Wenn der Diesel-Sound des Treckers zum Mantra wird
Es gibt Roadtrips, für die sind selbst 500 PS in einem Sportwagen noch zu wenig. Und dann gibt es welche, die machen einen schon mit 15 Pferdestärken glücklich. Zum Beispiel bei Paul Wiener in der Steiermark. Der muntere Siebziger ist Chef der Oldtimerfreunde Stainz und hat sich ein Schrauberleben lang den vermutlich langsamsten Klassikern der Welt verschrieben.
Wiener sammelt keine Sportwagen, keine Vorkriegslimousinen, keine Wirtschaftswunder-Cabrios, sondern alte Traktoren. Zusammen mit seinen Vereinsgenossen stellt er davon nicht nur mehr als 100 Exemplare verschiedener Marken in einem urtümlichen Museum zwischen steirischen Weinbergen aus, sondern bietet auch geführte Ausfahrten mit den Ackerschleppern durch seine bergige Heimat südlich von Graz an.
„Schließlich gibt es bei uns viel zu viel zu entdecken, zu sehen, zu riechen und zu schmecken“, sagt Wiener, „als dass man hier in einem schnellen Auto mit geschlossenen Fenstern und laufender Klimaanlage durchrauschen sollte.“ So eine Tour mit unter 20 km/h sei perfekt zum Entschleunigen, und die Traktoren seien alle gut in Schuss.
Als die Trecker in den 1950er- und 1960er-Jahren gebaut wurden, waren sie tagtäglich auf den Feldern unterwegs. Heute werden sie allenfalls während der Weinlese im Herbst für Arbeitseinsätze ausgeliehen, ansonsten sind sie für Museumsfahrten im Einsatz.
Das Schwierigste ist das Draufklettern
Zum Fahren braucht es nicht mehr als einen normalen Führerschein und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Wobei „neu“ so eine Sache ist bei Fahrzeugen, die alle schon mehr als 50 Jahre auf den grobstolligen Gummis haben und damit älter sind als die meisten Teilnehmer.
68 Euro kostet ein halber Trecker-Tag. Mindestens drei und maximal 20 Traktoren gehen dann unter fachkundiger Begleitung auf geführte Touren. „Dann bewandern wir die Gegend rund um Stainz und Bad Gams“, sagt Wiener. Wer mit ihm unterwegs ist, lernt schnell, dass er dieses Verb mit Bedacht gewählt hat.
Paul Wiener beim Einweisen in eines der musealen GefährteDenn bei ihm geht alles seinen gemütlichen Gang. Bei der Einweisung spricht Wiener langsam, um den Gästen die Scheu vor den großen grünen und roten Maschinen zu nehmen, die aus einer Zeit stammen, in der es weder Automatikgetriebe gab noch GPS oder Klimaanlage: „Das Schwierigste ist und bleibt das Draufklettern!“
Die alten Trecker sind handgeschaltet, die Füße stehen links und rechts auf großen Pedalen. Weil der Einzylindermotor langsam läuft und ein großes Drehmoment hat, schafft der Diesel alles im vierten Gang. „Deshalb fühlt sich das am Ende fast so an wie mit Automatik“, lacht der Instruktor und macht auf einen weiteren Unterschied zum Auto aufmerksam: „Weil der Traktor maximal 17 km/h schafft, passiert hier alles in Zeitlupe, und du hast genügend Zeit, dir jeden Handgriff und Fußtritt dreimal zu überlegen.“
Sekunde für Sekunde, Meter für Meter fällt die Hektik des Alltags von den Urlaubern ab, und das Tuckern des Diesels klingt wie ein meditatives Mantra. Es hallt durch die Landschaft und mischt sich unter das ewige Klackern der Klapotetze, jene hölzernen Windräder, die die Vögel aus den Weinstöcken verscheuchen sollen und längst zum Wahrzeichen der Region geworden sind.
Mit Vollgas und 17 km/h
Während es mit Vollgas und trotzdem auf Schleichfahrt durch Obstgärten und Weinberge geht, durch verwunschene Wälder und über Hügel mit endlosem Panorama, entfaltet sich die Schönheit der Steiermark. Rebstock für Rebstock, Kuppe für Kuppe.
Hier glitzern silberne Kirchtürme, dort verschwinden Höfe hinter Kastanien. Es riecht nach Heu und warmer Erde. Die Trauben saugen sich voll mit der Sommersonne, die reifen Zwetschgen platzen fast, während über den Hängen Bussarde kreisen.
Wer hier mit einem Oldie-Traktor unterwegs ist, wird nicht überholt, sondern gegrüßt. Wanderer winken. Radfahrer lachen. Kinder zeigen begeistert auf die knatternden Veteranen. Niemand hat es eilig. Erst recht nicht der Guide, selbst wenn Wieners Gefährt sogar etwas schneller ist als die anderen, damit er mögliche Irrläufer wieder einfangen kann.
Immer wieder hält er die Kolonne an und macht einen Stopp auf einem Hof oder an einer Buschenschank, lässt Jausenplatten mit saurem Rindfleisch, Hauswürsten und Käferbohnen-Salat auftischen oder lockt zumindest die Beifahrer mit Muskateller oder Schilcher vom Sozius. Für die Fahrer gibt es freilich nur alkoholfreien Traubensaft.
Für den Fall, dass Traktorfahren hungrig macht: Unterwegs wird fürs Essen gestopptDas rhythmische Stampfen des Kolbens im Zylinder, das sanfte Wippen auf dem Freisitz zwischen den mannshohen Hinterrädern, die sanfte Brise im Gesicht: Je länger man fährt, desto mehr genießt man die Entschleunigung. Und stellt fest, dass es weder viele Pferdestärken noch hohe Geschwindigkeit braucht, um das Ferienglück und zu sich selbst zu finden.
Tipps und Informationen:
Das Traktormuseum: Es wird betrieben von den Oldtimerfreunden Stainz. Sie zeigen dort Trecker der Baujahre 1928 bis 1965. Es öffnet nach Voranmeldung und zu Ausfahrten (traktormuseum.at).
Kosten pro Trecker: 68/115 Euro für einen halben/ganzen Tag inklusive Diesel und Versicherung. Die geführten Touren bieten kulinarische Zwischenstopps und Besichtigungen etwa der Burg Deutschlandsberg oder der Hundertwasserkirche in Bärnbach. Reservierung empfohlen.
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