In den vergangenen Monaten war es ruhiger geworden um Florian Lipowitz. Der neue deutsche Radsport-Star brauchte gar Abstand von seinem Sportgerät. Sechs Wochen saß Lipowitz im vergangenen Herbst praktisch gar nicht auf dem Rad. Die Saison, die sein Durchbruch werden sollte, hatte Kraft gekostet. „Ich habe ehrlich gesagt gehofft, dass ich mich nach der Tour de France besser erhole und die Rennen in Italien noch bestreiten kann. Aber man kann es sich auch nicht immer aussuchen. Ich denke, dass wir den besten Weg gefunden haben“, sagt Lipowitz zu WELT am SONNTAG im Rückblick über sein vorzeitiges Saisonende.

Anfang Oktober hatte der 25-Jährige angekündigt, seine Off-Season drei Wochen vorzuziehen und unter anderem auf die Lombardei-Rundfahrt, das letzte Monument im jährlichen Radsport-Kalender, zu verzichten. Als „befreiend“ bezeichnete Lipowitz die Entscheidung damals. „Ich kann jetzt die Dinge erledigen, für die während der Saison keine Zeit bleibt“, fügte er an. Die Steuererklärung etwa sei liegen geblieben, Rechnungen ebenso, Zeit für Unternehmungen mit Freunden gab es kaum. Entbehrungen eines sportlichen Aufsteigers.

Seine Leistungen haben Lipowitz im letzten Jahr von null auf hundert ins Rampenlicht katapultiert. Aufs Podium der Tour de France, eine Leistung, die aus deutscher Sicht zuletzt Andreas Klöden vor 19 Jahren gelungen war. Besiegt nur vom zweimaligen Tour-Sieger Jonas Vingegaard und dem slowenischen Überflieger Tadej Pogacar.

Dazu das weiße Trikot des besten Jungprofis gewonnen. Sieger in der Nachwuchswertung auch bei Paris-Nizza, Dritter des Gesamtklassements beim Critérium du Dauphiné, der Generalprobe vor der Frankreich-Rundfahrt. Die Liste der Erfolge ist lang. Lipowitz hat Radsport in Deutschland wieder auf die Landkarte gebracht.

Bei der Deutschland Tour Ende August war Lipowitz plötzlich der gefragteste Mann, musste Autogramme en masse schreiben. Die Aufmerksamkeit behagt ihm eigentlich gar nicht. Ebenso wenig die vielen Superlative und Spitznamen – vom „Gipfelstürmer“ über das „Jahrhunderttalent“ bis zu „Lipoblitz“ war in den einschlägigen Medien alles zu lesen. „Nach der Tour kam ich nicht drumherum, die Schlagzeilen zu lesen. Zum einen freut es mich, so viel Positives zu hören. Es war aber eine größere Umstellung, mit der ganzen Aufmerksamkeit klarzukommen. Ich versuche das eher auszublenden und so weiterzumachen wie die letzten zwei, drei Jahre“, sagt Lipowitz.

„Dann kommen Gedanken, ob das Training gereicht hat“

Der Fahrer des Teams Red Bull-Bora-hansgrohe wirkt oft in sich gekehrt, will seine Ruhe haben. Er mache sich viele Gedanken, gibt Lipowitz zu. Und obwohl die Radsport-Karriere des ehemals ambitionierten Biathleten bislang eigentlich nur wie der Graph einer linearen Funktion nach oben verläuft, mischen sich darin auch Zweifel. Nach dem Tour-Start etwa, als er direkt auf der ersten Etappe knapp 40 Sekunden verlor. Durch einen Defekt hatte er zunächst allein dem Feld hinterherhetzen müssen, hatte noch einmal aufgeschlossen, nur um dann auf einer Windkante wieder abreißen lassen zu müssen. „Ich bin nicht ganz so gut in die Tour gestartet, habe ein bisschen gezweifelt“, sagte er später einmal in der ARD.

„Ich bin schon jemand, der die Bestätigung im Rennen braucht, dass ich gut in Form bin und mitfahren kann. In den Tagen vor dem Rennen sitzt man nicht mehr so viel auf dem Rad und hat die Zeit. Dann kommen die Gedanken, ob das Training gereicht hat, ob die Form wirklich da ist. Das ist normal, das betrifft eigentlich jeden Fahrer. Man muss dann schauen, wie man damit umgeht“, sagt Lipowitz, der seinen Vertrag bei Red Bull-Bora-hansgrohe langfristig verlängert hat.

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Die Antwort auf die Zweifel gibt er auf dem Rad. Wenn Lipowitz auf sein Sportgerät steigt, um sich mit den Besten zu messen, zeigt sich sein anderes Gesicht. Der zurückhaltende Junge aus dem schwäbischen Laichingen wird dann zum sportlichen Entertainer.

„Es gibt Fahrer wie Jonas Vingegaard, die sich die ganze Zeit verstecken, so wenig Energie wie möglich vergeuden wollen. Und dann gibt es solche wie Tadej Pogacar. Er fährt aggressiver und offensiver. Ich glaube, das ist auch das, was die Leute sehen wollen“, vergleicht Lipowitz. „Ich sehe mich da selbst, riskiere lieber was und verschenke auch mal Energie, kann dann aber wenigstens sagen, dass ich was probiert habe.“

Aus dem Lehrbuch stammt Lipowitz‘ Fahrweise nicht

Lipowitz ist niemand, der sich stumpf nach den Wattzahlen auf seinem Fahrradcomputer richtet. Er verlässt sich zusätzlich auf seine Intuition, attackiert auch mal unorthodox oder bricht dank seiner Zeitfahrqualitäten einfach vorn aus dem Peloton heraus. Aus dem Lehrbuch stammt seine Fahrweise nicht. „Lipowitz fährt grauenhaft schlecht“, urteilte während der Tour de France sogar ein namentlich nicht genannter Insider aus dem Fahrerfeld im Rad-Newsportal „Escape Collective“. Lipowitz sei jemand, der „keine Ahnung hat, aber wirklich stark fährt“. Der Deutsche würde zu viel Energie verschwenden.

„Wenn ich auf dem Rad sitze und an den Start gehe, will ich auch Rennen fahren“, verteidigt sich Lipowitz: „Es gab die eine oder andere Situation, wo man von außen vielleicht sagen kann, dass ich Energie hätte sparen können. Aber es macht Spaß, wenn man die Chance hat, das Rennen mitzugestalten. Das werde ich auch versuchen beizubehalten.“ Wie sehr in dieser Taktik eingepreist ist, dass sie auch mal schiefgehen kann, zeigte sich auf der 18. Etappe der diesjährigen Tour im Finale zum 2304 Meter hohen Col de la Loze.

Lipowitz hatte schon weit vor dem Schlussanstieg im Tal attackiert und derart viele Körner verpulvert, dass er am Berg mit den Top-Fahrern nicht mehr mithalten konnte. 1:39 Minuten verlor er damals auf den Schotten Oscar Onley, seinen größten Konkurrenten um den dritten Platz in der Gesamtwertung – und machte so das Rennen ums Podium überhaupt noch einmal spannend. „Die letzten zwei Kilometer waren die Hölle“, lautete Lipowitz‘ Fazit.

Umso beeindruckender, dass er keine 24 Stunden nach dem Gang durch die Hölle wieder im siebten Himmel angekommen war. Er hatte noch einmal eine Antwort in den Beinen, schaffte es, auf der nächsten Alpen-Etappe bis kurz vor Schluss am Hinterrad von Pogacar und Vingegaard zu bleiben. Onley war dieses Mal wieder der Schwächere, verlor 41 Sekunden auf Lipowitz. Es war die Vorentscheidung im Kampf ums Podium.

Die Tour de France 2026 könnte Lipowitz liegen

Bei der Tour de France 2026 darf sich Lipowitz natürlich wieder beweisen, das gab sein Team bereits Mitte Dezember bekannt. Geht es nach dem ARD-Radsportexperten Fabian Wegmann, selbst ehemaliger Profi, könnte Lipowitz der Parcours in diesem Jahr liegen. Als Spektakel geht es zwei Tage in Folge hoch in den legendären Wintersportort Alpe d’Huez. Es sei „genau die richtige Tour“ für Lipowitz, sagt Wegmann.

„Es wird wieder eine spannende Tour“, sagt Lipowitz selbst: „Anders als in diesem Jahr, wo es am Anfang eher flachere Etappen mit ein paar kurzen Anstiegen gab, geht es dieses Mal relativ schnell in die richtigen Berge. Man wird wahrscheinlich schon nach drei, vier Tagen einen groben Stand sehen. Es wird sich ziemlich schnell zeigen, wo wer steht.“

Er muss im kommenden Sommer nun bestätigen, was Emanuel Buchmann nicht gelungen ist. Der war der bislang letzte Deutsche, dem eine große Karriere als Rundfahrer vorhergesagt wurde. Sein vierter Platz bei der Tour de France 2019 sollte aber ein One-Hit-Wonder bleiben.

Abzuwarten bleibt, wie sich die Personalplanungen in Lipowitz‘ Team auswirken. Mit Remco Evenepoel, Doppel-Olympiasieger von Paris und Vuelta-Sieger von 2022, steht der nächste Superstar bei Red Bull-Bora-hansgrohe unter Vertrag. Auch er soll bei der Tour de France fahren und wird ebenfalls Ansprüche auf die Kapitänsrolle mitbringen. Reibungspunkte könnte es also geben. Als alleiniger Anführer wird Lipowitz auf jeden Fall erneut nicht fungieren. Im vergangenen Jahr war er ja eigentlich als Helfer für den Slowenen Primoz Roglic eingeplant, entpuppte sich aber als besserer Fahrer.

Evenepoel hatte auf der 14. Etappe völlig entkräftet aufgeben müssen, zu diesem Zeitpunkt lag er auf Rang drei in der Gesamtwertung. Nun soll das Duo Lipowitz/Evenepoel Red Bull-Bora-hansgrohe bei der Tour de France „taktisch unberechenbarer“ machen, wie es in einer Mitteilung des Teams hieß. Eines Tages wird sich das Team aber auf einen Kapitän festlegen müssen. Ob es wieder Lipowitz wird?

Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Wenn Tour de France ist, gibt er sich drei Wochen dem Radsport-Hype hin.

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