Dünen von Leba – wie in der Sahara

Die polnische Ostseeküste ist lang, genau genommen 788 Kilometer. Und in weiten Teilen verdient sie das Prädikat „traumhaft“ – dank weißer Sandstrände, malerischer Steilküsten und dichter Kiefernwälder. Ein Ort sticht dabei besonders heraus: Leba, gelegen im hintersten Winkel Hinterpommerns.

Das einstige Fischerdorf im Slowinski-Nationalpark ist berühmt für seine gigantischen Wanderdünen, die den Leba-See von der offenen Ostsee trennen. Über 40 Meter ragen die Sandberge empor. Einige sind bewaldet, andere wandern unaufhaltsam Jahr für Jahr einige Meter gen Osten. Ein Phänomen, das es in Europa sonst nur noch auf der Kurischen Nehrung oder an der französischen Atlantikküste bei Arcachon zu bestaunen gibt.

Der Aufstieg auf die Sandgipfel ist schweißtreibend, da der weiche Untergrund jeden Schritt schwer macht. Wer es nach oben geschafft hat, blickt auf Sandmassen, so weit das Auge reicht, und dahinter das tiefe Blau des Meeres. Kaum ein Ort in Polen wirkt unwirklicher. Es fühlt sich an wie in der Sahara – nur eben 2000 Kilometer weiter nördlich.

Gdingen – Polens Bauhaus-Wunder

Während das benachbarte Danzig alljährlich Millionen anlockt, wird Gdingen (polnisch: Gdynia) von Urlaubern oft links liegen gelassen. Ein Fehler. Denn kaum eine Stadt Europas erzählt so anschaulich vom Optimismus der Zwischenkriegszeit.

Binnen weniger Jahre entstand hier in den 1920er- und 30er-Jahren aus einem kaschubischen Fischerdorf eine visionäre, zukunftsorientierte Küstenstadt: ein monumentaler Seehafen samt dazugehöriger Stadt im maritimen Bauhausstil. Mehr als 600 Gebäude aus der Zwischenkriegszeit bilden eines der geschlossensten modernistischen Ensembles Europas, dessen kühne Fassaden mit Bullaugenfenstern, abgerundeten Balkonen und gestaffelten Decks an elegante Ozeandampfer erinnern.

Besonders sehenswert sind das ehemalige ZUS-Gebäude, das heute die Touristeninformation beherbergt, sowie das legendäre Wohnhaus Bankowiec, das bei seiner Fertigstellung zu den modernsten Wohnanlagen Europas zählte.

Gebaut zwischen 1935 und 1939: das modernistische Wohnhaus Bankowiec in Gdingen, seit Kurzem Weltkulturerbe

Doch die Erfolgsgeschichte währte nur kurz. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurden Zehntausende Einwohner aus der Stadt vertrieben, viele von ihnen verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Dass Gdingen Krieg, Nazi-Besatzung und die kommunistische Nachkriegszeit vergleichsweise unversehrt überstand, macht seinen besonderen Reiz aus: Kaum irgendwo sonst lässt sich so gut nachvollziehen, mit welchem Selbstbewusstsein das nach 123 Jahren Teilung wiedererstandene Polen seine Zukunft gestaltete.

Das hat inzwischen sogar die Unesco gewürdigt: Im Juli 2026 wurde Gdingens Bauhaus-Stadtzentrum offiziell zum Weltkulturerbe ernannt. Dieser Titel ist höchst verdient – und er dürfte der Stadt helfen, aus dem Schatten Danzigs zu treten.

Danzig – auferstanden aus Ruinen

Auf den ersten Blick wirkt Danzig (Gdansk) wie eine jahrhundertealte Hansestadt. Tatsächlich ist das historische Zentrum der Ostseemetropole vor allem eine beeindruckende Rekonstruktion. Im Zweiten Weltkrieg wurde die prächtige Hansestadt beim Einmarsch der Roten Armee fast vollständig in Schutt und Asche gelegt.

Die deutschen Einwohner flüchteten oder wurden vertrieben. 1945 wechselte die Stadt den Besitzer und wurde polnisch. Die Behörden entschieden sich dazu, die historischen Viertel zu rekonstruieren – keine Selbstverständlichkeit im kommunistischen Nachkriegspolen.

Heute erstrahlt die historische Rechtstadt wieder in altem, hanseatischem Glanz, als wäre nichts gewesen. Langmarkt, Rathaus, Arthushof und das Mottlau-Ufer mit dem Krantor sind längst wunderbare, viel besuchte, oft fotografierte Kulissen. Der Wiederaufbau geht bis heute weiter: Die wiedererstandene Speicherstadt östlich der Rechtstadt zeigt eindrucksvoll, wie geschickt Danzig das maritime Erbe mit modernem Leben verknüpft – diese neuen Viertel können locker mit Hamburgs HafenCity mithalten.

Viel besuchte, oft fotografierte Kulisse: Mottlau-Ufer in Danzig mit dem Krantor

Wer die Stadt wirklich verstehen will, kommt an einem Besuch im monumentalen Museum des Zweiten Weltkriegs nicht vorbei. Es gehört zu den wichtigsten historischen Museen Europas. Schon sein spektakulärer Neubau prägt Danzigs Skyline. Seine große Stärke ist der Blick auf die Menschen statt auf Generäle und Schlachten. Auf eindringliche Weise zeigt die Ausstellung, wie Nazi-Besatzung, Terror und Krieg den Alltag in Polen und anderen Teilen Europas zerstörten – und warum die Narben des 20. Jahrhunderts bis heute sichtbar sind.

Marienburg – weltgrößtes Backsteingebäude

Wer vor der Marienburg (Malbork) steht, versteht sofort, warum der Deutsche Orden zu den mächtigsten Akteuren des mittelalterlichen Europas gehörte. Die Festung am Ostufer der Nogat ist die größte Backsteinburg der Welt, erbaut aus schätzungsweise 30 Millionen rotgebrannten Ziegelsteinen.

Mit ihren Zugbrücken, Türmen, Wehrgängen und gewaltigen Mauern wirkt sie wie die Realität gewordene Ritterburg aus Kinderbüchern. Im Jahr 1309 verlegte der Orden sogar seinen Hauptsitz hierher und machte die Burg zum politischen Zentrum seines Herrschaftsgebiets zwischen Ostsee und Masuren.

Marienburg: die größte Backsteinburg der Welt und ebenfalls Unesco-Welterbe

Trotz ihrer gewaltigen Dimensionen wirkt die Anlage erstaunlich zugänglich. Besucher können stundenlang durch Remter, Innenhöfe und Wehrgänge streifen, ohne dass der Eindruck eines Freilichtmuseums entsteht. Besonders beeindruckend sind die monumentalen Backsteingewölbe der Hochburg und die raffinierten Verteidigungsanlagen, die über Jahrhunderte nahezu als uneinnehmbar galten.

Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde die Burg von Polen in jahrzehntelanger Detailarbeit wiederaufgebaut. Seit 1997 zählt sie zum Unesco-Weltkulturerbe – und zu den eindrucksvollsten Zeugnissen mittelalterlicher Architektur in Europa.

Masuren – Sehnsuchtsland mit Wunden

Masuren beginnt dort, wo die Schnellstraßen enden. Es ist eine fast mythisch verklärte Landschaft im versunkenen Ostpreußen, die der 1926 hier geborene Schriftsteller Siegfried Lenz in seinem Klassiker „So zärtlich war Suleyken“ als eine Welt voller Menschen mit „tapsiger Zärtlichkeit und einer rührenden Geduld“ beschrieben hat.

Heute ist Masuren eine der vielseitigsten Reiseregionen Polens – für Natururlauber genauso interessant wie für Wassersportler und Geschichtsfans. Trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, unter denen vor allem die Städte gelitten haben, prägen bis heute jahrhundertealte Alleen, tiefe Wälder, knapp 3000 klare Seen und unzählige Störche das Bild dieser europaweit einmaligen Sehnsuchtslandschaft.

Die wechselvolle Geschichte ist überall greifbar, in alten Dörfern, Backsteinkirchen und Ordensburgen. Sie wird in verschiedenen Regionalmuseen heute bemerkenswert objektiv und oft mehrsprachig präsentiert, etwa in Lyck (Elk), Ortelsburg (Szczytno) oder Sensburg (Mragowo).

Ein zentraler, wenn auch ambivalenter Anziehungspunkt im Wald nahe Rastenburg (Ketrzyn) ist die Wolfsschanze. In dem gigantischen, ehemals geheimen Bunkerareal wurde Weltgeschichte geschrieben – Adolf Hitler versteckte sich hier über 800 Tage und dirigierte von diesem abgeschirmten Komplex aus seinen Vernichtungskrieg.

Die Bunker sind zwar gesprengt und mit Moos bewachsen, doch ist das Gelände trotzdem ein lohnender Gedenkort, der die NS-Gräuel, das Leid der polnischen Bevölkerung und das Attentat des Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom 20. Juli 1944 gleichermaßen würdigt und thematisiert.

Gleichzeitig hat die Wolfsschanze jedoch eine irritierende Kehrseite: Das ehemalige Quartier von Hitlers Leibwächtern beherbergt heute ein frisch renoviertes Drei-Sterne-Hotel samt Lokal, das online ungeniert als „gemütlicher Ort zum Entspannen“ beworben wird. Neben dem Hotel stehen große Werbetafeln, die ausgerechnet Abenteuerfahrten in alten Wehrmacht-Kübelwagen über das Gelände als Freizeitvergnügen anpreisen.

Wer echten, unkommerziellen Geschichtsdiskurs sucht, findet ihn ein Stück weiter westlich auf Schloss Steinort. Hier trafen sich einst Vertreter des deutschen Widerstands gegen Hitler. Das marode Barockschloss des hingerichteten Stauffenberg-Mitverschwörers Heinrich von Lehndorff wird gerade aufwendig von einer deutsch-polnischen Stiftung restauriert. Es soll als „Academia Masuria“ zu einem lebendigen Ort des europäischen Dialogs werden, die Renovierung dürfte aber noch Jahre in Anspruch nehmen.

Paradies des Wassertourismus: Masuren lockt mit unzähligen Seen, Flüssen und Kanälen

Vor der Haustür des Schlosses liegt Nowy Sztynort, mit 450 Liegeplätzen heute einer der Top-Segelhäfen Masurens. Wassertourismus wird in der Region inzwischen großgeschrieben: Schließlich verfügt Masuren über ein gut 200 Kilometer langes Netz aus Flüssen und Kanälen – perfekt für tagelange Kajaktouren auf dem stillen Kruttinna-Fluss oder für Segeltörns vom Mauersee bis zum Spirdingsee.

Gerade diese Mischung macht den Reiz von Polens Norden aus. Zwischen Dünen, Backsteinburgen, Hafenstädten, Seen und Wäldern können Besucher auf Schritt und Tritt eine europaweit einmalige Mischung aus Natur und Geschichte erleben.

Tipps und Informationen:

Anreise: Danzig, Gdingen und Allenstein erreicht man gut per Intercity (mit Umstieg in Posen). Über Land und durch Masuren fährt man am besten mit dem Auto/Mietwagen.

Buch- & Kartentipps: Ideal für Auto- und Radfahrer, die Polens Norden auf eigene Faust erkunden wollen, sind die detaillierten zweisprachigen Karten zu Ostpreußen/Masuren, Hinterpommern und Westpreußen von Blochplan im Maßstab 1:100.000 (je nach Karte 8,95 oder 11,95 Euro, blochplan.de). Die „Gebrauchsanweisung für Masuren“ von Andreas Kossert führt fundiert durch Geschichte und Gegenwart der Region (Piper Verlag, 17 Euro).

Auskunft: Polnisches Fremdenverkehrsamt: polen.travel/de/; Woiwodschaft Ermland-Masuren: mazury.travel; Woiwodschaft Pommern (inkl. historischem Hinterpommern und Westpreußen): pomorskie.travel/en

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