Bei der Vierschanzentournee springen die Norweger Marius Lindvik und Johann André Forfang um die vorderen Platzierungen mit. Dabei waren sie bei der vergangenen WM im heimischen Trondheim in den Anzugskandal verwickelt. Ein Video zeigte, wie ihre Trainer steife Bänder in ihre Anzüge nähten. Sie sollten den Anzug stabiler machen und die Flugfähigkeit erhöhen. Ihre Drei-Monats-Sperre konnten Lindvik und Forfang im Sommer absitzen, seine Goldmedaille durfte Lindvik behalten. Denn: Beide Springer taten unwissend, und es gab keine Beweise, die sie überführten.

Die Folge aus dem Skandal: Der Weltverband Fis hat mit Mathias Hafele einen neuen Materialkontrolleur installiert, der genau hinschaut und Schummeleien sofort ahndet.

Der Anzug-Check findet in einem kleinen Container im Auslauf der Sprungschanze statt. Als Erstes tastet Hafele den Springer ab – wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Er prüft, ob der Anzug eng anliegt und es keine stabilisierenden Bänder oder Nähte gibt.

Dann stellt sich der Springer auf ein Gestell, das die Schrittlänge misst. Das Anzugbein muss drei Zentimeter länger sein als das Bein des Springers. Ansonsten wäre der Anzug im Schrittbereich zu groß und würde eine unzulässige Tragfläche bieten. Genauso die Ärmel: Sie dürfen maximal fünf Zentimeter kürzer als die Arme sein. Ansonsten wäre die Stoffmasse im Schulterbereich zu groß.

Grundregel für die Größe des Anzugs: Er muss an jeder Stelle vom Umfang zwei bis vier Zentimeter größer sein als der Körper. Erst entscheidet Hafele nach Augenmaß, bei Verdachtsfällen misst er mit dem Band nach. Dazu macht er Striche auf Körper und Anzug und vergleicht die Umfänge. Besonders genau schaut er sich den Hüftumfang an.

Eine Lehre aus dem Norweger-­Skandal

Dann zieht sich der Springer bis auf die Unterwäsche aus. Hafele zupft und zerrt am Anzug, um unerlaubte eingenähte Elemente zu entdecken. Eine Lehre aus dem Norweger-­Skandal. „Ohne dieses Video wäre der Betrug nicht aufgeflogen“, sagt Hafele.

Als neues Kontrollmaß führte er das „Top of the leg“ ein, das obere Ende des Oberschenkels. Hierzu biegt er das Anzugbein im rechten Winkel nach oben und misst im Übergang zum Schritt den Umfang. Dann misst er den Oberschenkel des Springers. Auch hier gilt: Maximal vier Zentimeter Unterschied sind erlaubt.

Nächster Kontrollpunkt: die Luftdurchlässigkeit des Anzugs. Sie muss mindestens 40 Liter pro Quadratmeter pro Sekunde betragen, sonst würde der Anzug zu sehr tragen. Hafele misst an drei Stellen: Rücken, Bauch, Bein. Ein Skisprunganzug besteht aus fünf laminierten Schaumstoffschichten mit einer Membran in der Mitte. Bei der Herstellung ist er zunächst luftdicht, wird dann aber perforiert.

Auch für die Schuhe gibt es Vorschriften: Sie dürfen maximal zwei Zentimeter länger als der Fuß sein. Die Standhöhe im Schuh darf maximal vier Zentimeter betragen. Die Keile in den Schuhen sind in ihrer Größe ebenfalls limitiert und müssen durch eine Schablone passen. Die Springer stecken sie hinten in den Schuh, um dadurch Vorlage und nach dem Absprung sofort direkten Kontakt zum Ski zu bekommen.

Von Skilängen, Gewicht und verbotenem Fluor

Natürlich sind auch die Ski reglementiert. Ihre Länge darf maximal 145 Prozent der Körpergröße betragen. Die maximale Skilänge darf ein Springer nur ausschöpfen, wenn er den Body-Mass-Index von 21 erreicht. Ist er zu leicht, muss er kürzere Ski nehmen. Die maximale Vorderskilänge beträgt 57 Prozent der gesamten Skilänge. Maximale Skibreite: 10,5 Zentimeter.

Zudem checkt Hafele mit einem elektronischen Messgerät, ob Fluor im Skiwachs enthalten ist. Das erhöht die Gleitfähigkeit bei der Anfahrt, ist aber umweltschädlich und daher verboten.

Hafele ist ein ehemaliger Springer, war danach als Materialchef 17 Jahre für Österreich und drei Jahre für Polen tätig. „Ich komme aus dem Geschäft und habe das nötige Know-how“, sagt er. Den ersten Verstoß ahndet er mit einer Gelben Karte und der Disqualifikation für den laufenden Wettbewerb. Ein zweiter Verstoß hat die Rote Karte und den Ausschluss auch für die folgenden zwei Wettbewerbe zur Folge.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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