In der schnelllebigen Branche mutet die lange Auszeit absolut ungewöhnlich an. 26 Jahre lang hat Bob Hanning keine Nationalmannschaft mehr trainiert. Seit seinem Abgang als Assistent von Heiner Brand, der die erfolgreichste Ära der deutschen Handballer zu verantworten hat, ist Hanning zwar bei einigen Vereinen unter Vertrag gewesen, die große internationale Bühne auf der Trainerbank aber betritt er jetzt erst wieder. Der Handball-Tausendsassa betreut die Auswahl Italiens bei der Europameisterschaft in Dänemark, Norwegen und Schweden. Er ist der einzige deutsche Coach unter den 24 Teilnehmern der EM – und ganz nebenbei steuert er aus der Ferne auch noch als Geschäftsführer die Geschicke der Füchse Berlin.

Mit Doppelfunktionen kennt er sich zwar aus – Hanning war neben seiner Tätigkeit beim aktuellen Meister auch acht Jahre lang Vizepräsident des Deutschen Handballbundes –, aber vor seiner aktuellen Aufgabe hat auch ein Routinier wie er Respekt: „Das Schöne am Älterwerden ist ja, dass es Routinen gibt. Trotzdem verspüre ich ein Kribbeln als Trainer von Italien bei der Europameisterschaft. Das muss auch so sein, denn sonst braucht man so einen Job nicht zu machen“, sagt der 57-Jährige im Gespräch mit WELT AM SONNTAG.

Hanning verantwortet ein mehr als spannendes Projekt. Denn Handball ist in Italien eine absolute Randsportart. Vor einem Jahr aber schaffte es die Auswahl mal wieder zu einer Weltmeisterschaft und sorgte dort für Furore: Es gelang sensationell der Einzug in die Hauptrunde – am Ende wurde die seinerzeit noch von Riccardo Trillini trainierte Mannschaft 16. Nun gilt es, den zarten Höhenflug beim kontinentalen Kräftemessen fortzusetzen. Hanning glaubt fest daran.

Einen großen Stamm seiner Spieler kann er stets in unmittelbarer Nähe beobachten: Simon Sirot und Leo Prantner spielen bei den Füchsen, Marco Mengon, Gabriele Sontacchi und Davide Bulzamini sind beim Partnerverein 1. VfL Potsdam in der zweiten Liga aktiv. Hinzu kommt der Ausnahmetorhüter Domenico Ebner, der sein Geld beim SC DHfK Leipzig verdient. Nur vier Spieler aus dem Kader sind noch in ihrer Heimat beschäftigt. „Wir sind nicht mehr das kleine Italien, sondern können auch größere Mannschaften besiegen“, sagt Keeper Ebner zur neuen Zielsetzung unter dem neuen Chef auf der Bank.

Einige kleinere Probleme während der Vorbereitung aber, so Hanning, hätten vor dem ersten EM-Auftritt am Freitagabend gegen Island, der mit 26:39 (12:21) verloren ging, dazu geführt, dass er nicht genau sagen könne, wohin der weitere Weg nun führe. Einschüchtern lassen will sich der selbstbewusste Trainer und Funktionär in Personalunion davon aber nicht. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht gern über kleine Stöckchen springe“, erklärt er. „Ich bin motiviert, mit Italien erneut das Unmögliche möglich zu machen. Dass die Mannschaft bei der WM 2025 in die Hauptrunde gekommen ist, war überragend. Darauf gilt es nun aufzubauen. Meine Zielsetzung ist es, den Traum von der Hauptrunde erneut zu leben und zu erreichen.“

Hohes Niveau bei den Titelkämpfen

Das dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Denn auch die nächsten Aufgaben nach dem Start gegen den Medaillenkandidaten Island haben es für Italien, das bislang nur 1998 als Gastgeber an einer EM teilgenommen hat, in sich: Ungarn (Sonntag, 20.30 Uhr, Dyn) und Polen (Dienstag, 18 Uhr, Dyn) warten als weitere Konkurrenten in der Gruppe F. Nur die beiden Staffelbesten erreichen die Hauptrunde – das Kennzeichen einer Europameisterschaft, wo für gewöhnlich das Niveau der Teams im Vergleich zu anderen großen internationalen Turnieren am höchsten ist.

Bei der WM vor einem Jahr profitierte Italien noch davon, dass es während der Vorrunde gegen die Mittelklasseteams aus Algerien und Tunesien ging. Damals gelangen zwei Siege, die die Grundlage für die kleine Sensation bildeten. Nun muss sich das Team unter Hanning, der die Mannschaft im Januar 2025 übernommen hat, gegen die starken europäischen Rivalen behaupten.

Selbst für einen sturmerprobten Typen wie ihn ist dies eine Mammutaufgabe. „Am Ende des Tages ist es eine Lebenseinteilung“, erklärt Hanning. „Es gibt den Italien-Bob, den Nachwuchs-Bob, den Füchse-Bob und den Privat-Bob. Für alles habe ich 24 Stunden, ich muss es halt nur einteilen. In meinem Kopf habe ich sogar mehr als 24 Stunden Zeit dafür, um Dinge zu bewegen. Was das Thema angeht, bin ich wirklich entspannt und mit einem guten Zeitmanagement versehen.“

Coup vor der EM

Und daher kann er auch beides bestens unter einen Hut bekommen: Nationaltrainer und Funktionär. Unmittelbar vor dem Start der EM gelang ihm nämlich in seiner Funktion als Geschäftsführer ein wahrer Coup. Nach dem Dänen Simon Pytlick, der 2027 aus Flensburg nach Berlin wechseln wird, konnte Hanning auch Weltstar Dika Mem von einem Engagement in der Hauptstadt überzeugen. Auch der Franzose vom FC Barcelona wechselt in eineinhalb Jahren zu den Füchsen. Gemeinsam mit Welthandballer Mathias Gidsel, der bereits seit 2022 in Berlin spielt, wird dies dann ein Rückraum sein, den die Bundesliga bis dato noch nicht gesehen hat: Er wird der beste auf diesem Planeten sein.

Und auch eine andere Planstelle konnte Hanning noch vor dem EM-Auftakt namhaft besetzen. Für Dejan Milosavljev, der als Torhüter der Serben im Gruppenspiel am Samstag (20.30 Uhr, ARD/Dyn und im WELT-Liveticker) Deutschland herausfordern wird, kommt zur neuen Saison der schwedische Altmeister Andreas Palicka, 39. Er wird dann mit Youngster Lasse Ludwig, 23, das Torhütergespann bei den Berlinern bilden. Zwei vor den Titelkämpfen eingetütete wegweisende Transfers. Die großen Baustellen sind nun erst einmal geschlossen.

Einen Qualitätszuwachs hat der omnipräsente Hanning auch in den Reihen der deutschen Nationalmannschaft beobachtet, die am Donnerstagabend in Herning/Dänemark mit einem 30:27 (12:8) gegen Österreich in die Europameisterschaft gestartet ist. „Die Qualität an der Spitze nimmt bei der deutschen Nationalmannschaft zu. Das ist die Folge der guten Arbeit im Verband und in den Vereinen während der vergangenen zehn Jahre. Ich glaube ganz, ganz fest daran, dass Deutschland den Handball in den nächsten Jahren prägen kann“, sagt Hanning. „Dass mit Ausnahme der Olympischen Spiele 2024 und dem damaligen Gewinn der Silbermedaille bei den vergangenen Turnieren immer noch etwas gefehlt hat – darüber müssen wir uns nicht groß unterhalten.“ Den insgesamt aber positiven Trend fortzusetzen, sei nun die Aufgabe des Deutschen Handballbundes. „Und das muss der Verband“, so Hanning, „nun auch in Form von Resultaten umsetzen.“

Das immerhin gelang der deutschen Mannschaft beim Auftaktsieg schon recht ansprechend. Gegen Österreich funktionierte insbesondere die Abwehr sehr gut, EM-Debütant Tom Kiesler zeigte sich in seinem erst fünften Länderspiel erstaunlich abgeklärt im Innenblock und könnte sukzessive die Rolle des zweiten Abwehrchefs neben Kapitän Johannes Golla einnehmen.

Mit seinen 24 Jahren steht er sinnbildlich für eine jüngere Generation, die bei der Europameisterschaft den nächsten Entwicklungsschritt einleiten möchte. Auch andere Youngster wie Matthes Langhoff, 23, überzeugten beim Auftaktspiel insbesondere mit einer Kompaktheit in der Defensive.

Langhoff zählt zu sechs Spielern im deutschen Kader, die vor drei Jahren U21-Weltmeister geworden sind. Ihre Integration scheint nun gelungen zu sein, was auch Hanning, der bei den Füchsen lange die A-Jugend trainiert hat und seit jeher ein großes Herz für den Nachwuchshandball hat, sehr zufriedenstellt. „Die junge Generation weiß, wie man große Turniere gewinnt. Die Art und Weise, wie die Mannschaft 2023 U21-Weltmeister geworden ist, war schon eine Demonstration“, sagt er. „Die deutschen Talente kommen aber leider in den Spitzenklubs noch zu wenig zur Geltung. Da sind wir in Berlin die Ausnahme. Trotzdem spielen auch viele Spieler inzwischen international. Das muss und wird sich positiv auszahlen. Ich bin wirklich sehr zuversichtlich und mache mir um den deutschen Handball gar keine Sorgen.“

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