Naumow kann die Tränen nicht zurückhalten – Nach tödlicher Tragödie lebt der Traum
Kurz bevor Maxim Naumow die Eisfläche betrat, blickte er noch einmal auf das alte Foto. Es zeigt ihn selbst als kleines Kind auf Schlittschuhen, zwei, vielleicht drei Jahre alt. An seiner linken Hand die Mutter, an seiner rechten der Vater. Sie lächeln in die Kamera. Mehr als 20 Jahre sind seitdem vergangen. Seine Eltern trägt Naumow nun im Herzen – die einst erfolgreichen Eiskunstläufer starben vor einem Jahr bei einer Flugzeug-Tragödie immensen Ausmaßes.
Der 24-Jährige legte das Foto weg, dann ging er bei den US-Meisterschaften in St. Louis aufs Eis. „Los geht's, Max“, rief ein Zuschauer. Jeder im Publikum wusste, was passiert war. Stille. Dann lief Naumow zu Chopins Nocturne Nr. 20 das beste Kurzprogramm seines Lebens – und das Publikum erhob sich. Als der 24-Jährige dann neben seinem Trainer sitzend auf die Punkte wartete, holte er das Foto wieder hervor. Seine Emotionen übermannten ihn, er fing an zu weinen. „Ich dachte in dem Moment einfach nur an sie“, sagte er anschließend. „Ihr Lächeln, ihr Lachen, was sie zu mir sagen, ihre Worte. Das alles spielt sich in meinem Kopf ab, besonders in Momenten wie diesen. Ich liebe sie.“
Am späten Samstagabend ging er dann als Vierter in die Kür – es wurde ähnlich emotional wie im Kurzprogramm. Naumow vermochte, seinen Schmerz, seinen Verlust in Kraft zu verwandeln. Zumindest für den Moment. Hinter Vierfach-König Ilia Malinin (324.88 Punkte) und Andrew Torgashev (267,62) wurde er Dritter (249,16). Seinem Traum vom Olympia-Start bei den Spielen im Februar in Mailand ist er damit sehr nah.
„Ich trage die Kraft von drei Personen in mir“
Rückblick. Es war der 29. Januar 2025. Nach einer Kollision mit einem Militärhubschrauber stürzte eine Maschine der American Airlines in Washington in den Fluss Potomac. Keiner der insgesamt 67 Insassen des Flugzeugs und des Helikopters überlebte. An Bord des American-Airlines-Flugs 5342 , aus Wichita/Kansas kommend, befanden sich 28 Mitglieder der Eiskunstlauf-Community, die von einem Nachwuchscamp und den US-Meisterschaften zurückkehrten. Unter den Opfern waren auch Naumows Eltern Wadim Naumow und Jewgenija Schischkowa.
Die ehemaligen Paarläufer hatten 1994 für Russland WM-Gold gewonnen und waren etwas später in die USA – nach Connecticut – ausgewandert. Dort arbeiteten sie als Trainer, zuletzt für den Skating Club of Boston in Norwood, Massachusetts.
„Sie waren wundervolle Menschen“, erzählte Maxim Naumow im März 2025 in der US-Sendung „Today“: „Sie waren so unglaublich freundlich. Ich habe nicht mehr nur die Kraft, die Leidenschaft, den Antrieb oder die Hingabe einer einzelnen Person – sondern trage die Kraft von drei Personen in mir.“
Nach dem Unglück zog er sich erst mal zurück, beschloss dann aber, wieder an Wettkämpfen teilzunehmen. Naumow bat einen Freund seiner Eltern, ihn als Trainer und Mentor auf dem Weg zu unterstützen: Wladimir Petrenko. Der 54-Jährige ist der jüngere Bruder von Victor Petrenko, Olympiasieger 1992, und war einst selbst erfolgreicher Eiskunstläufer: Wladimir Petrenko gewann 1986 Gold bei den Junioren-Weltmeisterschaften, bevor er wegen einer Verletzung seine Karriere beendete und später als Trainer begann.
Im letzten Gespräch mit seinen Eltern ging es um Olympia
Kurz vor den US-Meisterschaften blickte Petrenko zurück auf jenen Moment, als Naumow ihn bat, mit ihm zu arbeiten. „Ich fühlte mich verantwortlich, weil meine Verbindung zu seinen Eltern sehr eng war. Uns verbanden viele Jahre der Freundschaft, des Respekts und des gegenseitigen Vertrauens. Sie waren bemerkenswerte Menschen, deren Präsenz, Werte und Liebe Max zu dem gemacht haben, was er heute ist.“
Knapp ein Jahr später standen nun die gesamten Titelkämpfe unter dem Eindruck der Tragödie. Die Eiskunstlauf-Gemeinschaft gedachte der Verstorbenen unter anderem mit Schweigeminuten.
Naumows großes Ziel war klar: sich für die Olympischen Winterspiele vom 6. bis 22. Februar in Mailand zu empfehlen. Es wären seine Ersten. „Das ist das ultimative Ziel. Das war auch das Thema des letzten Gespräches mit meinen Eltern“, sagte er nach dem Kurzprogramm. „Und es würde mir unglaublich viel bedeuten, es zu schaffen.“
Drei Startplätze hat das Eiskunstlauf-Team der USA für die Entscheidung der Männer und nur Superstar Malinin hat einen davon sicher. Wer außerdem nominiert wird, hängt nicht alleine vom Ergebnis der US-Meisterschaften ab, aber eine Top-Drei-Platzierung dort könnte den Weg ebnen. Im Vorjahr, kurz vor dem Flugzeugabsturz, war Naumow Vierter geworden.
Nach dem Kurzprogramm, für das Naumow 85,72 Punkte erhielt, lag er hinter Malinin, Tomoki Hiwatashi und Jason Brown auf Rang vier. „Ich finde“, sagte er, „dass man in Zeiten wirklich schwieriger emotionaler Belastungen ein bisschen mehr aus sich herausholen und sich fast schon fragen sollte: Was wäre, wenn ich es schaffen könnte? Was wäre, wenn ich trotz allem, was mir widerfahren ist, immer noch da rausgehen und es schaffen könnte? Darin findet man Kraft. Und genau das hat mir geholfen, jeden Tag zu überstehen.“
„Wir alle unterstützen ihn“, sagt Eiskunstlauf-Superstar Malinin
Die Unterstützung des Publikums, aber auch die der Konkurrenz war ihm in St. Louis gewiss. Malinin, der aktuell unangefochtenen Meister seines Fachs, der mit seinen Flugshows Grenzen verschiebt, sagte: „Es ist wirklich bedeutungsvoll, dass er hierherkommen und genau das tun kann, was er tun wollte. Wir alle unterstützen ihn. Wir sind da für alles, was er braucht.“
Am Samstagabend US-amerikanischer Zeit zeigte Naumow dann seine Kür zu dem Song „In This Shirt“ der britischen Band The Irrepressibles. Im Text heißt es: „And I′ve bled everyday now, for a year“ – „Ich habe jeden Tag geblutet, ein Jahr lang“. Ein Song über Verlust, Sehnsucht, Liebe.
Malinin, der in seiner Kür nichts riskierte, siegte deutlich vor Torgashev und Naumow; der Routinier und zweimalige Olympia-Teilnehmer Jason Brown (31) fiel nach Patzern auf Rang acht zurück. Niemals zuvor hatte es Naumow bei US-Meisterschaften auf das Podest geschafft – nicht nur vergangenes Jahr, auch 2024 und 2023 war er Vierter geworden.
„Ich habe bei allem die Zähne zusammengebissen, ich habe um alles gekämpft, um jede einzelne Kleinigkeit“, sagte der 24-Jährige. Seine olympischen Ambitionen hat Naumow damit eindrucksvoll unterstrichen. Bei der Pressekonferenz im Anschluss gab er noch einmal Einblicke in seine Gefühlswelt. „Es war eine emotionale Achterbahnfahrt für mich. Ich bin wirklich glücklich und sehr erleichtert, dass es vorbei ist“, sagte er. „Und ich bin unglaublich dankbar hier in dieser Position zu sein. Meine Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit haben mich durchgebracht.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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