Hinter der Grenze wartet das andere, ruhigere Erzgebirge
Es geht nur langsam voran. Am Wegesrand wachsen einfach zu viele Heidelbeeren. Sie warten geradezu darauf, gepflückt und sofort in den Mund geschoben zu werden. Im gut besuchten sächsischen Erzgebirge wären die Sträucher längst beerenleer. Hier aber, im tschechischen Teil des Gebirgskamms, sind viel weniger Wanderer unterwegs. Denn bis heute steht das „andere Erzgebirge“ im Schatten der sächsischen Variante.
Während Letztere in Deutschland nicht nur wegen weihnachtlicher Handwerkskunst und Schaubergwerken als Reiseziel bekannt ist, hat man vom böhmischen Erzgebirge wenig gehört. Vielleicht etwas zur Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung nach 1945. Und vom Waldsterben, das kurz nach der Wende Schlagzeilen machte.
Umso größer ist die Überraschung, wenn man einfach mal hinreist – und sieht, was man bisher verpasst hat. Die Wanderwege sind überdacht mit üppigem Grün, sodass es eine Freude ist. Wanderern wird ein bestens organisiertes Wegenetz zu Füßen gelegt. Tatsächlich bietet Krusnohori, der tschechische Teil des Erzgebirges, 1600 Kilometer Wanderwege – und damit ein noch dichteres Netz als der sächsische Part, wenn man bedenkt, dass der böhmische Anteil nur ein Viertel der Gesamtregion beträgt.
Als neuer Höhepunkt lohnt sich der Kammweg Erzgebirge-Ost, der auf den Höhen des tschechischen Erzgebirges nahe der Grenze zu Deutschland liegt. Frisch gestaltet und beschildert führt er auf 143 Kilometern in sieben Etappen durch Wälder und Moore, zu Top-Aussichten und an kaum bekannte Welterbestätten: Das böhmische Erzgebirge gehört genauso wie das sächsische seit 2019 zum Unesco-Weltkulturerbe Montanregion Erzgebirge/Krusnohori.
Einst dicht besiedelte Region
Idealer Startpunkt für eine Wandertour ist der Ort Klösterle an der Eger (Klasterec nad Ohri), der gut per Zug erreichbar ist. Vom Bahnhof in der Ebene wandert man am ersten Tag hinauf. Auf tschechischer Seite wirft sich das Erzgebirge einem steil und wild entgegen, aber oben öffnet sich ein Plateau, das nach Deutschland hin sanft abfällt. Hier klinkt man sich ein in die erste Etappe des Kammwegs. Sie führt von Gottesgab (Bozi Dar) nach Kupferberg (Medenec), einst bedeutsame Bergbauorte.
Denn so grün die Hügel auch sind: Das böhmische Erzgebirge ist keine Wildnis, sondern eine Kulturlandschaft, die Menschen seit Jahrhunderten bearbeitet haben. Um 1168 wurde Silber gefunden. Das sogenannte Berggeschrey setzte ein, lockte Glückssucher an wie beim Goldrausch in Nordamerika. Die Bevölkerung wuchs massiv.
Im späten Mittelalter war das Gebiet zwischen Eger (Cheb) und Aussig (Usti nad Labem) eine der am dichtesten besiedelten Regionen Europas. Nach der Blütezeit im 16. Jahrhundert setzte im Dreißigjährigen Krieg der Niedergang ein. Bis im Zuge der Wende schließlich alle Erzbergwerke stillgelegt wurden, da eine Förderung nicht mehr rentabel war. Die Bergbautradition ist jedoch bis heute erlebbar und macht die Region einzigartig.
Barockgarten des Stadtschlosses im Ort Klösterle an der EgerAuf dem Weg nach Kupferberg, wo in den 1990er-Jahren das letzte Erzbergwerk Böhmens schloss, führt der Wanderweg vorbei am Mariahilfstollen (Stola Panny Marie Pomocne), den man besichtigen kann.
Hervorragend markierte Wanderwege
Nach der kalten Unter-Tage-Luft geht es hinauf auf die sonnige Hochebene und zur barocken Kapelle auf dem Kupferhübel (Mednik) – mit Rundumblick über die Vulkanlandschaft des böhmischen Mittelgebirges im Süden, über das Erzgebirge und hinab zu den großen Kohlekraftwerken in der Ebene. Zu sehen ist auch ein Windpark, 2033 wird Tschechien den Braunkohlebergbau komplett beenden.
Hin und wieder trifft man auf den hervorragend markierten Wegen doch einmal jemanden. So wie die vier jungen Leute aus Prag, die auf dem Czech Trail unterwegs sind – einem Fernwanderweg, der an Tschechiens Grenzen entlangführt und hier dem Kammweg folgt.
Dabei übernachten sie frei in der Natur, was auf ausgewiesenen Plätzen oder im Rahmen des Notzeltens erlaubt ist. Auch beim nagelneuen Infokiosk in Sebastianberg (Hora Svateho Sebestiana) mit Café und Toiletten sitzt eine junge Tschechin mit großem Rucksack. In der Nacht zuvor hat sie unter einer Plane auf einer Wiese geschlafen.
Der Ort wirkt seltsam leer. „Vor dem Krieg lebten hier 2000 Menschen, heute nur noch an die 300“, erzählt die Kellnerin. Nach der Vertreibung seien nur drei deutsche Familien geblieben, während die neuen Siedler – oft Slowaken aus Rumänien – mit falschen Versprechungen der Kommunisten hergelockt worden seien. Schlimm sei es hier damals zugegangen. Viele Dörfer des einst dicht besiedelten Gebiets wurden komplett aufgegeben. Immerhin fallen einzelne hübsch renovierte Anwesen auf. Oft sind es Ferienhäuser.
Dafür gibt es immer wieder gute Einkehrmöglichkeiten, etwa das „Hotel Lesna“. Es ist eines der wenigen erhaltenen Häuser der gleichnamigen Siedlung, zu Deutsch Ladung, und seit mehr als 100 Jahren ein beliebtes Ausflugsziel.
Einer der Vorteile beim Wandern ist: Man bekommt Hunger – den braucht es auch angesichts der Speisekarte. Zu den wunderbaren böhmischen Knödeln werden Fasanenbrust, deftiges Wildgulasch oder eine ganze gebratene Ente serviert.
Im Gastraum sitzen viele Deutsche. „Klar, es ist nicht weit zur Grenze“, sagt der Wirt und setzt eine steile These hinzu: „Drüben in Sachsen gibt es ja keine richtigen Gaststätten mehr, nur noch Kebab und Pizza.“ Wer nach dem Essen noch ein paar Schritte gehen möchte, kann sich im Lesna-Museum historische Fotos aus der Vorkriegszeit ansehen.
Die nächste Etappe führt am Floßgraben entlang, auch Neugrabenflöße genannt. Durch dichten Wald und an wucherndem Farn vorbei folgt der Wanderweg dem 18 Kilometer langen Gewässer aus dem 17. Jahrhundert. Hier wurden einst Holzstämme für den Bergbau bis in die Freiberger Mulde bei Clausnitz geflößt.
„Meine Lieblingsetappe“, sagt Zdenka Sredlova. Sie engagiert sich ehrenamtlich beim Klub tschechischer Touristen. Der 1888 gegründete Verein kümmert sich um die Markierung der Wanderwege, die in ganz Tschechien vorbildlich gepflegt sind.
Die größte Überraschung ist das gesund wirkende Grün: dichter Mischwald, der sich entlang des Wanderwegs erstreckt und an den Aussichtspunkten bis zum Horizont reicht. Früher sah es hier anders aus, erinnert sich Sredlova. „Durch sauren Regen war alles tot, oft hing stinkender Nebel vom Kohleabbau über den Orten.“ Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sei es besser geworden.
Wanderrevier vor der Haustür: Der Kammweg Erzgebirge-Ost führt durch üppiges GrünHeute erinnern nur vereinzelte abgestorbene Nadelbäume an diese Katastrophe – Silberfichten, die nach dem Waldsterben in den 1990ern als robuste Übergangslösung gepflanzt wurden. Ansonsten ist fast der gesamte Wald nur rund 30 Jahre jung.
So sind die sattgrünen Bäume im böhmischen Erzgebirge ein gutes Beispiel für praktizierten Umweltschutz: Die Schwefeldioxid-Emissionen wurden seit den 90er-Jahren durch die Modernisierung von Kohlekraftwerken und den Ausbau erneuerbarer Energien um mehr als 90 Prozent reduziert.
Darauf eine letzte Einkehr, denn Wandern macht nicht nur hungrig, sondern auch durstig. Vielleicht noch ein Snyt? Bei dieser traditionellen tschechischen Zapfart wird ein Glas mit wenig Bier und viel cremigem Schaum gefüllt. Oder lieber eine Flasche Kofola? Die kommunistische Führung brachte dieses braune Süßgetränk in den 50er-Jahren als Coca-Cola-Ersatz auf den Markt.
Nach der Wende tranken dann fast alle nur noch das amerikanische Original – bis nach der Jahrtausendwende cleveres Marketing die alte Ost-Cola zum Kultdrink beförderte, beworben als „das Getränk deiner Kindheit“. Wer Süßes und Alkohol verschmäht, trinkt am besten böhmisches Mattoni-Mineralwasser. Das war zu k.u.k. Zeiten ein weltberühmtes Exportgut und passt gut zur Region: Es sprudelt aus Quellen am Südhang des Erzgebirges.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Etwa von Frankfurt/M. über Dresden oder von Berlin ins tschechische Aussig (Usti nad Labem), weiter per Regionalbahn nach Klasterec nad Ohri.
Wo wohnt man gut? Am Tag der Anreise kann man in der Familienbrauerei „Chalupnik“ in Perstejn einkehren und übernachten, Doppelzimmer ab umgerechnet 83 Euro (pivochalupnik.cz/de). Beim Floßgraben empfiehlt sich das „Café Flaje“, Apartment für zwei Gäste ab 153 Euro (flaje-apartmany.czechhotel.net/de). Deftige Küche und Berghotel-Atmosphäre bietet das „Hotel Lesna“, Doppelzimmer ab 46 Euro (horskyhotellesna.cz).
Weitere Info:s visitczechia.com; montanregion-erzgebirge.de; krusnehory.cz/de/kammweg-erzgebirge.html
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Tschechischen Zentrale für Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.
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