Niederschlesien, das ist nicht nur ein Ort in der deutschen Erinnerungslandschaft, sondern ein real existierendes Urlaubsziel und eine polnische Region – eine prosperierende Woiwodschaft, die besser dasteht als der überwiegende Rest des Landes. Das ist vor allem Breslau (Wroclaw) zu verdanken, der Oder-Metropole mit fast 700.000 Einwohnern, florierender Wirtschaft, Hochschulen, wiederaufgebauter Altstadt und der Jahrhunderthalle von 1913, einem grandiosen Stahlbetontempel für 20.000 Besucher, seit 2006 Unesco-Weltkulturerbe.

Mit den protestantischen Friedenskirchen in Schweidnitz (Swidnica) und Jauer (Jawor), Europas größten Fachwerk-Gotteshäusern aus dem 17. Jahrhundert, die prachtvoll ausgemalt sind, besitzt Niederschlesien weitere Welterbestätten. Sie wurden gebaut, als die Gegend noch zum katholischen Österreich gehörte – sie lohnen jeden Umweg!

Beliebtes Souvenir: Bunzlauer Keramik aus Boleslawiec, bekannt vor allem für das gepunktete Pfauenaugenmuster

In ganz Polen populär ist außerdem Bunzlau (Boleslawiec), berühmt für seine ins Mittelalter zurückreichende Keramiktradition. Am bekanntesten ist das gepunktete Pfauenaugenmuster, das deutsche Töpfer erfunden haben. Nach der Vertreibung der Deutschen starb das Handwerk nicht aus, sondern wurde von polnischen Töpfern übernommen und weitergeführt.

Rübezahl geistert bis heute durchs Riesengebirge

Berühmt ist auch das Riesengebirge mit der weltbekannten Schneekoppe, beliebt bei Wanderern und Wintersportlern. Der Berg steht heute auf der Grenze zwischen Polen und Tschechien und ist ein Wahrzeichen des Gebirges. Das andere ist der Berggeist Rübezahl, eine Sagengestalt wie Robin Hood, die den Armen und Schwachen hilft und die in Deutschland, Polen und Tschechien gleichermaßen geschätzt wird.

Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, gebürtiger Niederschlesier, war ein großer Fan vom Riesengebirge. In Agnetendorf (Jagniatkow) bezog er 1901 die Villa Wiesenstein, in der er viele Jahre bis zu seinem Tod verbrachte. Der Jugendstilbau ist seit ein paar Jahren ein Museum. Weil Hauptmann von den Sowjets verehrt wurde, durfte er nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Heimat bleiben, die nun polnisch geworden war, und entging der Vertreibung. Er starb 1946 und wurde sogleich nach Restdeutschland überführt – in seiner Heimat durfte er nicht beerdigt werden. Heute wird Hauptmann in Polen als Pionier für das schlesische Regionalbewusstsein geschätzt.

Ein Zipfel Niederschlesiens blieb 1945 übrigens bei Deutschland – Görlitz und sein Umland westlich der Neiße. Hier bekommt man bis heute regionale Spezialitäten wie Mohnkuchen und Schlesisches Himmelreich: Rauchfleisch mit Backobst und Klößen. Görlitz überstand den Weltkrieg fast unzerstört und ist heute eine der schönsten Städte Niederschlesiens. Das östliche Drittel der Stadt liegt jenseits der Neiße und gehört als Zgorzelec zu Polen.

Im Tal der Schlösser

Rund 40 Schlösser stehen im Hirschberger Tal, dicht an dicht. Einige sind Ruinen, viele sind gut in Schuss. Im 19. Jahrhundert traf sich hier Preußens Hautevolee. Heute ist die Gegend am Fuß der Schneekoppe eines der reizvollsten Reiseziele in Polen, gerade jetzt, im Herbst. Inzwischen wird die Gegend, die auch als „Schlesisches Elysium“ bekannt ist, verstärkt von deutschen Touristen wiederentdeckt. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Hirschberger Tal deutschlandweit beliebt bei Wanderern, Künstlern und Kurgästen, ähnlich gut besucht wie der Schwarzwald.

Am schönsten wohnt man in einem Schlosshotel, von denen das in Lomnitz (Palac Lomnica) sehr zu empfehlen ist – ein Barockensemble aus zwei Schlössern mit guter regionaler Küche, mehreren Hofläden, einem Museum über Schlesiens höfisches Leben und einer aus Deutschland eingewanderten Gastgeberin, Elisabeth von Küster, die das Hotel seit Jahrzehnten liebevoll betreibt. Sie übernahm das heruntergewirtschaftete Anwesen mit ihrem Mann, dessen Familie von hier stammte, Anfang der 1990er-Jahre.

Schlosshotel Lomnitz ist eine der charmantesten Unterkünfte im Hirschberger Tal, hier malerisch von Herbstnebel umspielt

Aus Ruinen entstand nach jahrelanger mühsamer Restaurierung eines der charmantesten Schlosshotels in Schlesien, umgeben von einem wunderbaren Landschaftspark mit uralten Bäumen. Der Park musste bei einem Tornado, der im Juli 2026 durch das Hirschberger Tal fegte, zwar Federn lassen, sprich: mehrere Bäume wurden entwurzelt. „Die sind inzwischen aber beseitigt“, sagt Schlossherrin von Küster – und freut sich, „dass der Sturm uns neue Blickachsen in Richtung Berge beschert hat“.

Gleich gegenüber, am anderen Ufer des Flusses Bober, liegt das weiß getünchte Bilderbuchschloss Schildau (Palac Wojanow), beliebt für Hochzeiten. Dieses Schlosshotel ist ausweislich der hier geparkten dicken Limousinen und SUVs mit Warschauer Kennzeichen beliebt bei der polnischen Hautevolee. Im 19. Jahrhundert hatte es der preußische König Friedrich Wilhelm III. für seine Tochter Luise gekauft.

Wer Lust auf mehr Schlösserhopping hat: Besonders vornehm ist das neogotische Wasserschloss Fischbach (Karpniki), frühere Sommerresidenz von Prinz Wilhelm von Preußen. Das heute hier befindliche Hotel zählt zu den teuersten in Niederschlesien, die Zimmer sind edel eingerichtet mit Antiquitäten.

Nicht verpassen sollte man auch Schloss Stonsdorf (Staniszow). Es bietet nicht nur den größten Hotel-Spa der Gegend, sondern auch die „Stonsdorferei“, wo Schlesiens berühmter Kräuterlikör, der Stonsdorfer, aus Wildkräutern, Wurzeln und Waldheidelbeeren hergestellt wird und probiert werden kann.

Es gibt wieder Wein in Niederschlesien

Noch eine andere flüssige Spezialität wurde wiederbelebt: schlesischer Wein. 130 Hektar Weinreben und gut 80 Weingüter gibt es heute wieder in Niederschlesien, vor allem im Katzengebirge und am Berg Zobten.

Die Winzer mussten nach der Wende bei Null anfangen. Nach 1945 hatten die polnischen Kommunisten den Weinbau, der hier zu deutscher Zeit jahrhundertelang großflächig betrieben worden war, komplett eingestellt.

Vor 200 Jahren gediehen in Schlesien rund 1700 Hektar Reben. Sogar die erste deutsche Sektkellerei wurde in dieser Region gegründet – in Grünberg, dem heutigen Zielona Gora. „Innerhalb von 20 Jahren hat sich der polnische Wein von null zu einer lebhaften, farbenfrohen Realität entwickelt, und man hat das Gefühl, dass dies erst der Anfang ist“, lobt das Weinmagazin „Falstaff“.

Zu den bekanntesten Weingütern Niederschlesiens zählt zum einen Winnica Silesian nördlich von Schweidnitz, wo ein herrlich mineralischer Riesling produziert wird. Zum anderen das Weingut Adoria in Sachwitz (Zachowice) vor den Toren Breslaus. Geführt wird es von einem Kalifornier, der 1995 der Liebe wegen hierher kam. Adorias Weine (Pinot Noir, Chardonnay, Riesling) sind preisgekrönt und zählen zu den besten in Polen.

Deutsche Inschriften werden gepflegt

Jahrhundertelang war Schlesien böhmisch, österreichisch, preußisch, deutsch. Das hat Spuren hinterlassen, die nach der Vertreibung der Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkriegs geblieben sind: Inschriften, Stuckwerk, Schilder. Flächendeckend wurden sie in Polens „wiedergewonnenen Westgebieten“ nach 1945 von den kommunistischen Behörden übertüncht, entfernt, zerstört.

Doch unter abgeblättertem Putz oder verblichenen Farben kommen immer mehr deutsche Inschriften ans Tageslicht zurück, etwa an dem abgebildeten Gehöft im Riesengebirge, wo eine Schnitzerei den preußischen König ehrt. In Breslau (Wroclaw) kümmern sich Bürgerinitiativen um den Erhalt deutscher Inschriften, es werden sogar geführte Touren angeboten.

Freigelegtes deutsches Erbe: Die Inschrift „GOTT SEGNE DEN KOENIG FRIEDRICH WILHELM III.“ am Balkon eines Hauses in Erdmannsdorf-Zillerthal (Mysłakowice) wurde nach 1945 mit Brettern verdeckt

Das Schlesische Museum in Görlitz widmet dem Thema eine gut gemachte eigene Ausstellung: „Zeichen der Zeit“ (bis 1. November). Überhaupt bietet das Museum einen sehenswerten, ausgewogenen Überblick über die tausendjährige Geschichte Schlesiens – von der Frühzeit, als die Region von den polnischen Piasten beherrscht wurde, über die preußisch-deutsche Ära bis zum Nachkriegsschlesien.

Erfreulicherweise wächst in Polen die Zahl derer, die das Erbe verantwortungsvoll pflegen. Zu den Bewahrern gehört insbesondere Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die über die deutschen Schlesier sagt: „In kultureller und geistiger Hinsicht sind auch sie unsere Vorfahren.“

Fast hätte Goethe in Schlesien geheiratet

Schlesien hat Besucher schon vor Jahrhunderten begeistert: „Ein zehnfach interessantes Land“ – das schrieb Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) in einem Brief an seinen Freund Johann Gottfried Herder, als er im Sommer 1790 zwei Monate durch Schlesien reiste und dabei Breslau, das Riesengebirge und die Grafschaft Glatz besuchte.

Wobei er sich nicht nur in die Landschaft, sondern auch in eine Schlesierin verliebte: Er war so entzückt von der gebildeten 21-jährigen Henriette Freiin von Lüttwitz, dass er ihr einen Heiratsantrag machte. Ihr Vater, Hans Wolff Freiherr von Lüttwitz, lehnte Goethes Ansinnen allerdings ab: wegen dessen nichtadeliger Herkunft. Zu schade – fast wäre der deutsche Dichterfürst ein angeheirateter Schlesier geworden.

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