Draußen vor dem Fenster liegt England. Weiße Klippen, wie es sich gehört. Kleine Häuser, weite Wiesen. Das Wasser des Ärmelkanals glänzt blaugrau zwischen dem schneeweißen Schiff und der Südküste des Vereinigten Königreichs. Möwen kreischen, die Sonne scheint. Der Cruise Director grüßt zum Morgen über den Bordlautsprecher, sein vornehmer Akzent könnte selbst König Charles III. neidisch machen: „A very good morning, Ladies and Gentlemen!“

Zwei Wochen lang wird die „Seabourn Ovation“ einmal rund um die britischen Inseln fahren. Von Dover nach Dover. Mit Stationen in England, Wales, Irland, Nordirland, Schottland und auf der Isle of Man.

Die Kreuzfahrt soll das Beste zeigen, was die Inseln zu bieten haben: Fjorde und Buchten, Schlösser und Burgen, Leuchttürme und Dampfeisenbahnen, Whisky und Scones. Nur die britische Hauptstadt bleibt außen vor. Wir stellen fünf Höhepunkte der Reise vor.

Im Prinzip bieten sich den Passagieren in jedem Hafen drei Möglichkeiten: erstens, an Bord zu bleiben, zweitens, das vor ihnen liegende Hafenstädtchen zu erkunden, oder drittens, zu einer besonderen, weiter entfernten Sehenswürdigkeit zu fahren. Vom südenglischen Portland aus, dem ersten Halt nach Dover, bringt der Ausflugsbus sie zum Beispiel in anderthalb Stunden bis zu den Steinsäulen von Stonehenge.

Die rätselhafte Anlage aus der Jungsteinzeit ist zu einem Massenziel geworden. Die Verantwortlichen mussten sich gewissermaßen um die Quadratur des Steinkreises bemühen: Mehrere Tausend Besucher am Tag sollen das Monument besichtigen können, ohne dass es seine Wirkung mitten in den Wiesen und Wildblumen von Wiltshire verliert. Deshalb wurden Parkplätze, Café und Souvenirshop zwei Kilometer entfernt in einer Senke versteckt.

Fehlt auf kaum einer Englandreise: Stonehenge mit seinen magischen Riesensteinen

Von dort karren Shuttlebusse die Touristen zu den Steinen. Die sind trotz des Andrangs immer noch eindrucksvoll. Unverdrossen thronen die tonnenschweren Monolithen auf dem Hügel, während die Besuchermengen im Uhrzeigersinn um sie herumziehen und Wolken ihre dunklen Schatten über das Gras wandern lassen.

Ein Amerikaner unterstellt Fake News: 5000 Jahre alt soll das Bauwerk sein, und die USA selbst feierten gerade erst ihren 250. Geburtstag? „Hand hoch“, ruft der Mann in den Bus, „wer glaubt, dass das geschummelt ist?“ Er bleibt der einzige Zweifler.

Wie viel jahrhundertealte Geschichte Britannien an fast jeder Wegbiegung zu erzählen hat, können die Gäste auch im benachbarten Salisbury erleben. Obwohl die Stadt nur 40.000 Einwohner zählt, verfügt sie über eine große, lichtdurchflutete Kathedrale, eine der schönsten Englands.

Die Gegend um Salisbury wurde schon von den Römern besiedelt, die Kathedrale stammt aus dem 13. Jahrhundert, in ihr ist in einem abgedunkelten Raum eine Originalfassung der Magna Carta zu sehen. Das Dokument, einer der Meilensteine auf dem Weg zum modernen Rechtsstaat, wurde 1215 besiegelt und ist damit mehr als dreimal so alt wie die Unabhängigkeitserklärung der USA.

Kann es noch britischer werden?

Die „Ovation“ gehört der amerikanischen Reederei Seabourn aus Seattle, wirkt aber auf dieser Reise, teils aus Zufall, teils aus Absicht, wie eine Mini-Ausgabe Großbritanniens. Der Cruise Director: aus Worcestershire, bekannt für die braune Soße, die kaum ein Nichtengländer richtig aussprechen kann (korrekt wäre ungefähr: WUSS-tuh-shuh). Der Kapitän: ein Schotte. Der Koch: ein Waliser. Die Leiterin der Gästebetreuung: eine Irin. Der Großteil der restlichen Besatzung kommt von den Philippinen und aus Afrika.

Unter den 580 Passagieren besitzt wiederum knapp ein Viertel einen britischen Pass. Männer, Frauen und zwei kleine Kinder, die ihre Heimat erkunden wollen und/oder keine Lust auf eine weite Anreise hatten. Zählt man großzügig die Bewohner des untergegangenen Empires hinzu, also die Amerikaner, Kanadier, Australier, Neuseeländer und Singapurer an Bord, dann kommt man auf eine deutliche Mehrheit, die auf irgendeine Weise verbunden ist mit dem Land, um das sie kreisen.

580 Passagiere an Bord der „Seabourn Ovation“ – hier vor der Isle of Man: Und jeder davon ist auf irgendeine Weise verbunden mit dem Land, um das sie touren

Kein Wunder, dass sich der Schiffskoch da verpflichtet fühlt, jeden Tag mindestens eine Probe der heimischen Küche aufzutischen. Auf der Karte im Hauptrestaurant, eigentlich bekannt für Fine Dining, tauchen Fish and Chips auf, Irish Stew und Hühnchen nach Balmoral-Art (gefüllt mit Haggis, umwickelt mit Bacon und serviert mit Whisky-Soße). Als Nachtisch Eton Mess (englische Erdbeeren, Sahne und Baiser). Zum Nachmittagstee werden Scones und Clotted Cream gereicht.

Zum Glück gibt es für die Gäste anderer Herkunft, darunter 14 Deutsche, ausreichend Alternativen an italienischen, französischen und asiatischen Speisen. Auch die im Preis enthaltenen Weine stammen aus anspruchsvolleren Lagen als Sussex oder Kent.

Nach dem Essen setzt sich der angelsächsische Einschlag munter fort. Die sechs Bordsänger geben ein Elton-John-Special zum Besten; seinen Hit „Made in England“ bekommt man tagelang nicht mehr aus dem Ohr. Zur Verstärkung steigen noch zwei junge Schotten dazu, die Brüder MacDonald, und tragen mit Geige, Klavier und Gesang die größten Kracher der Highlands vor.

Inspiriert von Agatha Christie wurde sogar eine Kriminologin eingeladen, die von ungeklärten Mordfällen berichtet. Der Grand Salon auf Deck sechs ist bei ihren Vorträgen so gut gefüllt, dass sich der Cruise Director schon Sorgen um den Grad der Mordlust an Bord macht.

Mit Volldampf ins 19. Jahrhundert

Die eigentlichen Hauptdarsteller bleiben jedoch die Orte und Landschaften entlang der Route. Viele davon kannte man vorher nicht einmal dem Namen nach. Wer war schon einmal in Oban, der kleinen Hafenstadt in Schottlands Westen? In Fishguard, dem putzigen Fischerdorf in Wales? Oder auf der Isle of Man? Wenn von dieser Fahrt eine Erkenntnis bleibt, dann die, dass das Inselreich zwischen Nordsee und Atlantik vielseitig und manchmal geradezu exotisch ist.

Die Isle of Man ist unter den vielen Überraschungen womöglich die größte. Man fühlt sich wie zurückgebeamt ins 19. Jahrhundert. Elektrische Straßenbahnen und eine schnaufende Dampflok sind dort unterwegs. Die Villen an der Promenade der Inselhauptstadt Douglas stammen fast alle noch aus viktorianischer Zeit.

Die „Manx“, wie die Bewohner sich nennen, haben eine eigene Währung, eine eigene Sprache, einen eigenen Pass, ein Wappen mit drei Beinen und wegen einer genetischen Besonderheit Katzen ohne Schwanz.

Andererseits findet hier im Sommer ganz neuzeitlich eines der spektakulärsten Motorradrennen der Welt statt: die Tourist Trophy, kurz TT. Und wer sind die berühmtesten Söhne dieser eigentümlichen Insel, die kleiner als Hamburg ist? Die Bee Gees! In Douglas erinnert ein Denkmal an die drei Brüder Gibb, die mit „Saturday Night Fever“ den Sound einer ganzen Ära prägten.

Berühmtes Trio: Den Bee Gees ist auf der Isle of Man ein Denkmal gewidmet

Die irische Insel steht mit drei Stopps auf dem Programm. Zunächst Cork im Süden der Republik, sehr idyllisch an der felsigen Küste gelegen, zugleich aber wegen Steuervergünstigungen Standort für Konzerne, mit denen man kaum gerechnet hätte: Pfizer produziert hier die Potenzpille Viagra für die Welt, Apple siedelte seine Europazentrale an.

Auch Belfast in Nordirland war lange von Industrie geprägt, ebenso von der Schifffahrt. Die „Titanic“ wurde in den Werften von Harland & Wolff gebaut. Ein spektakuläres Museum erinnert an den tragischen Luxusdampfer.

In Londonderry führt der Weg zurück in die jüngere irische Vergangenheit. Wenn man auf der historischen Stadtmauer einmal rund um die Innenstadt läuft, sieht man hinab auf die Straßen, die während des Nordirlandkonflikts Schauplätze von Gewalt und Anschlägen irischer Nationalisten und britischer Loyalisten waren. Wandbilder und Denkmäler halten die Erinnerung an diese Zeit wach.

Dass die Auseinandersetzungen noch immer nachwirken, zeigt sich im Streit um den Namen. Seit dem frühen 17. Jahrhundert heißt die Stadt Londonderry. Das geht zurück auf die britische Besiedlung unter Beteiligung Londoner Handelsgilden. Viele Einwohner bevorzugen jedoch das altirische Derry. Namen, Identitäten und Konflikte: Auch um diese Themen macht die Kreuzfahrt keinen Bogen.

Sieht man Grün und Nebel, ist Sommer

Zum Schluss das Wetter. Auch das gibt sich ausgesprochen britisch. Im Süden war es sonnig und warm, je weiter nördlich jedoch die Reise führt, desto häufiger verschwindet die Küste hinter Nebel und Regen.

Besonders schade ist das in Schottland, denn der Kapitän hatte dessen Westen mit seinen Meeresarmen und vorgelagerten Inseln als einen der Höhepunkte der Fahrt angekündigt. Zu sehen gibt es davon leider nicht viel.

In Derry sagt man „Derry“ – nicht „Londonderry“

Manchmal reißt gegen Abend der Himmel etwas auf und die Wiesen und Hügel am nahen Ufer wirken so sattgrün und leuchtend, als wären sie künstlich geschaffen worden. Dazwischen Leuchttürme, Schafe und gelegentlich Mauern einer Ruine. Aber kaum ein Mensch.

Die irische Chefin der Gästebetreuung kann den Wirbel um die fehlende Sonne nicht verstehen: „Sieht man das Grün durch den Nebel, ist Sommer.“ Außerdem ändere sich das Wetter ohnehin stündlich. Man müsse nur Geduld haben.

Geduld brauchen die Gäste auch, bis das Schiff endlich die windumtoste Nordspitze der britischen Hauptinsel umrundet hat und an der milderen Ostküste in den breiten Firth of Forth einläuft. Plötzlich ist es beim letzten großen Stopp vor der Rückkehr nach Dover fast so wie am allerersten Morgen: Das Wasser glänzt blaugrau, die Möwen kreischen, die Sonne scheint.

Draußen vor dem Fenster liegt – Edinburgh. Keine weißen Klippen. Kein Golfplatz. Dafür eine Stadt mit Burgen und Schlössern, deren dramatische Schönheit quasi die Krönung dieser Reise ist.

Tipps und Informationen:

Kreuzfahrten mit Seabourn: Die Reederei Seabourn setzt auf Schiffe für maximal 600 Passagiere, die auch kleine Häfen anfahren können. Der Reisepreis umfasst Vollpension (mit Spezialitätenrestaurants), Getränke (auch alkoholische) und Trinkgelder. Fahrten um die britischen Inseln werden in verschiedener Dauer und mit wechselnden Routen angeboten, teils in Kombination mit Island oder Norwegen. Die nächste Tour, ähnlich wie die beschriebene, steht 2027 auf dem Programm: 14 Tage auf der „Seabourn Quest“ im Juli ab/bis Dover kosten ab 9298 Euro pro Person; eine zwölftägige Fahrt „Wild British Isles“ auf dem Expeditionsschiff „Seabourn Venture“ im Juni 2027 von Greenwich nach Belfast ist ab 11.898 Euro buchbar (seabourn.com).

Alternative Anbieter: Rundtouren um die britischen Inseln bieten auch Cunard (14 Nächte ab/bis Southampton in der Innenkabine ab 2810 Euro pro Person, cunard.com) oder TUI Cruises (zehn Nächte ab/bis Hamburg in der Balkonkabine der „Mein Schiff 2“ ab 3219 Euro pro Person (meinschiff.com).

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Seabourn. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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