Wo Barock rockt
Ein schwäbisches Versailles ist Schloss Altshausen dann doch nicht geworden, obwohl dahin der Ehrgeiz ging. Frankreichs berühmtester Adelssitz war nun mal europaweit das große Vorbild. Aber immerhin fungiert Schloss Altshausen seit dem Ende der Monarchie als Stammsitz des Hauses Württemberg. Es erstrahlt nach dem Tod des Herzogs Carl von Württemberg vor vier Jahren frisch renoviert und in einem Glanz, den es vermutlich nie gehabt hat.
Das ist typisch Barock: Mehr Schein als Sein! Was sich nach dem Dreißigjährigen Krieg in ganz Europa als Stil durchsetzte, umfasste freilich nicht nur Architektur. Barock war eine Lebensform: Sie bezeichnete den Triumph von Pracht und Repräsentativität, wie ihn wohl nur Menschen empfinden können, die noch einmal davongekommen sind; immerhin hatte es ein Drittel der deutschen Bevölkerung zwischen 1618 und 1648 dahingerafft.
Doch das Barock war auch Ausdruck einer siegreichen Gegenreformation. Weshalb es im lange Zeit habsburgischen – also katholischen – Teil des heutigen Baden-Württembergs besonders viel Barock gibt. 1966 kam man auf die gute Idee, die vielen Zeugnisse aus dieser Zeit für Reisende besser sichtbar zu machen: in Form der Oberschwäbischen Barockstraße.
Die ist eigentlich ein Netz von 860 Kilometern: Eine Hauptroute plus je eine abzweigende Süd-, West- und Ostroute, die südlich von Ulm Barock-Erlebnisstationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz miteinander verbinden. Wie an einer Perlenkette sind hier herrliche Kirchen, Klöster, Schlösser aufgereiht; jede Perle hat ihr besonderes Alleinstellungsmerkmal. 2026 feiert die Barockstraße ihr 60-Jahre-Jubiläum.
Vom Hier und Jetzt ins Himmelreich
Altshausen ist erst seit diesem Jahr Glied der Perlenkette – ein guter Startpunkt für einen Barock-Roadtrip. Altshausens Highlight ist ein barockes Theater. Man hat es erst kürzlich von jahrhundertealtem Schutt und Schmutz befreit. Ein riesiger Kulissenbau aus Holz ragt in der Kapelle zum Heiligen Grab empor. Entstanden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurde er nur an Ostern bespielt. Von feierlicher Musik begleitet, zog eine damals hochmoderne Theatermaschine den auferstandenen Jesus als überlebensgroße Holzfigur aus der Gruft empor.
Wer sich zu einer „Lauschtour“ mit Erläuterungen per App durch das Schlossareal von Altshausen begibt, hört an dieser Station das verhaltene frühmittelalterliche „Salve Regina“ des gelehrten Mönchs Hermann der Lahme, der hier geboren wurde und später auf der Reichenau wirkte. Per Kopfhörer kann man dabei eintauchen in eine Welt, die nicht wie bei den Protestanten Religion als Sache der Selbstversenkung auffasste, sondern sie anschaulich werden ließ, einen Bogen vom Hier und Jetzt ins Himmelreich spannte.
Etwas weiter südlich demonstriert Kloster Weingarten, dass zum grandiosen Theater des Barock auch üppige Musik gehörte. Zwar sind die Benediktinermönche hier 2010 ausgezogen, aber ihre Kirche lebt. Dort befindet sich eine der imposantesten Orgeln Europas: Mit 6666 Pfeifen schuf Orgelbauer Joseph Gabler für das Gotteshaus um 1750 ein wahres Orgelgebirge.
Mit ihrem vollen, in feinste Nuancen verschwebenden Klang wurde das Instrument für eine Musik entworfen, die es damals noch gar nicht gab. Nicht nur majestätische Kompositionen von Johann Sebastian Bach können hier aufrauschen, sondern auch Glockenschall, Vogelgezwitscher oder die subtilen Klänge romantischer Sehnsucht.
Wer gegen den Uhrzeigersinn die Oberschwäbische Barockstraße bereist, sollte von Weingarten aus in östlicher Richtung auf gleicher Höhe in Kißlegg Halt machen. Der charmant verschlafene 6500-Seelen-Ort verfügt ebenfalls über ein Schloss.
Ein Graf Johann Ernst II. von Waldburg zu Friedberg und Trauchburg kompensierte seine politische Bedeutungslosigkeit mit einem Prachtbau, der in einer Schlosskapelle kulminiert, die wunderbar demonstriert, was das Barock mit seinen Sakralbauten herstellen wollte: die Illusion eines Paradieses, dessen jeder Mensch teilhaftig werden konnte, der sein Leben im Sinne der alleinseligmachenden Kirche führte und an Fest- und Feiertagen den Kopf zur Kuppel erhob.
Denn dorthin wachsen die Pfeiler der Kirche in gemalter Form einfach noch weiter empor. Ein riesiges Fresko breitet darüber dann die Segnungen des ewigen Lebens aus. Und alle Heiligen, die im Kirchenraum, aber auch über Schloss und Stadt verteilt ihre Anwesenheit bekunden, tauchen hier noch einmal in ihrer helfenden Funktion auf: als Vermittler zu Gott. Bei ihm leisten sie Fürbitte. Der heilige Rochus beispielsweise gegen Hautkrankheiten, die heilige Apollonia gegen Zahnweh und der heilige Erasmus nimmt sich der Darmbeschwerden an.
Weiter geht es in Richtung Norden in den Landkreis Biberach. Hier kann man erleben, dass Barock nicht immer monumental sein muss, sondern auch eine intime Seite haben kann. Das sieht man sehr schön in der Kirche von Gutenzell, die den Heiligen Kosmas und Damian geweiht ist. Sie wurden als Nothelfer gegen Pestseuchen angerufen. Hier erleben wir den Übergang ins Rokoko: Die Heiligenfiguren an den Pfeilern werden kleiner, die Fenster dafür größer, sie nehmen die verspielten Formen von Birnen und Nieren an. Und immer lassen sie das Licht der Tageszeiten herein; das Leben, wie es ist.
Sogar eine Uhr fehlt nicht im Kircheninneren. Die Lieblingsfarben neben dem Weiß der Wände sind nun, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Zartrosa und Lindgrün. Man liebte es damals heiter und hell. Für niederschwellige Anschaulichkeit ist auch wieder gesorgt: Dafür stehen die geschnitzten, von einfallsreichen Stickerinnen gewandeten Krippenfiguren, die das Alleinstellungsmerkmal dieses Ortes bilden. 100 Stück von einst 200 haben sich erhalten. Sie werden nur in der Weihnachtszeit hervorgeholt.
Hopfenhandel und Perückenfabriken
Das Barockzeitalter in seiner Diesseitszugewandtheit drückt sich nicht nur im Religiösen aus. In dieser Ära entstanden auch die ersten am Reißbrett entworfenen Planstädte wie Breisach oder Karlsruhe. Eine barocke Siedlung finden wir, neben dem obligaten Schloss und der reich geschmückten Kirche, auch in Laupheim, nördlich von Biberach.
Hier hat ein ebenfalls politisch einflussloser und noch dazu armer Adeliger im 18. Jahrhundert Juden angesiedelt. Sie sollten mit ihrem Gewerbefleiß die Stadtkasse füllen. So wurde ihnen ein modern gebautes Planquadrat zur Verfügung gestellt, nebst Synagoge und Friedhof. Es existiert noch heute.
Die Rechnung des Freiherrn von Welden ist aufgegangen. Nicht nur, weil Laupheim im Laufe der Zeit mit Hopfenhandel und Perückenfabriken Weltfirmen aufbaute und zu Wohlstand gelangte, sondern auch in humaner Hinsicht: Hier entstand die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein größte jüdische Gemeinde im Königreich Württemberg.
Das Museum zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim in Laupheim widmet diesem Zusammenleben gebührend Raum. Dabei huldigt es auch ausgiebig dem bekanntesten Sohn der Stadt: Hollywood-Mogul Carl Laemmle. Er gründete die Universal Studios und gilt mit Filmen wie „Dracula“ und „Frankenstein“ als Erfinder des Gruselschockers.
Schloss Großlaupheim: Hier widmet sich ein Museum der jüdischen VergangenheitSeit 2017 wird in Laupheim ein Preis für Filmproduzenten verliehen, der nach diesem Mann benannt ist, der auch als naturalisierter Amerikaner jedes Jahr seine Geburtsstadt besuchte und ihr, wenn Not am Mann war, finanziell unter die Arme griff. Auf dem jüdischen Friedhof, der vermutlich seiner zentralen Lage wegen im Dritten Reich nicht geschändet wurde, liegt Laemmle begraben. Die Synagoge wurde jedoch von fanatischen Nazis im November 1938 in der „Reichspogromnacht“ zerstört.
In Laupheim, das jahrhundertelang Teil des katholischen Habsburgerreichs war, endet das Himmelreich des oberschwäbischen Barock. Wer noch einen Abstecher ins nahegelegene Ulm unternimmt, wird dort so gut wie keine barocke Pracht finden: Die Stadt war nie österreichisch beherrscht, ist protestantisch geprägt und liegt damit jenseits des Barockäquators.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Die Oberschwäbische Barockstraße erkundet man am besten per eigenem Auto oder Mietwagen, denn die über das Land verteilten Weiler und Klöster sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen.
Wo wohnt man gut? Das „Hofgut Farny“ in Kißlegg ist ein familienfreundlicher Vier-Sterne-Gasthof mit eigener Bierbrauerei, in der 1924 angeblich das Kristallweizen erfunden wurde, Doppelzimmer ab 121 Euro (hofgut-farny.de). Mit vorzüglichem Restaurant ausgestattet ist das „Hotel Klosterhof“ in Gutenzell, Doppelzimmer ab 88 Euro (klosterhof-gutenzell.de).
Barock-Highlights: Schloss Altshausen: Schlosshof mit Kapelle zum Heiligen Grab können besichtigt werden, Eintritt frei (altshausen.de). Kloster Weingarten: Basilika St. Martin samt Gabler-Orgel, Eintritt frei (katholisch-weingarten.de). Neues Schloss samt Kapelle in Kißlegg, Eintritt vier Euro (kisslegg.de). Museum zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim in Laupheim, Eintritt sieben Euro (museum-laupheim.de). Kirche St. Kosmas und Damian in Gutenzell-Hürbel, Eintritt frei (st-scholastika.drs.de/gutenzell/pfarrkirche.html).
Weitere Infos: tourismus-bw.de; oberschwaben-tourismus.de
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Tourismus Marketing Gesellschaft Baden-Württemberg und Oberschwaben Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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