Aufgeben oder aufhören? Den Skisprunganzug für immer wegsperren? Für den erstaunlichen Noriaki Kasai sind das zwei Dinge, die weiterhin nicht infrage kommen. Dass er mittlerweile 53 Jahre alt ist? Dass viele seiner Konkurrenten halb so alt oder noch deutlich jünger sind? Kein Grund für den unermüdlichen Japaner. Kasai macht das scheinbar Unmögliche schon seit vielen Jahren immer wieder möglich.

Und warum sollte er auch aufhören, wenn es ihm weiterhin Spaß bringt? Und wenn er immer noch gut genug ist, um im zweitklassigen Continentalcup im vorderen Drittel mitzuspringen und sogar bei seinem Heim-Weltcup in schöner Regelmäßigkeit aufgestellt zu werden? So geschehen auch jetzt: Wenn an diesem Freitag in Sapporo die Qualifikation beginnt, wird sich Kasai in die Anlaufspur schieben und Fluggefühl sowie Fitness beweisen.

Dass dies möglich ist, liegt daran, dass das Gastgeberland bei Heim-Weltcups stets ein größeres Kontingent an Startplätzen zur Verfügung hat als andernorts. Und so gehört Kasai in Sapporo zum zehnköpfigen Aufgebot der japanischen Mannschaft. Ohne eine entsprechende Leistung zuvor im Continentalcup gezeigt zu haben, wäre das allerdings nicht möglich – Kasais Nominierung gleicht also keinem Geschenk und keiner Wildcard, sondern ist sportlich verdient. Seine besten Continental-Cup-Platzierungen in dieser Saison: die Ränge 11, 14 und 18.

Große Erfolge und olympisches Trauma

Während andere ehemalige Top-Athleten sportartenübergreifend bisweilen belächelt oder gar bemitleidet werden, wenn sie weiter- und immer weitermachen und dabei fernab ihrer einstigen Weltklasse liegen, erntete Kasai nie Lacher, Mitleid oder hämische Kommentare. Zu viel Respekt nötigt es ab, was dieser Japaner immer noch schafft. Und dass er sich nie von Rückschlägen zermürben ließ und immer wieder – auch wenn niemand mehr damit gerechnet hatte – in die Erfolgsspur zurückfand.

Mehr als 37 Jahre ist es mittlerweile her, dass er sein Weltcup-Debüt feierte: Es war am 17. Dezember 1988 als 16-Jähriger in Sapporo – damals noch im Parallelstil. Kasai überstand in den Folgejahren den Wandel zum V-Stil ebenso wie etliche Material- und Regelrevolutionen. Bis heute. „Er ist wie ein Chamäleon“, sagte Jens Weißflog einmal im WELT-Gespräch. „Ein Ausnahmeathlet, ich bewundere ihn.“

Kasais größter Einzelerfolg: der WM-Titel im Skifliegen 1992 in Harrachov. Zweiter wurde damals der Österreicher Andreas Goldberger vor dem Italiener Roberte Cecon. Bei Weltmeisterschaften sammelte er alleine und mit der Mannschaft insgesamt sieben Medaillen in Silber und Bronze.

Dazu feierte Kasai 17 Weltcupsiege, den letzten am 29. November 2014 in Kuusamo mit 42 Jahren und im zweiten Frühling seiner Karriere – denn nach 2004 war ihm viele Jahre nicht allzu viel geglückt. Aber aufgeben wollte er eben noch nie.

Fast hätte er sich sogar doch noch seinen großen Traum von Olympiagold erfüllt. Schon 1994 war Kasai mit der japanischen Mannschaft in Lillehammer so dicht dran gewesen, der Sieg schien ihnen sicher damals – doch dann stürzte Schlussspringer Masahiko Harada ab, nicht wörtlich, aber im übertragenen Sinne. Ein völlig missglückter Sprung. Harada kauerte im Schnee, und Gold ging an Deutschland. Als die Japaner dann vier Jahre später in Nagano triumphierten, war Kasai nur Zuschauer. „Die anderen vier holten Gold in der Heimat“, sagte er einmal seufzend im WELT-Gespräch. Es schmerzte ihn sehr lange.

„Ein großartiger Mensch, ein großer Sportler“

Nach einem langen Tief kam seine zweite Skisprungkarriere. Ab der Saison 2013/2014 verblüffte er die Konkurrenz sowie die Experten. Sie schwärmten von ihm und wunderten sich. Bei den Winterspielen 2014 in Sotschi gelang Kasai dann im Alter von 41 Jahren erstmals der Sprung auf das olympische Einzelpodest.

Mehr noch: Ihm fehlte die Winzigkeit von 1,3 Punkten zu Gold und Sieger Kamil Stoch. Der Pole nahm damals im Auslauf der Schanze seinen Helm ab und verneigte sich tief vor dem Japaner. „Ein großartiger Mensch, ein großer Sportler“, sagte Stoch. Ein „unglaubliches Bewegungstalent“, befand der frühere Bundestrainer Werner Schuster, „sportmotorisch hochbegabt“.

Und es war ja kein letztes Aufbäumen. Auch die folgenden Winter beendete er unter den Top Ten des Gesamtweltcups und stand 2017 als 44-Jähriger letztmals auf dem Podest. Die Jahre aber gingen auch an Kasai, mittlerweile verheiratet und zweifacher Vater, nicht spurlos vorbei – Skispringen aber blieb sein Leben. Auch im Continentalcup oder drittklassigen Fis-Cup.

Dass er 2023 in der Qualifikation von Sapporo scheiterte, verwunderte niemanden – dass er sie 2024 überstand und sogar in den zweiten Durchgang des Wettbewerbs kam, umso mehr. Er schaffte es danach sogar, wieder ins Weltcup-Team aufgenommen zu werden – das lag zwar auch an der fehlenden Breite an Topspringern in Japan, aber eben auch daran, dass Kasai es im Gegensatz zu anderen immer noch durch die Qualifikationen schaffte. Lahti, Oslo, Trondheim und selbst beim Skiefliegen in Vikersund und Planica war er dabei. In Planica wurde er dann sogar im Teamwettbewerb aufgestellt und belegte mit der Mannschaft Rang vier. Der Mann ist ein Phänomen.

2025 überstand er ebenfalls die Qualifikation in Sapporo – warum also nicht wieder? Gelingt es ihm, wäre es am Samstag sein 580. Weltcup-Start.

Und dann ist da noch diese kleine, wirklich winzige Hoffnung, die er hegt: in das vier Mann starke Olympia-Team für die Spiele in Mailand Cortina aufgenommen zu werden. „Es ist zu 99 Prozent unmöglich“, sagt Kasai realistisch. „Aber ich werde mein Bestes geben und auf das eine Prozent hoffen.“ Im Normalfall hielte das niemand für ansatzweise machbar. Aber bei diesem Japaner weiß man nie.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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