2027 in Deutschland stattfindet. Es sollte eigentlich der krönende Abschluss für ihn werden.
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