Gianni Doglia steht verliebt in seinem Weinberg und breitet hingebungsvoll die Arme aus. Hinter ihm nagelt ein Zimmerer Bretter für eine Aussichtsplattform zusammen, auf der demnächst die Degustationen stattfinden sollen. Doglia ist ein gut aussehender Piemontese mit halblangen Locken, die ihm wie ein Wasserfall über den Kopf rieseln.

Außerdem gehört er zu den verheirateten Männern, die nach der Arbeit erst spät heimkommen. Zu seltsamen Zeiten das Haus verlassen. Manchmal auffallend unkonzentriert wirken. Welche Ehefrau würde da nicht misstrauisch werden? Doglias Gattin immerhin weiß, mit wem sie es zu tun hat. „Deine Geliebte“, pflegt sie ihrem Mann scherzhaft zuzurufen, „heißt Vigna!“ Vigna, der Weinberg.

Genauso ist es. Der 56-jährige Winzer aus Castagnole delle Lanze macht seine Weine mit hingebungsvoller Leidenschaft. Wenn er von seinem Moscato d’Asti erzählt, dem klassischen piemontesischen Süßwein, wird eine Liebeserklärung daraus. „Ein guter Moscato ist ein Wein, der immer Freude schenkt!“, schwärmt Doglia und stiefelt den feuchten Boden zwischen den Moscato-Rebstöcken talwärts.

„Er hat Charakter, weckt Emotionen, ist überraschend, nie langweilig.“ Zärtlich nimmt er eine goldgelbe Traube in die Hand. „Und er ist der einzige Wein, der dich von einer schönen Frau ablenkt.“ Doglias Gattin dürfte beruhigt sein.

Wein mit köstlicher, minzartiger Frische

Der Moscato d’Asti ist die süßeste Versuchung der piemontesischen Region Monferrato und auf keinen Fall mit seiner oberflächlichen Cousine namens Asti Spumante zu verwechseln, die als süßlicher Sprudel aus Massenproduktion schuld daran ist, dass deutsche Weintrinker allein schon beim Namen Asti Kopfschmerzen bekommen.

Moscato dagegen ist ein hoch aromatischer, nur leicht perlender Dessertwein, der stets die Handschrift der kleinen Produzenten trägt, die ihn keltern. Doglias Moscato d’Asti „Giostrina“ etwa bringt eine so köstliche, minzartige Frische mit, dass man sich sofort ein zweites Glas wünscht – ungewöhnlich bei einem Süßwein. „Aroma, Duft, Balsam“, flüstert Gianni Doglia liebestrunken. „Es liegt an unserem Land. Es ist einfach gesegnet!“

Eleganter Dessertwein: Der leicht perlende Moscato d‘Asti

Doch so richtig aufgewacht aus ihrem Dornröschenschlaf ist die Region südöstlich von Turin nicht. Unter Italienreisenden führt sie ein unverdientes Schattendasein. Wer ins Piemont will, folgt meist blind dem Duft von Trüffeln und Barolo in die Langhe, der Weinregion rund um das Städtchen Alba. Als schmeckte es im Monferrato nicht mindestens genauso gut.

Noch ist die Region Liebhabern vorbehalten, die sich auf ihrer Reise schon bald wie Kapitäne auf hoher See fühlen. Denn das Monferrato ist ein einziges Hügelmeer. Wellen hinter Wellen türmen sich auf, kippen steil und schwindelerregend in schluchtartige Tiefen, laufen in sanfte Brandung aus oder im spitzen Winkel aufeinander zu.

Auf den Hängen wechseln sich Haselnussbüsche mit fein gekämmten Weinbergen ab, in denen Barbera und Dolcetto wachsen, wunderbare piemontesische Rotweinreben, nur eben ohne den Nimbus des Nebbiolo, der die Langhe beherrscht. Eichenwälder säumen Kuhweiden und Obstgärten, in der Ebene weben Pappelhaine einen zartgrünen Schleier um Gewerbegebiete.

Thermalquelle in der Altstadt

Die Städte – bis auf Asti, das mittendrin schwimmt – haben sich vorsichtig am Rande der wogenden Masse angesiedelt. Acqui Terme ist die charmanteste, mit ihrem Kopfsteinpflaster, den abschüssigen Plätzen, der „Libreria Cibrario“, bei der Platon im Schaufenster steht, sowie der „Bollente“: Die heiße Thermalquelle sprudelt mitten in der Altstadt mit 74 Grad aus dem Boden, und man erlebt Einheimische, die sich ein wenig davon aufs schmerzende Knie sprenkeln.

Gute Laune: Junge Leute beim Apero am Abend im Städtchen Acqui Terme

Auf praktisch jedem Gipfel im Hügelmeer sitzt ein Borgo. Ein mittelalterliches Dorf mit Burg oder Schloss sowie meist barocker Pfarrkirche, oft unverputzt in braunem Backstein, wie es Brauch war im Piemont.

Die Borghi sind Überbleibsel der früheren Feudalherrschaft, als sich die Grafen von Monferrato von kleineren Adelshäusern bei der Machtausübung helfen ließen. Sie thronen zahlreich und romantisch auf den Hügelkämmen. Besonders fotogen ist San Marzano Oliveto – oben thronen Schloss und Kirchturm, unten umzingeln Rebstöcke den Ort.

Das Borgo Orsara Bormida, im Südosten des Monferrato gelegen, windet sich einen steilen Hügelmonolithen hinauf. Oben, hoch über den eigenen Weinbergen, sitzt das Schloss, mit rotlackierten Fensterläden und einem Turm aus dem Jahr 1000. Nach den Malaspinas und den Lodrons, mächtigen Adelsfamilien, bewohnt seit 60 Jahren Unternehmerfamilie Remondini aus Genua die Räumlichkeiten mit den 300 Jahre alten Majolikaböden, den Ahnenporträts und Schieferkaminen.

Schlösser und andere Schätze

Durch die Fenster fällt der Blick auf andere Hügel mit weiteren Schlössern. Im Billardsaal wurden während der Französischen Revolution „ein paar aufständische Bauern hingerichtet“, erfährt man bei der Führung. Heute herrschen zum Glück friedlichere Zeiten, und die Familie ist damit beschäftigt, Hochzeiten auszurichten, Gruppen durchs Schloss zu führen und Kaufanfragen von „Russen, Japanern und Österreichern“ abzulehnen. Der Geheimtipp Monferrato scheint sich offenbar gerade herumzusprechen.

Aber nicht all seine Schätze sind so leicht zu finden wie die weithin sichtbaren Schlösser. Zu Claudio Solitos „La Viranda“ führen keine Wegweiser. Man fragt sich am besten durch in den kleinen Weilern rund um San Marzano Oliveto, bis man unmittelbar davorsteht – einem langgestreckten piemontesischen Bauernhaus vor anschwellenden Weinbergen, mit gekiestem Vorplatz, über den zwanglos ein gelber Gabelstapler, ein schwanzwedelnder Kettenhund und ein Plastikliegestuhl verteilt sind. Unter dem Vordach stehen weiß eingedeckte Tische; ganz links außen sitzt Claudio selbst, 67 Jahre, und schneidet grobe Salami auf.

Das Dorf San Marzano Oliveto thront auf einem Hügel, unten reihen sich Weinreben aneinander

Claudio ist ein Bär von einem Mann und als echter Monferriner Winzer und Landwirt eine Mischung aus Sturschädel und Philosoph. „La Viranda“ hat er in den 80er-Jahren gegründet, als landwirtschaftliche Kooperative mit sechs anderen Bauern, um „alles, was die Tradition des Monferrato ausmacht, selbst zu produzieren“: Fleisch und Wurst, Korn und Gemüse, Käse und eigenes Brot, Marmeladen und natürlich Wein. Nicht biologisch, aber nah dran an der Natur.

Die Salami stellt Claudio eigenhändig her, nach einem Rezept seines Onkels, der Metzger war im nahen Nizza Monferrato – „aus dem ganzen Schwein und nicht nur aus den minderen Teilen, mit eingelegtem Knoblauch und viel, viel Barbera“.

Vitello tonnato auf die alte Art

Damit wären wir bei den Antipasti, die am Anfang eines ganz normalen Abendessens im „La Viranda“ stehen, das auch Trattoria ist: Claudios Schwester Loretta, eine großartige Köchin, trägt Teller mit Carne cruda heraus, zartem Tatar aus piemontesischem Rind, gewürzt nur mit ein paar Tropfen Olivenöl extravergine. Vitello tonnato auf die alte Monferriner Art, mit Essiggemüse und Sardellen in der Soße.

Leuchtend gelbe Tagliatelle, für die sie 15 Eigelb in ein Kilo Mehl geschlagen hat, um sie dann mit duftendem Ragout zu vermengen. Trainierte Esser machen anschließend mit Schmorbraten, Nusskuchen und Tiramisu weiter. Dazu schenkt Claudio vom „Augusto Brut Rosé“ ein, einem feinen Spumante aus Flaschengärung, der sich großartig mit der traditionellen piemontesischen Kost verträgt.

Das bäuerliche Herz des Monferrato darf nicht über seine kulturelle Seele hinwegtäuschen. Kultur, richtig gelesen. 50 Kilometer und geschätzte zehn Hügelketten nordwestlich von La Viranda stehen zwei Frauen an einem Straßenschild im Dorf Cortazzone und hantieren mit Klebeband und Plakaten: Der Verein „Circolo Filarmonico Astigiano“ veranstaltet ein Konzert in der romanischen Basilika von San Secondo. Auf dem Programm steht keltische Harfe mit Gesang. San Secondo ist eine kleine Basilika und liegt auf einem Hügel außerhalb von Cortazzone, einsam unter einer alten Eiche.

Zeitreise: Die romanische Basilika von San Secondo wurde im 11. oder 12. Jahrhundert errichtet

Als es Abend wird, füllen sich die Bänke zwischen den niedrigen, schweren Steinsäulen mit Publikum. Der Bürgermeister von Cortazzone reicht dem aus Florenz angereisten Harfenisten ein Mückenspray.

Fremd und geheimnisvoll wogen dann die keltischen Klänge durch das Kirchenschiff, fließen durch die offenen Kirchentüren nach draußen, in die dunkelrosa Abenddämmerung hinein. Die herrlichen Steinmetzarbeiten an der Fassade sind nun kaum noch zu erkennen. Schade, denn sie zeigen unter anderem einen echten Liebesakt. Wie es im Monferrato nicht anders zu erwarten war.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit dem Zug ab München nach Turin oder Genua; alternativ bieten Lufthansa/Air Dolomiti Direktflüge in die beiden Städte an. Weiterfahrt vor Ort per Mietwagen.

Wo wohnt man gut? „La Caramellina“, entzückendes Bed and Breakfast auf dem Land bei Cortazzone mit Garten, hübschen Zimmern und Frühstück, Kuchen und Pflaumensaft sind hausgemacht, Doppelzimmer mit Frühstück ab 100 Euro (lacaramellinaasti.it). „Villa La Madonna“, umwerfend von zwei schwedischen Designerinnen gestaltetes Boutiquehotel in Monastero Bormida, Zimmer in erdigen Grün- und Schlammtönen, Bäder im Vintage-Look, über Haus und Garten sind lauschige Sitz- und Relaxecken verteilt, weitere Pluspunkte: hauseigener Wein, exzellente Küche, Doppelzimmer mit Frühstück ab 395 Euro (villalamadonna.com). „Ca’ Vittoria“, komfortable Zimmer in einem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Palazzo in Tigliole mit Restaurant (ein Michelin-Stern), kleinem Spa, Schwimmbad mit Blick ins Grüne – und unitalienisch üppigem Frühstücksbuffet, Doppelzimmer mit Frühstück ab 140 Euro (ristorantevittoria.it).

Weitere Infos: Italienische Zentrale für Tourismus Deutschland, enit.de

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