Vereinsliebe extrem – bis 5.09 Uhr in der Stadthalle
Sie könnten von Frankfurt auf die Malediven fliegen. In einem Harry-Potter-Marathon wären Sie mitten im fünften Teil. Oder Sie haben gleich fünf komplette Fußballspiele inklusive Halbzeitpause und üppiger Nachspielzeit gesehen. Was sich in zehn Stunden und 58 Minuten nicht alles machen lässt. Rund 160 Menschen haben sich für Variante vier entschieden – und sich die komplette Mitgliederversammlung des 1. FC Saarbrücken gegeben. Ein Leckerbissen der Donnerstagabendunterhaltung.
Zum Start um 18.11 Uhr trällerten noch 1749 Mitglieder in der Saarbrücker Saarlandhalle das Vereinslied, der hart gesottene Kern dürfte um 5.09 Uhr wohl eher in Gähn- denn in Singstimmung gewesen sein. Was das ganze so in die Länge gezogen hat? Während im Amateurfußball um die Besetzung jedes Postens personell gebettelt werden muss, platzte die Anwärterliste auf die sieben Plätze im Aufsichtsrat aus allen Nähten. Es lockte die Möglichkeit, als Mitglied des Gremiums drei hauptamtliche Geschäftsführer des Drittligisten einstellen zu dürfen – und damit die Zukunft maßgeblich mitzugestalten.
23 Kandidaten standen am Ende zur Wahl, jeder bekam drei Minuten Vorstellungszeit. Allein für diesen Block gingen also fast 70 Minuten drauf. Und natürlich musste dann zweimal gewählt werden, weil nur fünf statt sieben Kandidaten die nötige 50-Prozent-Hürde nahmen. Ausgezählt wurde übrigens per Hand. Gelebte deutsche Vereinsbürokratie eben.
Zum zweiten Wahlgang gehen viele nach Hause
Weil nebenbei auch noch eine Debatte über die Gültigkeit der Wahlzettel entbrannt ist, die Satzung geändert werden musste und Präsident, Vizepräsident, Ehrenrat und Kassenprüfer gewählt wurde, artete die Veranstaltung stärker aus als ein Kindergeburtstag in der Trampolinhalle.
Viele Anwesende schienen sich deswegen an einen urdeutschen Kreisliga-Spruch zu erinnern, der eigentlich zum Einsatz kommt, wenn der einen Mannschaft die Gangart der anderen zu hart ist: „Wir müssen alle morgen wieder arbeiten.“ Die Versammlung war schließlich unter der Woche angesetzt. Jedenfalls verabschiedeten sich vor dem zweiten Durchgang der Aufsichtsratswahl um circa um 2.30 Uhr nachts schon mal 800 Wahlberechtigte. Am Ende blieben diejenigen 160 Mitglieder, denen Vereinsliebe anscheinend wichtiger als Schlaf ist.
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Übrigens ist ein vorzeitiger Abgang auch bei den servierten Wachmachern kaum zu verübeln. Neben Currywurst und Brezel gab es nämlich auch alkoholfreies Radler. Als wären diejenigen, die sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben, nicht schon gestraft genug gewesen.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT.
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