Auf der einen Seite tut sich eine Hölle auf: Monstergestalten mit scharfen Zähnen und riesigen Hoden, eine Frauenfratze, deren Augen bluten. Sünder, von Speeren durchbohrt, in den Abgrund stürzend. Auf der anderen: der Himmel – der heilige Elefant Erawan, umringt von Gottheiten mit zarten, makellosen Zügen. Wie so oft, wirkt die Verdammnis deutlich interessanter.

Zu sehen ist die Geschichte des Königs Nemi, der auf göttliche Einladung durch Hölle und Himmel reiste und sechs Inkarnationen später als der künftige Buddha wiedergeboren wurde. Die Figuren stehen auf einem geschmückten Wagen, der wiederum in der Tempelanlage Wat Sri Pradoo steht.

Es ist eines von mehr als 45 Fahrzeugen, die den Paradezug eines der ungewöhnlichsten Volksfeste bilden, die Thailand zu bieten hat: das große Kerzenfestival von Ubon Ratchathani, einer Stadt weit im Nordosten Thailands, 500 Kilometer Luftlinie von Bangkok entfernt.

Landestypisch diesseitig

Die Atmosphäre hier ist landestypisch diesseitig: Es sind zwar auch Grüppchen von buddhistischen Mönchen in ihren safranfarbenen Roben zu sehen, aber es dominieren Essensstände mit Fleischbällchen und in Bananenblättern gewickelten Snacks, Lotterieverkäufer in ihren Buden und Lautsprecher, aus denen Thai-Popmusik dröhnt. Volksfeststimmung eben. Man muss schon gut hinhören, um das Klingeln der Glöckchen an den Tempelgiebeln wahrzunehmen, die sanft im Wind schwingen.

Überall auf dem Gelände sitzen Nachbarn zusammen und schnitzen, schmelzen, kneten etwas, das auf den Tischen bereitliegt, stechen Formen aus, verkleben Ornamente. Es ist eine Szenerie wie in einer Großbäckerei. Doch bei der Masse handelt es sich nicht um Teig, sondern um Wachs. Gelbes Wachs, mit dem das mythische Figuren-Ensemble um König Nemi, fünfeinhalb Meter hoch und mehr als 25 Meter lang, fast vollständig überzogen ist.

Auf einem Gerüst daneben steht Apichat Khokaeo, genannt Goo, ein freundlicher Mann mit Kopftuch und Schnurrbart. Er hat die Skulptur erschaffen und die Arbeiten geleitet, jetzt legt er über den Rand seiner Brille letzten Schliff an bei den Verzierungen. Seit 125 Jahren schon gibt es die Parade, und weil die Teilnehmer sich beständig zu übertreffen suchen, fallen die Wagen immer prächtiger und größer aus.

„Aber höher können wir wirklich nicht mehr werden“, sagt Goo, der in den vergangenen zwei Jahren jeweils einen ersten Platz gewonnen hat. „Sonst passen wir nicht mehr durchs Tempeltor.“

Eigentlich sind die Feierlichkeiten zum Khao Pansa, dem Beginn der buddhistischen Regenzeit, eine stille, besinnliche Tradition in Thailand. Die Bevölkerung macht sich von alters her auf den Weg zu den Tempeln und spendet den Mönchen, die in den nächsten drei Monaten ihr Kloster nicht verlassen, Kerzen, damit sie in deren Licht auch in der dunklen Jahreszeit die Lehren Buddhas studieren können.

Nur in Ubon Ratchathani ist der fromme Kerzenbrauch seltsam aus dem Ruder gelaufen und hat sich zu einer Parade gigantischer Wachsskulpturen entwickelt, die beinahe die Dimensionen des Karnevals von Rio annimmt. Monatelang arbeiten die Tempelgemeinschaften oder die Bewohner eines Dorfes zusammen an ihren Wagen. Hunderte Tänzerinnen begleiten den Umzug, hohe Preisgelder winken den Siegern.

Arme Menschen, glückliche Menschen

Irgendwie passt die Überdrehtheit des Festivals zu dieser Region im Nordosten Thailands, dem Isan. Denn hier scheint alles immer ein paar Grad extremer, ausgelassener, intensiver als im Rest des Königreichs: die Küche noch schärfer als ohnehin schon, die Musik rhythmischer, die Witze derber. Und die Menschen, obwohl sie zu den ärmsten im Land gehören, fühlen sich, das zeigen Studien, glücklicher.

Nur wenige Touristen kennen bisher den Isan, vor allem wohl, weil es dort kein Meer und keine Palmenstrände gibt. Die Einheimischen, die Khon Isan, dürfte aber jeder schon getroffen haben, der einmal Urlaub in Thailand gemacht hat. Denn sie arbeiten als Wanderarbeiter und dienstbare Geister überall in den Touristenzentren. Als Gärtner, Kellner, Masseurinnen und Bar-Girls, um Geld nach Hause an ihre Familien zu schicken, die meist das karge Leben von Reisbauern führen.

Der Isan, dessen Fläche immerhin ein Drittel des Staatsgebiets ausmacht, war lange so etwas wie der vernachlässigte Hinterhof Thailands. Das ändert sich seit einiger Zeit, auch weil die Tourismusbehörden mit kulturellen Attraktionen wie dem Kerzenfestival die Region bewerben. Tatsächlich gibt es für neugierige Reisende viel zu entdecken.

Gut 100 Kilometer östlich von Ubon Ratchathani etwa. Nach einer Fahrt durch jadegrüne Reisfelder, vorbei an grasenden Wasserbüffeln, Zuckerpalmen und Dörfern mit golden leuchtenden Tempeldächern, erreicht man im Pha-Taem-Nationalpark ein mächtiges Plateau, von dem aus sich „der früheste Sonnenaufgang Thailands“ beobachten lässt. So steht es zumindest auf einem Schild. Um 05.39 Uhr war das heute. Vor allem reicht der Blick von hier oben kilometerweit über den breiten Fluss Mekong und das Land dahinter: Laos.

Eigentlich haben die Khon Isan mehr mit ihren laotischen Nachbarn gemein als mit den Thai: die Traditionen, die Musik, die Esskultur. Der Isan-Dialekt schließlich ist eine Mischung aus beiden Sprachen. Und der Wat Phra That Phanom am Mekong, einer der bedeutendsten buddhistischen Tempel des Landes, der als Reliquie ein Brustbein Buddhas bergen soll, vereint thailändische mit laotischer Architektur. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Region endgültig Teil des Königreichs.

Golden verzierter Turm im Wat Phra That Phanom – der Tempel am Westufer des Mekong ist einer der wichtigsten in Thailand

Auf dem Plateau hat Regisseur Oliver Stone seinerzeit Szenen seines Films über Alexander den Großen gedreht. Die grandiose Landschaft bebilderte überzeugend die unbekannten Welten, die vor dem Eroberer lagen. An der Seite des Bergs führt ein Pfad hinab zu Felsmalereien, bis zu 4000 Jahre alt. Ein Parkranger erläutert, was zu sehen ist: „Hier haben sie die Flussbewohner des Mekongs gezeichnet. Schildkröten, Süßwasserrochen und Riesenwelse“, sagt er. „Dort sind Elefanten. Und Menschen, die Reis anbauen und mit Körben im Mekong fischen.“

In der Nähe des Mae Nam Khong, wie die Thai den Fluss nennen, finden sich die schönsten Landschaften in diesem Teil des Isan: Felsformationen, die wie riesige, langstielige Pilze aussehen, Wasserfälle. Der Sirindhorn-Stausee, benannt nach einer Prinzessin aus dem Königshaus, ist mehr als 40 Kilometer lang. Einheimische Familien lieben die schwimmenden Restaurants an den Ufern mit ihren bunten Kinderwasserrutschen.

Erfrischendes Bad: In der Regenzeit speist der Saeng-Chan-Wasserfall im Pha-Taem-Nationalpark diesen natürlichen Pool

Bei den kulinarischen Extremisten

Das Lieblingsmotiv von Fotografen, YouTubern und Reise-Influencern jedoch ist das Panorama von Sam Phan Bok, der „3000-Löcher-Schlucht“, eine Autostunde nördlich des Nationalparks. Hier hat der Fluss – möglicherweise auch die darin lebende Schlangengottheit Naga – unzählige Löcher, Gräben, Spalten in den weichen Sandstein gebohrt. Heute allerdings, in der Regenzeit, liegt der thailändische Grand Canyon vollständig unter Wasser.

Zurück in Ubon Ratchathani nieselt es aus einem diesigen Himmel. Eigentlich ist in der Provinzstadt um diese Uhrzeit nicht viel los, aber am Vorabend des Kerzenfestivals drängen Menschenmassen über eine gesperrte Kreuzung im Zentrum. Lastwagen schieben sich durch die Menge, aus den Lautsprecherboxen auf den Ladeflächen pulsiert die rhythmische Molam-Musik des Isan, beliebt im ganzen Königreich, und vermischt sich zu einem Inferno aus brutalem Lärm. Straßenhändler verkaufen Zuckerwatte und Seifenblasen, Menschen in Ganzkörper-Katzenkostümen verteilen Broschüren, ein großer, grüner Frosch-Ballon entschwebt entfesselt in die Wolken.

Figuren buddhistischer Gottheiten auf einem Festwagen in Ubon Ratchathani

Bei dem Volksfest lässt sich, neben der Musik, ein weiteres Markenzeichen des Isan entdecken: das Essen. Der Wind weht Hunderte Gerüche aus den vielen Marktständen herüber, es gibt Thai-Klassiker wie Pad Thai und gegrilltes Huhn im Angebot, aber auch exotischere Gerichte: frittierte Insekten von Heuschrecken bis Bambuswürmern, Würste aus knusprigen Schweinsohren, Ameiseneier-Suppe und höllisch scharfen Papayasalat mit Pla Raa, übersetzt „vergammelter Fisch“, eine fermentierte Fischsauce, die nach feuchter Erde schmeckt und die wichtigste Zutat der lokalen Küche darstellt. Die Khon Isan gehören fraglos zu den kulinarischen Extremisten dieses Planeten und verschmähen weder gegrillte Reisfeldratte noch Kaulquappen-Curry noch angebrütete Enteneier.

Irgendwo in dem Gewoge steht auch Goo, der Wachskünstler. Heute Abend bereits parken die Teilnehmer der Parade an dem Straßenzug ihre Skulpturen und präsentieren sie dem Volk. Goo und mindestens 20 weitere Helfer winken den Wagen durch die Massen hektisch an die vorgesehene Position, brüllen einander widersprechende Kommandos, verscheuchen die Schaulustigen mit wedelnden Händen, während ein nicht zu erschütternder Fahrer den Traktor samt Anhänger stoisch an seinen Platz manövriert.

Isan-Küche: Catfish mit blau gefärbtem Reis, Eidotter und Chili-Dip

Goo trägt inzwischen ein Pflaster über der rechten Augenbraue. Beim Lotsen des Wagens vom Tempel hierher ist er im Laufen mit dem Kopf gegen ein Verkehrsschild geknallt. „Sonst ist alles gut gegangen“, sagt er und deutet mit zwei Fingern an, wie knapp die Skulptur durch das Tempeltor passte.

In seinem Alltag lebt Goo als Reisbauer in einem Dorf, eine Stunde entfernt. Mit 14 Jahren jedoch begann er, die Kunst des Wachsmodellierens zu erlernen und ist nun selbst ein Khru, ein Lehrer, der andere darin unterrichtet. Das Preisgeld sei ihm nicht wichtig, sagt er, er wolle nur ein guter Buddhist sein. Weil alle Wagen Szenen buddhistischer Mythen zeigen, erwirbt Verdienste für sein Karma, wer daran mitarbeitet.

Das Kerzenfest am nächsten Morgen ist tatsächlich ein großes Spektakel: Der Regen hat nachgelassen und Honoratioren der Stadt, Fahnenträger, schließlich Hunderte von Tänzerinnen in traditionellen Kostümen und mit tapfer eingefrorenem Lächeln paradieren stundenlang im Jubel Tausender die Straße entlang, zwischen sich die Wachsskulpturen in Farbtönen von hellgelb bis dunkelrot.

Der Wagen von Goo ist einer der ersten. Unter dem Applaus des Publikums reckt er siegesgewiss zwei Daumen. Zu Recht: Am nächsten Tag wird sich herausstellen, dass er erneut den ersten Platz gewonnen hat.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Aktuell fliegen Thai Airways, Lufthansa und Condor nonstop nach Bangkok; Umsteigeverbindungen etwa mit Emirates oder Turkish Airlines. Weiterflug nach Ubon Ratchathani mit Thai Airways oder Thai Vietjet vom internationalen Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi; Thai AirAsia, Nok Air und Thai Lion Air fliegen vom kleineren Flughafen Don Mueang. Es führen auch zwei Bahnstrecken von Bangkok in den Isan, außerdem verkehren Fernbusse.

Wo wohnt man gut? Das „Tohsang Heritage Khongjiam“ ist ein luxuriöses Hotel in malerischer Lage 85 Kilometer östlich von Ubon, wo die Flüsse Mekong und Mun zusammenfließen, DZ/F ab 65 Euro. Das „Tohsang Heritage Ubon Ratchathani“ ist schlichter, aber ruhig und zentral gelegen, DZ/F ab 40 Euro (tohsang.com).

Kerzenfestival: Der Termin richtet sich jeweils nach dem Mondkalender: 2027 findet das Kerzenfestival vom 17. bis 19. Juli statt mit Volksfest, zwei großen Umzügen plus Nachtparade. Es gibt rund 5000 Gratis-Sitzplätze entlang der Strecke und einen kostenpflichtigen VIP-Bereich (13–26 Euro).

Isan-Rundreisen: Antours ist ein deutsch geführter Veranstalter mit Sitz in Thailand, der eine achttägige Studienreise durch den Isan anbietet, allerdings ohne Ubon Ratchathani, ab 2950 Euro p.P. inkl. Flüge (antours.de). Thailand-Rundreisen hat eine individuelle achttägige Isan-Rundreise im Programm, auf Anfrage auch mit einem Abstecher zum Kerzenfestival, ab 1610 Euro p.P. ohne internationale Flüge (thailand-rundreisen.com).

Weitere Infos: thailandtourismus.de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Thailändischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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