Hier leben noch echte Ungeheuer
Der Sandstrand des unbewohnten Inselchens namens Banta, ein paar hundert Meter steuerbord irgendwo in der endlosen Weite der fernöstlichen Floressee, leuchtet in der Morgensonne in zartem Rosa. Die Luft hat zu Beginn der hiesigen Trockenzeit laue 25 Grad, eine milde Brise weht, der Himmel wolkenlos blau. Das Meer schillert zum Küstensaum hin tropisch-türkis, und unter der Wasseroberfläche tobt maritimes Korallenriffleben: ein Schwarm kunterbunter Papageienfische.
Der Komodo-Archipel ist nicht nur ein Naturidyll, sondern auch, wie das in solchen Dingen kundige Lifestyle-Magazin „TimeOut“ im vergangenen Jahr befand, nicht weniger als „der schönste Ort der Welt“. Schon wahr: Urlauber kommen hier manch einer Vision vom Paradies auf Erden ziemlich nah. Allerdings auch Ungeheuerlichem aller Art.
Die Eilande gehören zu den Kleinen Sunda-Inseln, sie liegen ungefähr in der Mitte Indonesiens. Wer hierhin will, landet fast immer in einem Küstenstädtchen namens Labuan Bajo an der zerklüfteten Westküste der Insel Flores, das keine zehntausend Einwohner hat, aber einen Flughafen mit regem Flugbetrieb. In der Hafenbucht liegen Hunderte Schiffe vor Anker, die meisten sogenannte Pinisis, Zweimaster aus Holz, die noch heute als Frachter zum Einsatz kommen, um Ware von einer Insel zur anderen zu schaffen.
Insgesamt zählt das Land, mit rund 285 Millionen Einwohnern weltweit an vierter Stelle, rund 17.500 Eilande, die sich beidseitig des Äquators von Ost nach West über eine Strecke von 5000 Kilometern ziehen. Das entspricht der Entfernung von Berlin nach Neufundland. Ein aquatisches Riesenreich.
Für Urlauber mit Lust auf den Kick
Angesichts der enormen Entfernungen braucht man hier einen fahrbaren Untersatz, um von A nach B zu gelangen, in diesem Fall ein Boot. Zum Beispiel die „Ombak Putih“, eine schicke Pinisi, weiß mit dunklem Seitenband und sieben Segeln in marineblau, viel Holz und Messing, gut in Schuss. Auf Kiel gelegt wurde die „Weiße Welle“, so der Name in der Landessprache Bahasa, Mitte der 1990er-Jahre in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos, allerdings nicht als Transporter für Ladung, sondern für Urlauber mit Lust auf einen Kick.
Bis zu 24 zahlende Gäste verteilen sich auf zwölf Kajüten im Unterdeck, jede etwa neun Quadratmeter klein, Duschbad und Toilette eingerechnet, immerhin mit Klimaanlage und Bullauge mit Aussicht. Die Crew unter Kapitän Rizal zählt 14 Mann und eine Frau, Atin, Chefköchin, die offensichtlich selbst ganz gerne isst.
Fahrbarer Untersatz für Reisende, die schon viel gesehen haben: die „Ombak Putih“Da das 42-Meter-Schiff auf dieser Tour nicht ausgebucht ist, kommt zu keiner Zeit ein Gefühl der Enge auf. Und den Passagieren steht der Sinn ohnehin nach Abenteuer, nicht nach Luxus. Alle haben schon viele Ecken der Erde gesehen und sind nun auf der Suche nach Abenteuer jenseits touristischer Trampelpfade – fern von dem, was man in Indonesien abfällig „Balifizierung“ nennt und für Rollkofferterror und Overtourism steht.
An Bord sind alle per Du. Mit von der Partie sind Major Ashley aus Hawaii, eine Anästhesistin der US-Army, samt Ehemann Jake, beide in ihren Dreißigern und mit Foto-Drohne unterwegs. Jeff und Victoria, Leseratten, stammen aus Sonoma in Kalifornien, Deborah und Mike, zwei agile Rentner in ihren 70ern, aus Ontario, Kanada.
Und dann ist da die schillerndste Figur von allen: Barbara Whitaker, Barbie genannt, ebenfalls aus Hawaii. Sie trägt pinke Röckchen und stellt sich am ersten Tag mit tiefem Seufzer und altersweisen Worten vor: „It’s not easy to be georgeous“, es sei gar nicht leicht, ein hinreißender Zeitgenosse zu sein. Obwohl schon an Land wackelig auf den Beinen, ist sie von wackerem Gemüt und will ihren Spaß. Während sich die Freundin daheim um die Katzen kümmert, geht sie eine Woche lang im Tropenmeer schwimmen und schnorcheln. Was man so unternimmt mit 86.
Indonesien ist Teil des Pazifischen Feuerrings. Etwa 130 aktive und zig erloschene Vulkane bilden das geologische Rückgrat, darunter der Tambora auf der Insel Sumbawa, heute um 2800 Meter hoch. 1815 war er für den fürchterlichsten Ausbruch der Menschheitsgeschichte verantwortlich, bei dem die oberen eineinhalb Kilometer des Vulkankegels in die Luft flogen und geschätzt 100.000 Menschen in der Region ihr Leben verloren. Die Flora, die den fruchtbaren Lavaböden entspringt, ist entsprechend opulent und von leuchtend grüner Pracht.
Velociraptor-Vision im Idyll
Auf Rinca, einer hügeligen Nebeninsel Komodos mit hübschen Strandbuchten, gedeihen mannshohes Gras, Gestrüpp, Bäume aufs Üppigste. Behaglich sieht es auf den ersten Blick aus, geradezu idyllisch. Zugleich weckt die Szenerie unwillkürlich Assoziationen zu dem Kosmos der Hollywood-Dinosaurier-Filmreihe „Jurassic Park“. Ein mulmiges Gefühl klopft also unwillkürlich im Hirn an, dass hier womöglich gleich ein fies bekrallter Velociraptor aus dem Dickicht springen und sonst was mit einem anstellen könnte.
Was kein so absurder Gedanke ist. Denn in dieser eigenartig urtümlichen Landschaft hausen zwar keine Dinosaurier, die sind auch hier ausgestorben, wohl aber Drachen: Varanus komodoensis – in der örtlichen Sprache Ora genannt und im Englischen Komodo dragon. Zu finden ist der bis zu drei Meter lange und bis zu 70 Kilo schwere Komodowaran, so sein deutscher Name, lediglich in einem Nationalpark, der neben der Hauptinsel Komodo auch ein paar Nebeninseln umfasst.
Größte Echsen der Welt: Komodowarane werden bis zu drei Meter lang, in freier Wildbahn leben sie ausschließlich auf ein paar indonesischen Inseln. Und lassen es sich gut gehenUm die 3500 Exemplare der größten aller Echsen leben in diesem Revier, das ungefähr so groß ist wie der Bodensee. Man kann sie unkompliziert besuchen, vor allem auf Komodo. Allerdings nicht auf eigene Faust, sondern nur mit einem Guide, der mit einer zwei Meter langen Holzgabel bewaffnet ist, mit der aufdringliche Schuppenkriechtiere notfalls ferngehalten werden können.
Denn der Waran ist ein Raubtier, auch für Menschen nicht ganz ungefährlich. Es hat eine gespaltene, gelb gefärbte, teuflisch anmutende Zunge, mit der es Beute erschnüffelt. Monströs ist am Komodowaran weniger, dass männliche Vertreter der Spezies zwei Penisse haben, ein Teil links, noch eins rechts (und die Weibchen wiederum ein Doppelpack des Gegenstücks), das stört ja keinen. Aber wenn die langsam und behäbig aussehenden Viecher einmal loslegen, sind sie effiziente Killermaschinen.
Ihre rund 60 messerscharfen Zähne bohren sich in die lebende Beute, zugleich läuft Gift aus Drüsen im Zahnfleisch in die Wunde. Wenn so ein Biest ein Wildschwein, einen Wasserbüffel, einen Dschungelhirsch zu beißen kriegt, wird die Wunde infiziert und die Blutgerinnung gehemmt. Je nach Körpergröße verendet die Beute schnell oder nach ein paar Tagen. Der Komodowaran labt sich auch am verrottenden Aas.
Komodowarane sind Kannibalen
Zudem sind die Echsen „Kannibalen“, wie die aus Sumatra stammende Agustina Siringo Ringo weiß, Tour-Leader auf der Schiffsreise. „Sie essen ihre Kinder. Sie essen ihre Partner. Sie essen ihre Eltern.“ Der Guide mit der Holzgabel, ein junger Mann um die 20, ergänzt wiederum, dass „zwei Prozent der Ernährung des Komodowarans aus Komodowaran bestehen“.
Im Komodo-Nationalpark sind Ausflugsboote zwischen den Inseln unterwegsManchmal fallen auch Menschen den Drachen zum Opfer. Rund zwei Dutzend Angriffe seit gut 50 Jahren sind dokumentiert, überwiegend auf Einheimische, „aber auch Touristen“, sagt Agustina. Der erste Ausländer, ein Schweizer, verschwand 1974 auf Komodo. Er hatte sich von seiner Gruppe getrennt, um sich auszuruhen, später wurden seine Brille und Kamera im Gestrüpp gefunden.
Was die Frage aufwirft, was ein Tourist denn tut, wenn er von einem Waran in den Schenkel gebissen wird? „Man amputiert, oder man stirbt“, ist Agustinas ehrliche Antwort. Das hält trotzdem keinen der weit mehr als 100.000 jährlichen Besucher des zum Unesco-Weltnaturerbe zählenden Nationalparks davon ab, bei den Echsen vorbeizuschauen. Ein bisschen Nervenkitzel gehört dazu.
Auch im Meer, einem der besten Schnorchel- und Tauchreviere der Welt, kann es ungeheuerlich werden. Denn es gibt hier ziemlich große Fische: neben den für Menschen eher harmlosen Arten wie Bambushai oder Weißspitzen-Riffhai auch Hammerhaie, von denen aber nur die großen Exemplare als potenziell gefährlich eingestuft werden.
Für Taucher und Schnorchler ein Paradies
Der größte Fisch von allen, der bis zu zwölf Meter lange Walhai, hat zwar ein Riesenmaul, in das ein Taucher locker hineinpassen würde, doch als Planktonfresser ist er für Menschen völlig ungefährlich. Das gilt auch für Riesenmantas, die mitunter sieben Meter breit und tonnenschwer werden. Was sie nicht daran hindert, höchst elegant im Verband durchs Tropenmeer zu gleiten.
Wunderbarerweise begegnet man diesen sanften Giganten – und vielen anderen, darunter Meeresschildkröten und mehr als zwei Meter langen Napoleon-Lippfischen – praktisch überall: einfach Schnorchelmaske und Flossen überziehen, sich vom Schlauchboot ins warme Wasser gleiten lassen und die Augen offen halten.
Hoch in den Lüften gleiten zum Sonnenuntergang wiederum Tausende Gestalten lautlos durch den Dämmerhimmel, die Assoziationen an Batman wecken: Riesenflughunde, in diesem Erdteil Kalong genannt. Sie sind die größten aller Fledertiere mit einer Flügelspannweite von bis zu 1,70 Metern und strikt veganem Ernährungsplan. Eine Spur gruselig – doch zugleich atemberaubend schön.
Im Komodo-Nationalpark: zwei Schnorchler über KorallenEine gute Woche geht das so auf tierisch unterhaltsamste Weise. Das Schiff dient dabei als komfortabler Kokon, als Rückzugsort, in dem man aller Sorgen und Organisationsprobleme ledig ist, während unter dem Kiel und vor dem Bullauge das Meer gurgelt und das Leben tobt. Es sind Tage ohne Internet, Fernseher, Radiogedudel – digital detox also.
Es war vom Reiseveranstalter angekündigt worden; manch einer hat bei so viel Abstinenz tatsächlich Entzugserscheinungen. Dafür gibt es ab und zu Livemusik, abends nach Sundowner und Buffet-Dinner. Die Crew kann nämlich nicht nur segeln und servieren, sondern auch singen, mit Gitarren und Ukulele Stimmung machen und tanzen. Selbst Barbie schwingt die steifen Glieder.
Ausgerechnet diese zerbrechliche Grannie aus Hawaii sorgt für den anrührendsten Moment der Reise. Der 42‑jährige Dani Mulyana aus Java, Co-Reiseleiter und im Hauptberuf Profitaucher, wird ihr als Begleiter zugewiesen, quasi als Leibwächter für den Fall von Gebrechlichkeit im offenen Ozean.
Er steckt sie auf Schnorchelgängen behutsam in einen roten Schwimmring, den er im Wasser dann geduldig langsam mit einem blauen Seil hinter sich herzieht, damit die alte Dame das nasse Element in Ruhe durch ihre Taucherbrille studieren kann.
Was sie mit Hingabe tut! Sie gleicht einem aquatischen Engelswesen, wie sie da mit Schnorchel und Maske im rosa Baderöckchen sanft in der Weite des Weltenmeers schwebt und konzentriert den lebhaften Unterwasserkosmos um sie herum bestaunt. Ein hinreißendes Bild. Meeresgott Neptun hätte seine Freude daran.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Anreise am besten über Denpasar auf Bali. Dorthin fliegen zum Beispiel Singapore Airlines (über Singapur), Thai Airways (über Bangkok), Emirates (über Dubai) oder Turkish Airlines (über Istanbul). Von Bali aus geht es weiter mit Indonesia AirAsia oder Batik Air nach Labuan Bajo im Westen der Insel Flores, Flugzeit gut eine Stunde. Der Hafen des Küstenorts ist Ausgangspunkt für Schiffsreisen im Komodo-Archipel. Ein Touristenvisum (gültig 30 Tage, rund 35 Euro) gibt es bei Einreise am Flughafen in Indonesien. Alternativ ist vorab ein Online-Visumsantrag möglich (evisa.imigrasi.go.id).
Komodo-Touren: Eine achttägige Segelkreuzfahrt von Labuan Bajo (Flores) nach Bali auf der „Ombak Putih“ (alternativ auf dem etwas kleineren Schwesterschiff „Katharina“) hat der Berliner Veranstalter Geoplan Privatreisen im Programm, ab 4750 Euro pro Person inklusive Verpflegung, Komodo-Ausflügen, Aktivitäten. Alternativ ist eine Sechs-Tage-Tour durch den Komodo-Nationalpark (ab/bis Labuan Bajo, ab 1750 Euro) buchbar (geoplan-reisen.de). SeaTrek Sailing Adventures ist ein indonesischer Veranstalter, der mit den gleichen Segelschiffen Touren anbietet, etwa 16 Tage von Nord-Sulawesi nach Komodo ab 12.900 US-Dollar pro Person (seatrekbali.com). Für Individualreisende offerieren lokale Veranstalter von Labuan Bajo aus Ausflüge nach Komodo per Schnell- oder Segelboot (zum Beispiel topkomodotour.com oder travelkomodotours.com).
Reisezeit: Der Komodo-Nationalpark kann ganzjährig besucht werden. Hochsaison für Schnorchler und Taucher ist die Trockenzeit von April bis Oktober. In der Hauptregenzeit von Dezember bis März ist die Vegetation wiederum besonders tropisch-üppig.
Weitere Infos: indonesia.travel/de/de
Die Recherche wurde unterstützt von Geoplan Touristik und Seatrek Sailing Adventures. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.
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