Fünf Orte mit 100 Prozent Wikinger-Feeling
Die blonde Ida gibt den Ton an. „Auf mein Kommando rudert ihr los, bis ich Stopp sage“, ruft sie ihrer Mannschaft in dem kleinen nordischen Fischerboot zu. Die sechs Bootsinsassen aus Deutschland und Holland gehorchen aufs Wort. „Stopp“, kommandiert Ida. Alle stoppen. „Andere Richtung!“, ruft Ida, und alle rudern rückwärts im Takt. Ida Weiergang ist die Skipperin des Vikingeskibsmuseet, des Wikingerschiffsmuseums im dänischen Roskilde.
Wer genau wissen will, wie die Wikinger einst auf dem Meer unterwegs waren, bucht eine Tour mit Ida. Etwa eine halbe Stunde wird gerudert, bis draußen auf dem Roskilde-Fjord das mit Rindensaft braun gefärbte Baumwollsegel hochgezogen wird und den Bootsantrieb übernimmt.
Solche Bootstouren sind beliebt bei Wikinger-Fans, wie überhaupt Dänemark bei Urlaubern sehr gefragt ist, wenn es um das Erbe der Nordmänner geht. Die wilden Kerle prägten zwischen Ende des 8. und Anfang des 11. Jahrhunderts die Weltgeschichte.
Und das heutige Dänemark war ihr historisches Kernland – hier gründeten die Wikinger das dänische Königreich, bis heute zeugen archäologische Stätten von dieser Vergangenheit, auf die die Dänen stolz sind. Das Erbe wird im ganzen Land gepflegt. Fünf Orte, die sich für Besucher besonders lohnen, stellen wir hier näher vor.
Roskilde: Nordmänner-Flotte
„Setzt die Segel!“ Was Hobby-Wassersportlern heute entspannt von den Lippen kommt, war einst revolutionär. Erst mit dem Wind konnten die Skandinavier große Distanzen zurücklegen. So erreichte eine Flotte der heidnischen Nordmänner im Jahr 793 die britische Ostküste, überfiel dort das christliche Kloster Lindisfarne und stahl seine Schätze.
Vikingr, auf Raubzug fahren, hieß das im Altnordischen. Der Überfall markiert für Historiker den Beginn der Wikingerzeit. Es folgte die Besiedlung Islands, die Wikinger landeten im heutigen Nordamerika und trieben Handel bis nach Arabien. Meist waren es junge Männer, die in die Welt zogen.
Es waren Nussschalen, mit denen die Raubzüge durchgeführt wurden. Zu dieser erstaunlichen Erkenntnis kommt, wer das eingangs erwähnte Vikingeskibsmuseet besucht. In einer riesigen Halle sind hier die Überreste von fünf Wikingerschiffen ausgestellt – alles andere als gigantisch. Kaum zu glauben, dass die Nordmänner damit ganze Ozeane überquerten.
Die im Museum gezeigten Boote waren vor rund 1000 Jahren zum Schutz des Handelshafens vor der Bucht von Roskilde versenkt worden. Bis 1957 hielt man die Unterwassersperre für einen Steinwall. Erst als Untersuchungen ergaben, dass es sich um Holz handelt, wurden die Wracks ab 1962 ans Licht geholt, konserviert und ausgestellt.
Höhepunkt der Ausstellung ist das 30 Meter lange Eichengerippe von „Skuldelev 2“. Diese „Kriegsmaschine“ mit bis zu 70 Mann Besatzung entstand um 1042 in Irland. Nach diesem Vorbild wurde 2004 in Roskilde der „Seehengst von Glendalough“ gezimmert, der 2007 in einer einzigartigen Versuchsreise mit Wissenschaftlern, Handwerkern und Studenten nach Dublin gesegelt wurde und vor Ort besichtigt werden kann.
Das Museum ist so beliebt und die alte Halle so von Sturmfluten gebeutelt, dass gerade ein Neubau entsteht. Der Umzug in die neuen Räume soll 2028 erfolgen, ohne Schließungsphase.
Lejre: Der Helm hat keine Hörner
Wie zu Hause das Wikingerleben lief, kann man 20 Autominuten von Roskilde entfernt erleben, im Ort Lejre, genauer: im Sagnlandet, dem Land der Legenden, einem Freilichtmuseum und archäologischen Forschungslabor. Man sieht niedrige Holzhäuser mit Lehmboden, die Wände verraucht von offenen Feuerstellen, vor der Tür ein Lehmofen zum Brotbacken. Gegessen wurde Porridge, Hühner- oder Schweinefleisch. Im Sommer bietet das Freilichtdorf ein Aktivprogramm, insbesondere für Familien.
Wikingerhelme haben keine HörnerHerzstück des Sagnlandet ist die elegante Königshalle, 60 Meter lang, zehn Meter hoch. Sie liegt auf einer Anhöhe wie ein umgedrehter Schiffsrumpf. „1000 Tonnen Eiche wurden dafür verbaut“, erklärt Mitarbeiterin Natascha Støvhase. Der Bauplan der Halle ergab sich aus Funden der nahegelegenen Ausgrabungsstätte von Lejre.
Die Pfosten im Inneren zieren Bilder der Götter Odin, Thor und Freya. Urlauber posieren hier oft für Fotos auf dem Throngestühl, gerne auch mit Wikingerhelm. Der hat, anders als uns Zeichentrickfigur Wickie weismachen wollte, jedoch keine Hörner – das Bild vom gehörnten Wikinger entstand erst im 19. Jahrhundert und wurde durch die Wagner-Opern weltberühmt. Für umgerechnet 25 Euro lässt sich ein Wikingerhelm aus Plastik im Museumsshop erstehen.
Herzstück des Sagnlandet in Lerje ist die Königshalle in Form eines umgedrehten SchiffsrumpfsIn der Anlage erfahren Besucher auch einiges zum gar nicht romantischen Wikingeralltag vor gut 1000 Jahren: Das Leben des Nordmanns war blutiger Ernst. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer lag bei etwa 40 Jahren, viele starben bereits mit Mitte 20 oder jünger bei Kämpfen. Die Aussicht auf Walhall, das Kriegerreich im Jenseits, war neben Silber als Beute die größte Motivation für die Raubzüge.
Ladby: Schiff als Königsgrab
In Ladby auf Fünen ist zu sehen, wie Wikingerkönige oft bestattet wurden: in einem Schiff, nicht in einem Sarg. In einem kleinen, gut kuratierten Museum ist die Anordnung von Dänemarks ältestem Königsgrab aus dem Jahr 925 n. Chr. zu sehen.
Im Bug liegt der aufgebahrte Regent, davor stapeln sich elf Pferde- und vier Hundekadaver, das ist eher etwas für hart gesottene Wikinger-Fans. Die Original-Überreste des Wracks – inklusive eines eisernen Ankers und einiger Tierknochen – liegen einen kurzen Spaziergang entfernt in einem begehbaren Erdhügel.
In Ladby steht das Modell eines Schiffs, das mitsamt Tieropfern als Königsgrab dienteSchnell wieder raus an die frische Seeluft, hinunter ans tiefblaue Wasser des Kerteminde-Fjords. Dort liegt der Ladby-Drachen, ein prächtiger Nachbau des Totenschiffes. Kerteminde selbst lohnt sich mit seinen feinsandigen Stränden für einen längeren Aufenthalt, mit Baden, Wandern, Radfahren. Im Spätsommer und Herbst ist es hier herrlich ruhig; morgens muss man sich den Südstrand beim Frühschwimmen nur mit ein paar Einheimischen teilen.
Jelling: Geburtsort Dänemarks
In Jütland befindet sich die größte bekannte Schiffssetzung Skandinaviens: eine rund 356 Meter lange Steinanlage, deren aufgerichtete Blöcke den Umriss eines Schiffes nachzeichnen. Das monumentale Steinschiff rahmt die königliche Wikingeranlage von Kongernes Jelling (Königliches Jelling) ein, die seit 1994 zum Unesco-Welterbe zählt.
Die Dänen verehren hier zwei Runensteine wie andere Länder ihre Kronjuwelen. „Die Granitsteine sind hinter Glas bei 21 Grad und 52 Prozent Luftfeuchtigkeit geschützt“, sagt Guide Søren Mols. Wikingerkönig „Gorm, der Alte“, hatte den kleineren Stein seiner Gattin gewidmet, mit der Inschrift, für „Thyra, der Zierde Dänemarks“.
Es ist das älteste Dokument, auf dem der Landesname erwähnt wird. Den zweiten Stein ließ der Sohn der beiden, König Harald Blauzahn, aufstellen, der von 910 bis etwa 986 lebte. Eine Christuszeichnung darauf gilt als Beleg der Christianisierung Dänemarks, die das Ende der Wikingerzeit einläutete. „Die Steine sind uns Dänen so wichtig, dass sie im Pass verewigt sind“, erzählt Søren Mols und zückt zum Beweis sein Reisedokument, auf dessen erster Innenseite der große Runenstein prangt.
Noch ein anderes Symbol aus Jelling hat seinen Weg in den Alltag gefunden, sogar weltweit: Die Initialen von Harald Blauzahn – die Runenzeichen für H (Hagall) und B (Bjarkan) markieren heute die Bluetooth-Technologie, die drahtlos Smartphones oder Tablets verbindet.
Als skandinavische und amerikanische IT-Entwickler einen welttauglichen Begriff für ihre Erfindung suchten, fiel ihnen der alte Wikinger ein, der Dänemark und Norwegen geeint hatte. Das und mehr zur Wikingergeschichte erfährt man im modernen Museum von Jelling in der Nähe der Runensteine. Dort zeigt eine detaillierte Ahnentafel wandbreit eine lückenlose Linie von Blauzahn bis zu Frederik X. – der aktuelle dänische König stammt direkt von den Wikingern ab.
Odense: König unter Glas
Auf Fünen ist die Stadt Odense eine wichtige Station für Wikinger-Fans. Wie Schneewittchen ist dort im Dom Knud IV. in einem gläsernen Sarg aufgebahrt. Der kirchentreue Wikingerkönig wurde von Aufständischen im Jahr 1086 ermordet und später heiliggesprochen. Sein Tod markiert das Ende der Wikingerzeit. Von einigen Historikern wird es sogar noch früher, auf 1066, datiert, als König Harald Hardrada bei Stamford Bridge der englischen Armee unterlag.
Gebeine vom Papst heiliggesprochen: Wikingerkönig Knud IV.Odense ist obendrein bekannt für die Wikinger-Ringburg Nonnebakken, die einen sagenhaften Durchmesser von 180 Metern hatte. Leider ist von diesem Unesco-Weltkulturerbe heute außer einer Erhebung am Fluss Å kaum etwas zu sehen. Immerhin gibt es Infotafeln und im Stadtmuseum TID eine gut gemachte Ausstellung, die zeigt, wie wichtig die Wikinger waren und wie identitätsstiftend sie für die heutigen Dänen sind.
Odenses Einkaufsstraße Overgade war übrigens schon vor 1000 Jahren eine wichtige Handelsstraße. Das Shoppingangebot hat sich seit den Wikingern allerdings verändert: Statt mit Fisch, Fellen und Silber wird hier heute mit dänischen Lederaccessoires, Antiquitäten und Designerkleidung gehandelt.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Etwa mit dem Eurocity von Hamburg nach Odense und Kopenhagen; von Berlin und Hamburg ist die dänische Hauptstadt auch per Nachtzug erreichbar. Direktflüge nach Kopenhagen von vielen deutschen Flughäfen.
Wo wohnt man gut? In Vejle nahe Jelling: „Four Points Flex by Sheraton“, Doppelzimmer ab 110 Euro pro Nacht (marriott.com). In Kerteminde nahe Ladby: „Hotel Skovpavillonen“, Doppelzimmer/Frühstück ab 120 Euro (hotelskovpavillonen.dk). In Roskilde und Odense gibt es jeweils ein „Comwell Hotel“, Doppelzimmer ab 125 Euro (comwell.com).
Wikinger-Highlights: Wikingerschiffsmuseum in Roskilde, Ticket 22 Euro, Schiffstour 39 Euro (vikingeskibsmuseet.dk). Sagnlandet, Ticket 30 Euro, sagnlandet.dk. Wikingermuseum in Ladby, Ticket 17 Euro (vikingemuseetladby.dk). Kongernes Jelling, Ticket 16 Euro (kongernesjelling.dk). TID-Museum Odense, Ticket 13 Euro (tidmuseum.dk). Überall Ermäßigung für Kinder.
Weitere Infos: visitdenmark.de, visitfjordlandet.dk, visitkerteminde.de
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von VisitDenkmark. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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